Zwillinge, die genetischen Doppelgänger, sollen den Schlüssel zum Geheimnis des Menschen bergen. Was macht uns zu denen, die wir sind? Unsere Natur? Die Umwelt? Die "lebenden Laboratorien" gewähren überraschende Einblicke - heute mehr denn je. Von Frank Ochmann

Was macht uns zu denen, die wir sind? Noch immer wird um die Antwort gestritten. Und immer wieder sind es Zwillinge, die im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen© Philipp Rathmer
Ooooch, wie niedlich! Gleich zwei! Und wie ähnlich sie einander sind! Alle Zwillingseltern kennen solche Sprüche und dazu die halb bewundernden, halb mitleidigen Mienen staunender Mitmenschen, wenn sie ihre doppelten Lottchen oder Hänschen durch die Gegend kutschieren. Natürlich sind es besonders die Einlinge, für die genetische Doppelgänger wie von einer mystischen Aura umhüllt scheinen. In beinahe allen alten Kulturen ranken sich deshalb auch Mythen und Legenden um die Doppelgeborenen. Zwillinge brachten angeblich Glück oder Pech, waren mal mit dem Himmel im Bunde, mal mit der Hölle und wurden entsprechend verehrt oder auch verfolgt. Nur eins waren sie offenbar nie: ganz normal, so wie die anderen.
Auch heute noch umgibt sie ein besonderer Nimbus. Doch sind es inzwischen vor allem Wissenschaftler, die sich für die zwei aus einem Ei interessieren. Schon 1875 kam Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, auf den entscheidenden Gedanken: An Zwillingen lässt sich studieren, welche Eigenschaften Menschen ererbt und welche sie erst später in ihrem Leben angenommen haben. Aber was ist wichtiger? "Nature" oder "nurture", Natur oder Erziehung und Umwelt? Was prägt den Menschen?
Schon Forscher wie Galton plagte das Verlangen, den Menschen nicht nur zu verstehen, sondern auch gleich zu verbessern. Den britischen Menschen jedenfalls. Nicht, weil der es besonders nötig gehabt hätte, sondern damit er als Auserwählter herrsche über den Rest der Welt. Galton begründete neben der Zwillingsforschung auch die "Eugenik", die Lehre von den "Wohlgeborenen", den "Gutgezüchteten", wie es treffender heißen sollte.
Ihr degoutanter Ursprung ändert nichts daran, dass Galton eine Schicksalsfrage gestellt hatte: Was macht uns zu denen, die wir sind? Noch immer wird um die Antwort gestritten. Und immer wieder sind es Zwillinge, die im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen, "die lebenden Laboratorien", wie sie eine amerikanische Forscherin nennt. Wer Galtons Frage bedenken will, kommt an Zwillingen nicht vorbei.
Trotz des frühen Anschubs kam die Methode erst voran, nachdem psychologische Verfahren entwickelt worden waren, die es gestatten sollten, Temperament und Intelligenz zu messen. Denn natürlich interessierte die Wissenschaft vom verbesserten Menschen nicht nur Körperwuchs, Haar- und Hautfarbe, sondern mindestens ebenso Geist und Charakter.
Vor allem in Deutschland wurde die Forschung ab den 1920er Jahren vorangetrieben. An ihrer Spitze stand damals der Genetiker Otmar Freiherr von Verschuer, der den Nazis später in der Praxis zu geben versuchte, wonach deren Ideologen lauthals schrien: eine Herrenrasse. Der Gedanke war nicht neu, die Mittel zu seiner Realisierung aber sind in ihrer Grauenhaftigkeit unübertroffen.
Eine Sünde, ja ein Verbrechen wäre es, so behauptete einer von Verschuers Doktoranden, diese nie wiederkehrende Chance für die Zwillingsforschung ungenutzt zu lassen. Es war Josef Mengele. Und die Chance, die ihn so faszinierte, bot sich im Konzentrationslager Auschwitz. Etwa 3000 zumeist noch kindliche Zwillinge fielen "Onkel Mengele" dort in die Hände. Nachdem er sie mit Süßigkeiten verwöhnt hatte, infizierte er sie mit Krankheitserregern oder injizierte Chemikalien in die kleinen Augen, um aus braunen Pupillen arisch-blaue zu machen. Nicht einmal 200 Zwillinge überlebten die unsäglichen Torturen. Verständlich bei diesen Wurzeln, dass die Zwillingsforschung nicht nur in Deutschland bis heute mit Naserümpfen beobachtet oder gänzlich abgelehnt wird. Doch vor allem die vergangenen Jahre haben Verblüffendes hervorgebracht.
Während sich alle Welt noch immer streitet, ob das genetische Kopieren von Menschen zumindest für medizinische Zwecke erlaubt sein soll, sind die Klone längst unter uns. Denn nichts anderes als genetische Ebenbilder sind Zwillinge. Jedenfalls die eineiigen, "monozygoten", wie Experten sagen. Zweieiige, "dizygote", sind genau genommen nur zufällig am selben Tag geborene Geschwister.
Wir sehen nicht allzu viele Doppelgänger auf der Straße. Doch weit mehr Menschen, als wir vermuten, sind in den ersten Wochen im Mutterleib nicht allein. Ungefähr zwei Drittel aller Schwangerschaften enden spontan, manche gänzlich unbemerkt. Es gibt also auch etliche Zwillinge, die im Mutterleib verschwinden.
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 4/2006