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20. November 2008, 19:33 Uhr
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Hähnchenschnitzel "Heuchler Art"

Kann man von gut vier Euro am Tag gesundes Essen kochen? Uwe Glinka und Kurt Meiter haben es bei Günther Jauch bewiesen. So hilfreich diese Aktion für einzelne auch sein mag, sie stammt trotzdem aus der sozialen Giftküche, meint stern-Redakteur Frank Ochmann.

Hirnforschung, Psychologie, Kopfwelten, Hartz IV

4,40 Euro am Tag für's Essen: Kann das reichen?© Keystone

Nehmen wir an, es ginge Ihnen finanziell dreckig. Hungern müssen Sie vielleicht nur deshalb nicht, weil sich täglich die Tür zu einer karitativen Suppenküche auftut, in der es etwas Warmes in die Schüssel gibt. Was halten Sie dann wohl von Mitmenschen, die Ihnen den Gang zur Armenspeisung dadurch erleichtern wollen, dass sie Ihnen dorthin einen lauschigen Weg mit hübscher Aussicht empfehlen? Sind solche Menschen einfach nur "praktisch" veranlagt, weil sie halt aus jeder Misere noch etwas Positives zu machen versuchen? Oder verdienen sie vielmehr als Antwort das, was Sie jetzt vielleicht gerade denken?

Uwe Glinka und Kurt Meier haben im Fernsehen gezeigt, wie es geht, auf Hartz-IV-Niveau so zu kochen, dass man satt wird und eine Studio-Ökotrophologin auch noch anerkennend nickt: Die Nährwerte stimmen, Obst und Gemüse sind reichlich, Süßes und Knabbereien fehlen. Ist es also nicht geradezu ein medizinischer Segen, dass für solche verführerischen und fett machenden Extras kein Geld mehr bleibt?

Im Interesse der Volksgesundheit?

Wir könnten sogar noch einen gesundheitsfördernden Schritt weiter gehen und unseren Hartz-IV-Empfängern drei bis dreizehn zusätzliche Lebensjahre schenken. Dazu müssten wir den monatlichen Regelsatz so weit herunterregeln, dass mehr als, sagen wir, 1600 Kilokalorien täglich (entspricht 6699 kJoule) ganz bestimmt nicht drin wären. Wie gesund solches Fasten ist, zeigt der Stand der Forschung nicht nur für Fadenwürmer, sondern auch für Menschen. Wären Regelsätze à la Friedrich Merz (132 Euro pro Monat) darum nicht geradezu moralisch geboten? Und sollte nicht entsprechend die Zahl der Hartz-IV-Empfänger im Interesse der Volksgesundheit noch deutlich erhöht werden?

Es ist besser, diesen Gedanken hier abzubrechen, sonst greift ihn am Ende noch ein Politiker auf. Inzwischen scheint nämlich keine Idee mehr zu abwegig zu sein, um nicht noch als interessanter Verbesserungsvorschlag für unser marodes Sozialwesen gelten zu können. Rezepte wie die von Uwe Glinka und Kurt Meier - für die Hartz-IV-Zweierbeziehung, wahlweise auch mit Kind - mögen schmackhaft sein und gesund. Trotzdem entstammen sie einer (sozialen) Giftküche. Und dieses Urteil richtet sich nicht gegen die beiden Autoren des Ernährungsplanes, die - selbst in der wirtschaftlichen Bredouille - auf die fernsehtaugliche Idee kamen oder gesetzt wurden. Wer will ihnen denn das Recht absprechen, sich zu "verbessern"? Was aber ist mit den Absichten derer, die einer solchen Idee die Bühne und ein Millionenpublikum bieten?

Wer nicht davon ausgeht, dass alle bei uns in Armut Geratenen faul, doof oder beides sind, braucht eine andere plausible Erklärung für den längst unübersehbaren Notstand in unserer Gesellschaft. Denn inzwischen kann in der Nähe städtischer Mülleimer der Eindruck entstehen, dass deutlich mehr Menschen nach leeren statt nach vollen Bierdosen greifen. Wie beruhigend ist es da, wenn wir selbst noch kein Pfandgut sammeln müssen und uns zudem gemeinschaftlich einreden können, dass es ja nun soooo schlimm auch noch nicht ist hierzulande. Sehen Sie mal, was man mit ein paar Kröten noch Leckeres zaubern kann - und dann denken Sie mal an den Kongo!

Die Gräben in der Gesellschaft vertieft

Das Schlimme an solchen populären Aktionen: Sie vertiefen die Gräben, die unsere Gesellschaft durchziehen und destabilisieren sie weiter. Denn Beifall gibt es natürlich von der satten (Noch-)Mehrheitsfraktion, der es schon länger auf die Nerven geht, mit ihren sauer verdienten Steuern und Sozialbeiträgen all die "Asis" durchziehen zu müssen. Und dem Herrn sei es gedankt, dass auf jedem U-Bahnhof noch mindestens ein ekliger Penner mit Bierfahne herumlungert, auf den man zeigen kann: "Da siehste es! Und für so was zahl' ich!"

Bin ich ein naiver Gutmensch? Der Robin Hood vom stern? Keine voreiligen Schlüsse: Ich bin genau so sehr auf mein eigenes Wohl bedacht, wie Sie, verehrte Leserinnen und Leser. Und genau darum wird es mir ziemlich mulmig im Magen, wenn zu Unterhaltungszwecken billige Sozialkosmetik auf Wunden gekleistert wird, die darunter nur um so schlimmer faulen und modern können. Wir hören täglich von hunderten Milliarden Euro oder Dollar Bürgschaften, Krediten und Finanzspritzen für Banken und Unternehmen, die im Vollrausch der Selbstüberschätzung ihrer Führungsriegen bis an oder gleich in den Abgrund gesteuert wurden. Und gleichzeitig lassen wir uns bei klarem Verstand einreden, dass es sich mit 4 Euro 40 am Tag doch ganz anständig futtern lässt? Was denken Sie: Wieviel Vertrauen und wieviel Zusammengehörigkeitsgefühl wird ein solch heiterer Fernsehabend wohl in unsere Gesellschaft gebracht haben?

Literatur:

Everitt, A. V. & LeCouteur, D. G. 2007: Life Extension by Calorie Restriction in Humans, Ann. N.Y. Acad. Sci. 1114: 428–433
Fehr, E. & Schmidt, K. 1999: A Theory of Fairness, Competition, and Cooperation, The Quaterly Journal of Economics (August), 817-868
Knack, S. & Zack, P. J. 2002: Building trust: public policy, interpersonal trust, and economic development, Supreme Court Econ. Rev. 10, 91–107
Lohre, M. 2008: Merz, die Ein-Mann-Opposition, TAZ v. 13.9., S. 5

Frank Ochmann

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes-
­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Im März erschien sein Buch "Die gefühlte Moral: Warum wir Gut und Böse unterscheiden können".

KOMMENTARE (10 von 67)
 
Eisenbaer (22.11.2008, 11:23 Uhr)
Und ich finde es unlauter...
...Menschen, die eine positive Grundeinschätzung Ihres Lebens besitzen, und ihre Erkenntnisse mit anderen Leidensgenossen teilen wollen, unlautere Motive vorzuwerfen. Die beiden Herren sind mit ihrem ALG 2 bestimmt auch nicht zufrieden, aber haben sich mit den Umständen arrangiert und versuchen das Beste aus ihrer Situation herauszuholen.

Das kann man nicht hoch genug loben. Und noch besser ist, dass sie ihre Hilfe zur Selbsthilfe auch anderen Menschen anbieten, die sich in der gleichen Situation befinden. Diese beiden Männer verdienen ein Extralob von uns allen.

Aber was bekommen Sie von vielen anderen Betroffenen? Nur Schelte. Und warum? Nun deswegen, weil sie sich nicht in gleicher Weise für eine Erhöhung des ALG 2 einsetzen.

Und das Schönste ist jetzt dieser Artikel von einem bestimmt nicht Betroffenen, der wieder zusammenaddiert, was in der Realität gesellschaftlich getrennt wurde. Nun Solidarität in sprachlicher Form ist ja gut und schön, füllt aber keinen Magen. Und deshalb ist das Kochbuch der beiden Herren die weitaus bessere Hilfe und verdient ein richtiges Dankeschön von allen bereits Betroffenen und allen potenziell Betroffenen.

Gänzlich falsch ist es jetzt aber, und nur in dem Sinne der Herrschenden, wenn sich diese beiden Gruppen der Betroffenen deswegen bekriegen, weil einigen bereits Betroffenen eingefallen ist, sich mit ihrer Situation zu arrangieren und in der Zwischenzeit, bis sich die Umstände wieder verbessern, das Beste aus ihrer derzeitigen Situation zu machen.

Nun ist es an uns, den potenziell Betroffenen und Noch-Steuerzahlern diesen Umständen (und den vermeintlich mächtigen Politikern)den Kampf anzusagen.

Was aber tun wir? Heulen in dem Wofsrudel unserer potenziellen Feinde mit und treten auf die beiden Samariter ein.

Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr... ;-))
DerExperte (22.11.2008, 06:02 Uhr)
@c2
Es gibt Kranke und Krankheiten auf dieser welt - die sind unheilbar!
CeeTo (22.11.2008, 00:13 Uhr)
-.-
Mit dieser weinerlichen Art die ihr hier zeigt kann man auch nicht weit kommen.
DerExperte (21.11.2008, 20:15 Uhr)
@-Ceeto
@ CeeTo (20.11.2008, 21:12 Uhr)
-.-
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das ist eine ganz einfache Sache.
Jemand der Hartz4 bekommt ist in den wenigsten Fällen wirklich schuldlos an seiner Lage.------------------>
HERZLICHEN GLUECKWUNSCH zu dieser Scheiss - Einstellung:
Wenn Du nicht gerade von Haus aus gut abgesichert bist, dann wuensche ich dir Glueck wenn du auf deinem Arsch so landest, das deine Synapsen 3 Monate klingeln.
Hier in Chandler AZ - wurde die letzte US Chip Fabrik gebaut - Intel sagte alle anderen werden in China oder Indien gebaut. China spuckt 40000 ( VIERZIGTAUSEND) INGENIEUR ABSOLVENTEN JEDES JAHR AUF DEN MARKT.
Die 40 jaehrigen - die von Analog zu Digital Entwicklung bei Siemens nicht mehr umgeschult wurden - die 50 jaehrigen die bei Firmenpleiten einen neuen job suchten - und nicht mehr fanden... Die Motorola Ingenieure die aufgrund von Schrumpfung ihren Job verloren (Ron Sommer ist Direktor bei Motorola USA ) - alle Honeywell Ingenieure die ihren Job nach Mexiko verloren - oder durch Honeywell Firmenschliessungen jetzt Bar Tender sind - ..... alle diese stellen sich in deinen schlimmsten Albtraeumen hinten an um dir kraeftig in den Arsch zu treten...... .
BEN - PHX USA
Obstmann (21.11.2008, 18:26 Uhr)
muss nochmal was sagen
Ich bin in ebenfalls im zweiten Lehrjahr.
Ich finanziere mir eine eigene Wohnung und fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Mir bleibt nicht viel mehr als 4.40 pro Tag fürs Essen. Aber ich bin auch nicht am Jammern und beschwere mich über den Staat, der mir nicht auch noch ein Auto bezahlt, damit ich mich nicht selbst bewegen muss. Bestimmt gibt es viele Leute, die zu unrecht keine Arbeit finden, obwohl sie suchen und Ihren Beitrag leisten wollen. Aber das sind meistens weder diejenigen, die meckern, noch diejenigen, die sich falsch ernähren... Ich finde es fatal, dass (und das meine ich nicht verallgemeinernd) einige wenige sich auf dem Geld des Staates ausruhen, zuhause auf dem Sofa liegen, sich fett und billig ernähren, immer dicker werden, rauchen und viel Alkohol trinken, dadurch krank werden, auch noch der Krankenkasse zur Last fallen und sich dann noch darüber beschweren, dass sie keinen Plasmafernseher zu hause haben...
Jammern auf viel zu hohem Niveau - Sucht mal hier bei Stern.de nach dem Artikel über Vergewaltigungen im Kongo. --> DAS sind Probleme!
nowi (21.11.2008, 15:05 Uhr)
Kein Verständnis
Ich verdiene den Regelsatz Hartz 4 als Azubi im 2. Lehrjar. Auch ohne diese Klasse Kochbuch komme ich jeden Monat normasl üpber die runden. Jeder der hier meckert ist einfach nur verwöhnt und hat nie gelernt mit gGeld umgehen zu können. Alkohol und Zigaretten können und dürfen da auchg nicht finanzierbar sein. Immerhin sind das Steuergelder, heißt andere bezahlen euch das!!!! Und da darf nur eine Grundversorgung drin sein. Der rest muss über Eigenleistung, wie arbeiten verdient werden. Klass Kochbuch, und denkt daran im 'Winter einen Pullover anziehen damit es nciht so kalt in der Wohnung wird. Heizkosten sparen!
aeternitas (21.11.2008, 09:35 Uhr)
@ceeto
Arbeitslos werden und bleiben hat sich schnell, wenn:
- Sie über 40 sind und normaler Angestellter (die soll es ja auch geben, nicht nur Akademiker, und damals haben halt nur die Kinder der Reichen studiert und nicht die Kinder der normalen Arbeiter)
- Sie z.B. Handwerker sind und einen schweren Arbeitsunfall/Schlaganfall/Krankheit (Krebs, MS, ...) hatten
- Sie in einer Firma am Schreibtisch gearbeitet haben als Sachbearbeiter und die Firma nach Indien auswandert
- Sie einen der Berufe erlernt haben, die immer seltener werden (z.B. in der Textilindustrie, Buchdruck etc.)
Und wenn sie über 45 und arbeitslos sind, dann ist der Ofen endgültig aus, egal ob sie Winzermeister sind oder an einer Metallpresse gearbeitet haben. An Hartz4 führt dann kein Weg mehr vorbei. Der einzige Unterschied ist nur noch ob Sie Hartz4 voll oder nur als Aufstocker bekommen. --> alle Wege führen da hin.
Und damit Sie endlich aufwachen: Ich habe bei der BA mehrere Ingenieure (Statiker, Bauingenieure, Elektroing. )kennengelernt, Familienväter über 40, die DRINGEND versuchten einen Job zu bekommen von dem man die Familie ernähren kann. Ihr Problem war ganz bestimmt nicht die Qualifikation, es war allein das Alter. Und weil sie zu teuer waren. Wenn Sie sich einmal bewerben, müssen Sie Gehaltsvorstellungen äußern und auch Sie werden lernen, dass man selbst als 1,x Absolvent nicht mehr das fordern kann, was vor 5 Jahren noch der mittlere Durchschnitt der IG Metall bei Einstiegsgehältern war.
Und wenn bei Ihnen der Tag kommt, und Sie sich für Ihr erstes Vorstellungsgespräch einkleiden mit der Hilfe von den Eltern, denn DAS können sich "arme" Studenten selten leisten, dann denken Sie einen Moment an die vielen Leute, die sich das nie mehr leisten können, wenn der 3-stellige Betrag an der Kasse aufleuchtet. Kleider machen Leute, das gebe ich Ihnen mit auf den Weg. Seien Sie froh, dass sich Ihr Leben bald zum Guten ändern wird, aber verachten Sie die nicht, deren Leben sich nicht mehr ändert. Diese Leute finanzierten einst auch durch ihre Steuern Ihr Studium, Ihr billiges Mensaessen, Ihr Semesterticket für ÖNV , Ihre subventionierten Kultureintrittspreise etc.
Krakatoa41 (21.11.2008, 08:23 Uhr)
@CeeTo
Sie haben ja schon un heimlich viel Lebenserfahrung gesammelt und wissen alles über die Menschen. Warum haben Sie eigentlich so wenig Geld als Student? Bekommen Sie wegen Ihrer reichen Eltern kein Bafög? Oder bekommen Sie kein Bafög weil Sie bereits 10 jahre studieren? Warum gehen Sie nebenbei nicht arbeiten? Studenten sind sehr begehrte Arbeitskräfte. Vielleicht wäre es besser, Sie hätten vor Ihrem Studium erst mal einen Beruf gelernt.
Der Artikel ist absolut erfrischend und völlig zutreffend. Dieses Kochbuchist sinnlos und überflüssig, zumal es auch viele Situationen überhaupt nicht erfasst, denn es gibt auch alleinstehende, Familien mit Kindern ( bei denen entgegen einer vorherrschenden Meinung das Kindergeld als Einkommen angerechnet wird und damit abgezogen wird und nicht etwa zusätzlich dazu gezahlt wird), es gibt Familien mit Kondern in Ausbildung, wo die Kinder keinen Regelsatz erhalten, aber das Lehrlingsgeld oder Bafög als Einkommen gegengerechnet wird. Das andere Problem die Discounter weigern sich erfolgreich, Gurken scheibchenweise oder Wein Gläschen weise zu verkaufen.
herrfreitag (21.11.2008, 08:05 Uhr)
guter artikel...
...vielen dank! sie sprechen mir aus den herzen.
durch so ein hartz-4 kochblödsinn wird die soziale solidarität der gesellschaft noch mehr gespalten.
und herr jauch sollte mal genau überlegen, wen er sich da ins studio holt.
statt auf quotenfang zugehen
endbenutzer (21.11.2008, 08:01 Uhr)
Dem ist...
...nichts hinzuzufügen. Dieser Artikel sollte Pflichtlektüre - am besten jeden Morgen - für all die werden, die immer noch von oben herab auf andere Menschen schauen und dabei vergessen, dass sie selbst ganz schnell auch zum Kreis der Bedürftigen zählen könnten.
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet jede Woche über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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