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16. September 2009, 16:56 Uhr

Auch Gewalt ist leider menschlich

15 Menschen waren beim Überfall auf dem Münchner S-Bahnsteig anwesend. Erneut erschallt der Ruf nach Zivilcourage und schärferen Gesetzen. Wirken wird beides nicht. Von Frank Ochmann

Zoom
Solln, Gewalt, Kopfwelten S-Bahnhof Mü,nchen-Solln

Die tödliche Attacke auf einen 50-jährigen Geschäftsmann in München erschütterte die Republik© Frank Leonhardt/DPA

Es ist also wieder passiert. Zwei Jugendliche - 17 und 18 Jahre alt, polizeibekannt, arbeitslos und zumindest einer wohl auch angetrunken - haben in München einen Mann zu Tode geprügelt, der verhindern wollte, dass vier andere Jugendliche, zwei, drei Jahre jünger als die Täter, von ihnen "abgezogen" wurden. Das ist gängiger, aber verharmlosender Jargon für Raub. Um ganze 15 Euro soll es im Münchner Fall gegangen sein. Den Fünfzigjährigen kostete sein schützendes Eingreifen auf dem Sollner S-Bahnhof schließlich das Leben. 15 Passanten haben gesehen, wie er totgeschlagen wurde, kurz bevor die Polizei eintraf. Aber niemand half ihm.

Die Untersuchungen sind kaum angelaufen, der genaue Tathergang ist noch nicht geklärt. Und doch folgen in der öffentlichen Diskussion auf das Entsetzen schon die üblichen, immer gleichen Phrasen. Zum Beispiel die von der "unmenschlichen Rohheit", die Bayerns Justizministerin Beate Merck beklagte.

Der Versuchung, Brutalität aus dem normalen Verhaltensschema eines Menschen auszublenden, ist offenbar nur schwer zu widerstehen. Wer "aus niedrigen Beweggründen", so die Staatsanwaltschaft, auf einen einschlägt und tritt, muss der nicht anders sein als "wir", "unmenschlich" sogar? Sprache ist verräterisch. Tatsächlich gehören Aggressionen und auch eine so entsetzliche Gewalt, wie die jetzt wieder erlebte, nicht schon deshalb in den Bereich des Pathologischen oder gar Nichtmenschlichen, weil uns allein der Gedanke daran zum Würgen reizen kann.

Träume von paradiesischer Unschuld sind gefährlich

Auch das gehört zu den gewohnten Reaktionen in einem solchen Fall, dass sich mancher offenbar zur eigenen Beruhigung wünscht, es möchten doch wenigstens keine Deutschen gewesen sein, die terrorisierten, traten und töteten. Aber es waren nicht welche von "denen", es waren "Unsrige". Was im Übrigen auch immer wahrscheinlicher wird, denn der Anteil von Jugendlichen mit nichtdeutschem Hintergrund in der Kriminalstatistik nimmt seit vielen Jahren stetig ab, auch wenn politische Rechtsaußen gern etwas anderes verbreiten.

Wir müssen die Gewalt nicht in der Ferne suchen, nicht im Ausland, nicht beim Teufel und auch nicht in einer tierischen Vergangenheit, von der wir gern glauben, wir hätten sie zumindest dank unserer strahlenden Kultur so weit hinter uns gelassen, dass wir sie ganz einfach und am besten auch für immer vergessen könnten. Solche Träume von natürlicher, nein, paradiesischer Unschuld sind gefährlich, weil sie die Verhältnisse beschönigen und dadurch verhindern, dass dort wirkungsvolle Vorkehrungen getroffen werden, wo Gewalt schon nicht verhindert werden kann. Denn alle irdischen Erfahrungen lehren: Wer es mit Menschen zu tun bekommt, muss mit Gewalt rechnen. Dass es fast immer gut geht und wir eben doch heil nach Hause kommen, ändert noch nichts am Gefahrenpotenzial, an das besser gedacht werden sollte, wenn Menschen auf Menschen treffen.

Und auch damit muss gerechnet werden, wie sich in München wieder gezeigt hat: Dass kaum einer hilft, wenn es einmal brenzlig wird. Schon vor 40 Jahren ist dieses irritierende Phänomen in heute klassischen Arbeiten der amerikanischen Psychologen John Darley und Bibb Latané untersucht worden. Was auf den ersten Blick wie Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Opfer oder - durchaus verständlicher - Angst vor eigenem Schaden aussieht, scheint in Wirklichkeit eine "Lähmung" zu sein, die durch die Anwesenheit der anderen, nicht direkt Beteiligten ausgelöst wird. Eine mögliche eigene Verantwortung für den Fortgang der Dinge verdampft geradezu, indem sie zumeist unbewusst von einem zum anderen geschoben wird. Es gibt in solchen Fällen durchaus einen inneren Reflex, einem zu Hilfe zu kommen, der in Gefahr gerät. Doch schnell wird dieser Reflex gehemmt, sobald andere dabei sind. Je mehr, desto wahrscheinlicher.

Die Befürchtung, sich zu blamieren, lähmt

Dahinter steckt nicht einfach emotionale Kälte oder mangelnder Mumm. Vielmehr sind wir in jedem Augenblick unseres Lebens innerlich so sehr mit der Frage beschäftigt, was die anderen machen und wie auf sie wirkt, was wir selbst gerade tun oder vorhaben, dass uns das wirklich - und ohne jede böse Absicht im Hintergrund - lähmen kann. Das ist eine überraschende Beobachtung, die sich auch in aktuellen Arbeiten bestätigt. Es kann demnach gut sein, dass es nicht zuerst die immer vermutete Angst vor den Tätern ist, die uns davon abhält, einem Opfer zur Seite zu springen. Was den meisten wirklich zu schaffen macht, ist vielmehr die Befürchtung, durch das Eingreifen vor den anderen "Zuschauern" als unüberlegt, hitzköpfig, besserwisserisch oder sonstwie blöd dazustehen. Es braucht sehr viel Mut, um als Mensch anders zu reagieren als alle anderen und damit Gefahr zu laufen, sich zu blamieren.

Schlichte Aufrufe zu mehr Zivilcourage werden daran nichts ändern. Und es wird der Situation in Solln auch nicht gerecht, die 15 Menschen, die das brutale Geschehen in der S-Bahn und auf dem Bahnhof als Fahrgäste oder Passanten mitbekommen haben, vom hohen Ross herab als Feiglinge abzustempeln. Ja, theoretisch hätten sie helfen und das Schlimmste verhindern können. Und doch haben sie nur getan, was beinahe alle anderen - uns eingeschlossen - auch getan hätten. Nicht weil wir alle gefühl- und erbarmungslos wären, sondern weil unser "soziales Gehirn" nun mal so tickt.

Müssen wir uns also damit abfinden, weil das unsere "Natur" ist?

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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KOMMENTARE (10 von 33)
 
Administrator (16.09.2009, 16:56 Uhr)
Liebe User,
wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Administrator (16.09.2009, 16:47 Uhr)
@Robbespierre
Nein, Ihr Posting von 13:50 Uhr wurde nicht wegen seines Inhalts gelöscht bzw. der von Ihnen vertretenen Meinung gelöscht.

Sie haben zum wiederholten Male einen Usernamen verunglimpft. Statt "Millhouse" haben Sie "Müllhouse" geschrieben.
mats123 (16.09.2009, 16:39 Uhr)
@knilch
Genau da liegt ihr Denkfehler, den Sie mit unseren unfähigen Richtern und Staatsanwälten teilen. Völlig lebensfremd und aus sicherer Distanz urteilen Sie über Menschen, die einer existenziellen Bedrohung unter großem Stress und enormer Angst ausgesetzt sind. Natürlich ist es ein Ausdruck von Zivilcourage, sich im Falle eines Angriffs zu wehren, und zwar auch mit einem Messer. Zur Notwehr gehört Mut, es ist die Verteidigung eines Opfers gegen einen brutalen Schläger. Wer keinen Mut hat, lässt sich wehrlos zusammenschlagen. Und ein kleines Messer als Halsband bei sich zu führen, ist keine Straftat. Das darf schon gar nicht bei einem bisher völlig unbescholtenen Studenten wie Sven G. gegen ihn ausgelegt werden.

Ich kann nur eins sagen: Kommen Sie selbst mal in so eine Situation und dann können Sie nochmal darüber nachdenken, wie mutig es ist, sich nicht zu wehren.
embe (16.09.2009, 16:39 Uhr)
Zivilcourage ade
Es ist zu einfach alles auch mangelnde Zivilcourage zu reduzieren, wenn Opfer und Helfer oft im Regen stehen gelassen und Täter mit minderen Starfen laufengelassen werden.
Die perversion unserer Gesellschaft helfende evtl. sogar mit strafen wegen evtl Körperverletzung dem Täter gegenüber zu ahnden nur weil man diesen vielleicht zur Seite schubst ect. lassen viele lieber innehalten.
Ein Fall aus dem Bekantenkreis , bei dem ein Junger Mann von hinten erstochen urde und zu tode kam , weil er jemandem geholfen hat, wurde seitens Gericht, indirekt sogar noch mitschuld eingeräumt weil Er sich in eine "gefährliche Situation begeben habe".
Noch Fragen ???!!
Das ist unser Rechtssystem
leboz (16.09.2009, 16:31 Uhr)
knilch, daß die Halbstarken
Leute umgebracht hätten, ist mir völlig unbekannt. Aber wenn das nun mal so ist, kann man eigentlich gar nichts gegen die Gewalt tun, sondern muß alles so weiterlaufen lassen. Zahlreiche Politiker, sogar Minister, sind ohnehin dieser Ansicht.
knilch_59 (16.09.2009, 16:22 Uhr)
@mats123: Zivilcourage?
Es hat nichts mit Zivilcourage zu tun, dass man im Streit ein Messer zückt und sich damit rechtfertigt, dass der andere einen bedroht hat. Schon alleine die Tatsache, dass man ein Messer bei sich führt, weist darauf hin, dass man nicht versucht Gewalt zu vermeiden, sondern nur imstande sein will, die Schraube zu eigenen Gunsten noch eine Umdrehung weiter zu drehen - "welcher Idiot geht schon mit `nem Messer auf `ne Schießerei?? Von daher habe ich auch Verständnis dafür, dass Staatsanwälte auf diese Form von Zivilcourage allergisch reagieren.
Robbespierre (16.09.2009, 16:16 Uhr)
Tja Admins,
auch mein Posting ist Eurer Zensurorgie zum Opfer gefallen. Dabei habe ich gar keinen Vergleich mit einem Staatsanwalt angestrengt, sondern einen Zusammenhang zwischen unserem Gesellschaftsystem und aggressiven Verlierern hergestellt. Diese Art von Zensur war juristisch unnötig und eine reine Meinungszensur, wie in Diktaturen üblich...
knilch_59 (16.09.2009, 16:07 Uhr)
@leboz
Da wird die Vergangenheit wohl etwas verklärt ? vor der antiautoritären Erziehung gab es auch bei uns die ?Halbstarken?, die sich mit Absicht an den Rand der Gesellschaft stellten und Gewalt gab es ebenfalls täglich ? aber man konnte damit umgehen. Der Umgang mit Gewalt war eingeübter, man konnte deeskalieren, es gab ungeschriebene Regeln fürs Kämpfen usw. Und irgendwie war es auch normal, dass man als Jugendlicher mal eins auf die Nase bekommen hat. Heute gibt es viele, bei denen eine weitgehend gewaltfreie Erziehung gut funktioniert hat und einige wenige, bei denen das nicht geklappt hat. Und dazwischen fehlt eine Mitte, die das ausgleichen könnte. Wir sind hiilflos gegenüber der Gewalt geworden, das ist das, was zu den Gewaltexzessen führt. Vieles in der Entwicklung zum Erwachsenen hängt mit Sozialisation zusammen, das Umfeld prägt den Menschen. Und von seinen genetischen Herkunft ist der Mensch nicht für Familie, sondern für die Sippe ausgelegt: An der Sozialisation beteiligen sich nämlich ausdrücklich nicht nur die Eltern und Lehrer, sondern auch die Geschwister und Nachbarn. Wenn das fehlt, kommen ?unvollständige? Menschen heraus, denen bestimmte Eigenschaften fehlen. Die Wichtigste dabei ist tätiges Mitleid, und das hat hier nicht nur den Tätern, sondern auch den Zeugen gefehlt.
mats123 (16.09.2009, 15:55 Uhr)
Zivilcourage für Dummies
Das Gerede über Zivilcourage ist doch nur eine Ablenkungsmanöver der Justiz und Politik. Es ist ja so schon einfach, den Bürgern die Schuld zu geben, wenn man selbst total versagt.

Fakt ist doch folgendes:

1. Die Justiz entlässt Gewalttäter ohne Strafe immer wieder auf freien Fuss und nimmt Opfer unter der Bevölkerung wohlwollend in Kauf.
2. Wenn sich jemand in Notwehr wehrt, macht der Richter das Opfer zum Täter und den Täter zum Opfer (siehe Fall von Informatikstudent Sven G. in München).
3. Die Politik hätte schon längst solche Haftstrafen bestimmen können, dass diese Gewalttäter in Sicherungsverwahrung kommen und von ihnen nie mehr Gefahr ausgeht. Aber das ist politisch nicht gewollt. Lieber sollen unschuldige Bürger und Kinder wieder zum Opfer werden und sterben.

Zivilcourage funktioniert somit nicht, weil es gar nicht gewollt ist. Politik und Justiz wollen Verbrecher schützen und die Opfer bestrafen bzw. erschlagen lassen. Man darf sich gar nicht angemessen wehren. Es ist damit ein ungleicher Kampf und somit aussichtslos. Das einzige, was man machen kann, ist, die Polizei anzurufen. Aber das geht auch nur, wenn man nicht selbst gerade angegriffen wird. Somit will der Staat, dass man sich brav zusammenschlagen lässt. Kann man ja schön so bestimmen, wenn man statt mit U- und S-Bahn mit Chauffeuer in gepanzerter S-Klasse fährt, und das sogar bis nach Spanien.
leboz (16.09.2009, 15:30 Uhr)
Es mag wohl so sein,
daß Gewalt in den menschlichen Genen festgelegt ist. Aber auch zivilisatorische und kulturelle Entwicklungen sind den Menschen eigen. In den fünfziger Jahren wußten alle nach den unsäglichen Verbrechen während des dritten Reiches, daß Gewalt kein Mittel zur Lösung von Problemen und Konflikten ist. Kirchen, Intellektuelle und die Intelligenz waren hochgeachtete Institutionen in Deutschland. Heutzutage sind das ja alles nur noch Pinscher. Die Gewalt nimmt immer größere Ausmaße an.
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet jede Woche über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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