
Die tödliche Attacke auf einen 50-jährigen Geschäftsmann in München erschütterte die Republik© Frank Leonhardt/DPA
Es ist also wieder passiert. Zwei Jugendliche - 17 und 18 Jahre alt, polizeibekannt, arbeitslos und zumindest einer wohl auch angetrunken - haben in München einen Mann zu Tode geprügelt, der verhindern wollte, dass vier andere Jugendliche, zwei, drei Jahre jünger als die Täter, von ihnen "abgezogen" wurden. Das ist gängiger, aber verharmlosender Jargon für Raub. Um ganze 15 Euro soll es im Münchner Fall gegangen sein. Den Fünfzigjährigen kostete sein schützendes Eingreifen auf dem Sollner S-Bahnhof schließlich das Leben. 15 Passanten haben gesehen, wie er totgeschlagen wurde, kurz bevor die Polizei eintraf. Aber niemand half ihm.
Die Untersuchungen sind kaum angelaufen, der genaue Tathergang ist noch nicht geklärt. Und doch folgen in der öffentlichen Diskussion auf das Entsetzen schon die üblichen, immer gleichen Phrasen. Zum Beispiel die von der "unmenschlichen Rohheit", die Bayerns Justizministerin Beate Merck beklagte.
Der Versuchung, Brutalität aus dem normalen Verhaltensschema eines Menschen auszublenden, ist offenbar nur schwer zu widerstehen. Wer "aus niedrigen Beweggründen", so die Staatsanwaltschaft, auf einen einschlägt und tritt, muss der nicht anders sein als "wir", "unmenschlich" sogar? Sprache ist verräterisch. Tatsächlich gehören Aggressionen und auch eine so entsetzliche Gewalt, wie die jetzt wieder erlebte, nicht schon deshalb in den Bereich des Pathologischen oder gar Nichtmenschlichen, weil uns allein der Gedanke daran zum Würgen reizen kann.
Auch das gehört zu den gewohnten Reaktionen in einem solchen Fall, dass sich mancher offenbar zur eigenen Beruhigung wünscht, es möchten doch wenigstens keine Deutschen gewesen sein, die terrorisierten, traten und töteten. Aber es waren nicht welche von "denen", es waren "Unsrige". Was im Übrigen auch immer wahrscheinlicher wird, denn der Anteil von Jugendlichen mit nichtdeutschem Hintergrund in der Kriminalstatistik nimmt seit vielen Jahren stetig ab, auch wenn politische Rechtsaußen gern etwas anderes verbreiten.
Wir müssen die Gewalt nicht in der Ferne suchen, nicht im Ausland, nicht beim Teufel und auch nicht in einer tierischen Vergangenheit, von der wir gern glauben, wir hätten sie zumindest dank unserer strahlenden Kultur so weit hinter uns gelassen, dass wir sie ganz einfach und am besten auch für immer vergessen könnten. Solche Träume von natürlicher, nein, paradiesischer Unschuld sind gefährlich, weil sie die Verhältnisse beschönigen und dadurch verhindern, dass dort wirkungsvolle Vorkehrungen getroffen werden, wo Gewalt schon nicht verhindert werden kann. Denn alle irdischen Erfahrungen lehren: Wer es mit Menschen zu tun bekommt, muss mit Gewalt rechnen. Dass es fast immer gut geht und wir eben doch heil nach Hause kommen, ändert noch nichts am Gefahrenpotenzial, an das besser gedacht werden sollte, wenn Menschen auf Menschen treffen.
Und auch damit muss gerechnet werden, wie sich in München wieder gezeigt hat: Dass kaum einer hilft, wenn es einmal brenzlig wird. Schon vor 40 Jahren ist dieses irritierende Phänomen in heute klassischen Arbeiten der amerikanischen Psychologen John Darley und Bibb Latané untersucht worden. Was auf den ersten Blick wie Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Opfer oder - durchaus verständlicher - Angst vor eigenem Schaden aussieht, scheint in Wirklichkeit eine "Lähmung" zu sein, die durch die Anwesenheit der anderen, nicht direkt Beteiligten ausgelöst wird. Eine mögliche eigene Verantwortung für den Fortgang der Dinge verdampft geradezu, indem sie zumeist unbewusst von einem zum anderen geschoben wird. Es gibt in solchen Fällen durchaus einen inneren Reflex, einem zu Hilfe zu kommen, der in Gefahr gerät. Doch schnell wird dieser Reflex gehemmt, sobald andere dabei sind. Je mehr, desto wahrscheinlicher.
Dahinter steckt nicht einfach emotionale Kälte oder mangelnder Mumm. Vielmehr sind wir in jedem Augenblick unseres Lebens innerlich so sehr mit der Frage beschäftigt, was die anderen machen und wie auf sie wirkt, was wir selbst gerade tun oder vorhaben, dass uns das wirklich - und ohne jede böse Absicht im Hintergrund - lähmen kann. Das ist eine überraschende Beobachtung, die sich auch in aktuellen Arbeiten bestätigt. Es kann demnach gut sein, dass es nicht zuerst die immer vermutete Angst vor den Tätern ist, die uns davon abhält, einem Opfer zur Seite zu springen. Was den meisten wirklich zu schaffen macht, ist vielmehr die Befürchtung, durch das Eingreifen vor den anderen "Zuschauern" als unüberlegt, hitzköpfig, besserwisserisch oder sonstwie blöd dazustehen. Es braucht sehr viel Mut, um als Mensch anders zu reagieren als alle anderen und damit Gefahr zu laufen, sich zu blamieren.
Schlichte Aufrufe zu mehr Zivilcourage werden daran nichts ändern. Und es wird der Situation in Solln auch nicht gerecht, die 15 Menschen, die das brutale Geschehen in der S-Bahn und auf dem Bahnhof als Fahrgäste oder Passanten mitbekommen haben, vom hohen Ross herab als Feiglinge abzustempeln. Ja, theoretisch hätten sie helfen und das Schlimmste verhindern können. Und doch haben sie nur getan, was beinahe alle anderen - uns eingeschlossen - auch getan hätten. Nicht weil wir alle gefühl- und erbarmungslos wären, sondern weil unser "soziales Gehirn" nun mal so tickt.
Müssen wir uns also damit abfinden, weil das unsere "Natur" ist?
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.