Lachen und leiden

14. Januar 2008, 09:56 Uhr

Sogar Affen und Ratten sind kitzelig. Doch warum wurde dieser Reflex im Zuge der Evolution nicht einfach ausgesiebt? Forscher rätseln immer noch über den Sinn des Kitzelns - und warum wir dabei so heftig kreischen müssen. Von Sylvie-Sophie Schindler

Sympathie beeinflusst die Reaktion auf einen Kitzelangriff: Je mehr wir einen Menschen mögen, desto kitzliger sind wir.©

Sind Sie auf der Suche nach einer speziellen Foltermethode? Dann nichts wie ran an das Objekt Ihrer Wahl - mit einer heftigen Kitzelattacke! Kitzeln wird zwar heutzutage als harmloser Spaß gehandhabt. Wohl auch deshalb, weil die erste Reaktion auf einen Kitzelangriff meistens Lachen ist. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die amerikanische Psychologin Christine Harris hat Menschen, die gerade gekitzelt werden, fotografiert und dabei entdeckt: Die Gesichtsausdrücke eines Gekitzelten ähneln denen eines Gequälten. Wer gekitzelt wird, empfindet also nicht nur Lust, sondern auch Leid. Bereits die Römer nutzten das Kitzeln als Foltermethode. Auch im Mittelalter ließ man nicht davon ab: Die nackten Füße des Opfers wurden öffentlich fixiert, und jeder, der vorbeikam, durfte dessen Fußsohlen kitzeln. Es geht aber noch perfider. In einer anderen Variante streute man Salz auf die Fußsohlen, das anschließend von Ziegen abgeleckt wurde.

Das Mittelalter ist gottlob passe - doch das Kitzeln hat überlebt. Fragt sich nur warum. Wieso wurde dieser Reflex im Zuge der Evolution nicht einfach ausgesiebt? Wissenschaftler fanden zwar heraus, dass auch Schimpansen und sogar Ratten kitzelig sind, aber welchem Zweck das eigentlich dient, ist auch heute immer noch nicht eindeutig beantwortet. Charles Darwin mutmaßte einst, Kitzeln würde soziale Bindungen stärken. Die Kitzelforscherin Christine Harris ist hingegen überzeugt, Kitzeln sei ein Reflex, um unsere empfindlichsten Körperstellen zu schützen. Denn ausgerechnet da, wo wir empfindlich und verletzlich sind, sind wir besonders kitzelig: An Bauch und Taille, unter denen wichtige Organe liegen sowie unter den Achseln und an den Füßen. Das Kitzeln wird vom Gehirn als fremder Reiz eingestuft - und alles Fremde ist ein möglicher Feind, den es zu verscheuchen gilt. Deshalb auch das unkontrollierte Zucken, das durch das Kitzeln ausgelöst wird. Stechende Insekten, etwa Mücken, die ein Kitzeln auf der Haut verursachen, können so abgeschüttelt werden.

Kitzeln ist nicht gleich Kitzeln

Knismesis ist der wissenschaftliche Begriff für "Kitzeln light", für sanftes Kitzeln also, ausgelöst etwa durch eine Feder oder durch Streicheln. Von Gargalesis ist die Rede, wenn es sich um eine massive Kitzelattacke handelt - inklusive das typische begleitende Kreischen. Und hier wären wir beim nächsten wissenschaftlichen Rätsel: Welchen Sinn hat das kreischende Gelächter? Hierzu gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle. Der Psychologe James Leuba deutet es beispielsweise als puren Reflex. Evolutionsforscher Charles Darwin vermutete darin den Ursprung des Humors. Laut einer weiteren Theorie dient das Lachen der Erleichterung: Erstmal ist das Kitzeln ein Schreck, doch das Gehirn gibt Entwarnung, weil es sich bei der Berührung nicht um eine Bedrohung handelt.

Doch warum können wir uns eigentlich nicht selbst kitzeln? Bereits Aristoteles beschäftigte sich mit dieser Frage und kam zu der Erkenntnis: Alles was von uns selbst kommt, und sei es eine Kitzelbewegung, bedeutet keine Gefahr, wir können es einfach ignorieren. Das bestätigte auch Sarah Blakemore, Forscherin aus London. Sie nahm die Hirnaktivität von Personen, die gekitzelt wurden oder sich selbst kitzelten, mithilfe eines Magnetresonanztomografen auf. Ergebnis: Das Kleinhirn ist beim Selbstkitzeln weniger aktiv als beim Fremdkitzeln. Und: Die Nerven sind so gut vernetzt, dass das Gehirn genau weiß, welches Gefühl es zu erwarten hat, wenn wir uns selbst berühren oder bewegen. Der Überraschungseffekt ist dann natürlich gleich null.

Experiment mit der Fußkitzelmaschine

Darwin war davon überzeugt, dass man nur dann kitzelig ist, wenn man den Punkt der Stimulation nicht schon vorher kennt - was beim Selbstkitzeln natürlich unmöglich ist. Er schrieb dazu: "Aus der Tatsache, dass sich ein Kind kaum selbst kitzeln kann, muss man schließen, dass es den genauen Ort, der beim Kitzeln berührt wird, nicht kennen darf." Der Psychologe Lawrence Weiskrantz zweifelte an dieser These und belegte in einem Experiment mit seinen eigenen Kindern: Die meisten Kinder sind auch dann kitzlig, wenn sie wissen, wo und wann der Kitzelreiz erfolgt. Diese These erhärtete er im Jahre 1970 durch einen weiteren Versuch mit rund 30 Studenten und einer selbst gebauten Fußkitzelmaschine. Auch hier kam er zu dem Ergebnis, dass man selbst dann kitzelig ist, wenn vorab angekündigt wurde, wo gekitzelt wird - wenn auch der Kitzeleffekt dabei schwächer ausfällt.

Nicht zu vergessen: Ob wir die Person mögen, die uns kitzelt, oder nicht, ist ein entscheidendes Kriterium. Je mehr wir sie mögen, desto kitzliger sind wir. Lehnen wir die Person hingegen ab, dann wehrt sich der Körper wesentlich stärker und lässt sich auf das Kitzeln gar nicht erst ein. Solche übrigens, die behaupten, sie seien überhaupt nicht kitzelig, man könne ruhig mal probieren, sie zum Lachen zu bringen, sind natürlich eine besondere Herausforderung. Ob sie die fest verankerte Reaktion tatsächlich überwunden haben, zeigt sich spätestens bei der nächsten Kitzelattacke. Also: nichts wie ran!

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