Sie klettern in Steilwänden, fliegen durchs Gebirge oder springen mit dem Fallschirm ins Nichts. Sensationensucher verlangen nach extremen Erfahrungen und gefährden sich mitunter selbst. Ein Abenteurer erzählt, wie er nach einer aufregenden Odyssee das Glück der Ruhe fand. Von Michael Kraske

Sensation Seeker sind Menschen, die stark nach neuen, abwechslungsreichen, komplexen und intensiven Sinneseindrücken und Erfahrungen streben und bereit sind, dafür Risiken in Kauf zu nehmen© Picture-Alliance
Wie monströse Riesen türmen sich die Alpen unter dem Cockpit auf. Bernhard Rudek* und sein Fluglehrer können in dem Segelflugzeug keinen Motor starten, der sie über Fels und Eis hieven könnte, sie müssen Luftkanäle finden, die sie emportragen. Dunkle Geröllbäche an den Hängen sind Hinweise, über ihnen steigt üblicherweise warme Luft auf. Fehler können tödlich sein. "Beim Gebirgsflug ist dieser extreme Moment allgegenwärtig", sagt Rudek, "du kämpfst nur mit Thermik gegen tonnenschweren Stein. Du begibst dich mit höchster Konzentration in Gefahr, erhebst dich über die Gefahr."
Die Belohnung setzt kurz vor der Landung ein. Das Flugzeug gleitet sanft über den Boden, Gras ist zu erkennen, jetzt hat er das Gefühl, er könne selbst fliegen. "Das Schweben löst dieses Glücksgefühl aus", sagt Rudek. Als Jurist hat er mit Paragrafen zu tun. Da zerfällt das Leben in genormte Mosaiksteine. Jetzt spricht er von der "Einheit", die er beim Fliegen verspürt. Aber auch von erregender Gefahr. "Du musst hoch konzentriert sein, sonst knallt es. Was einen Kick gibt, ist zu wissen: Jetzt geht es um alles oder nichts. Wenn du das Ding im falschen Winkel aufsetzt, dann war es das." Er lässt eine Hand auf der anderen landen. Die Finger springen auseinander wie Flugzeugteile nach dem Absturz.
Für Menschen wie Bernhard Rudek hat der amerikanische Psychologe Marvin Zuckerman einen Begriff geprägt: sensation seeker – Sensationensucher. Er bezeichnet Menschen, die stark nach neuen, abwechslungsreichen, komplexen und intensiven Sinneseindrücken und Erfahrungen streben und bereit sind, dafür Risiken in Kauf zu nehmen. Zuckermans
Einteilung der Sensationensucher in vier Gruppen gilt heute als Standard. Er unterschied:
> die Abenteurer (thrill and adventure seeking), die den Nervenkitzel bei körperlich riskanten Aktivitäten wie Fallschirmspringen
suchen;
> die Erfahrungssucher (experience seeking),
sie verschaffen sich neue Erlebnisse,
indem sie die Welt bereisen oder mit Drogen experimentieren;
> die Risikosucher (disinhibition seeking),
enthemmte Grenzgänger, die etwa riskanten Sex mit wechselnden Partnern haben; und
> die Anti-Langweiler (boredom susceptibility),
die ständig Abwechslung brauchen,
weil sie einen reizarmen Alltag schlecht aushalten.
"Reizsucher werden durch starke Erlebnisse motiviert. Der Weg ist ihr Ziel, Extremerfahrungen machen ihnen Spaß", sagt Burghard Andresen, Professor für Persönlichkeitsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Es geht nicht nur um den Reiz-Input, sondern auch um Aktion, das Ausleben von Bewegung."
Bernhard Rudek hat Sensationen in vielen Feldern gesucht. Er ist Reiter, Surfer und Segler. Er stieg auf den Kilimandscharo und reiste nach Brasilien, Indien, Australien, China, Moskau und Istanbul. Fünfmal pro Jahr machte er Urlaub. "Stillstand durfte es nicht geben, immer voran", sagt Rudek, zurückgelehnt im Sofa seiner Großstadtwohnung. Er spricht so, wie sein Leben war, schnell und spannend. Vom "Kick, so mit einem Katamaran auf einer Kante zu fahren, dass man gerade nicht kentert" und dem "paradiesischen Moment", beim Tauchen über ein Korallenriff zu gleiten. Davon, sich mit Skiern in unberührten Tiefschnee zu stürzen, "die eigenen Hemmungen zu überwinden, um im Rhythmus emporgehoben zu werden".
Auch zu Hause musste immer etwas passieren. "Eine Zeit lang war ich vier, fünf Wochen lang jeden Abend verabredet", erzählt Rudek. Oder er hetzte durch die Welt der Schriftsteller und Komponisten. "Zehn Bände Marcel Proust, Dostojewskis 'Brüder Karamasow', ich hab alles durchgezogen, was Rang und Namen hat." Aus der Sicht seiner Freunde führte er ein pralles, beneidenswertes Leben.
Rudek selbst sieht das heute anders: "Die bewältigte Herausforderung führt zu einem Höhenflug, der eine Weile anhält", erinnert er sich. "Danach bist du erschöpft und fühlst dich schlecht, weil es diesen Mittelton in dir nicht gibt." Um sich gut zu fühlen, musste etwas passieren, immer. Er gierte nach neuen Erfahrungen, auch wenn sie ihn nicht dauerhaft befriedigen konnten. "Damals war ich so getrieben, dass ich die Unrast gar nicht gespürt habe." In den seltenen Verschnaufpausen überfiel ihn Leere.
Wissenschaftler versuchen zu entschlüsseln, was Menschen wie Rudek von normalen "Langweilern" unterscheidet. "Die Abenteurer unter den sensation seekern lassen sich evolutionsbiologisch erklären", sagt der emeritierte Psychologieprofessor Falko Rheinberg, der diverse Analysen zu Extremsportlern erstellt hat. "Ohne sie säßen wir heute noch in Höhlen. Ein Beispiel: Der Mensch, der als erster nicht vor dem Feuer weggelaufen ist, hat seine Kompetenzen erweitert und Entwicklung ermöglicht."
Der Drang zum Risiko geht nicht zwangsläufig mit Unvernunft einher. Bisweilen hebeln aber andere Mechanismen die Vorsicht aus wie bei dem tragischen Lauf zur Zugspitze, bei dem im Sommer zwei Läufer bei eisigen Temperaturen starben. "Da spielte sicher ein Gruppenphänomen mit", vermutet Rheinberg, "der fatale Irrtum: Wenn alle laufen, kann es nicht so gefährlich sein."
Die Extremsportler, die er analysiert habe, seien keine verkappten Selbstmörder gewesen. Zwischen der intensiven Suche nach Kicks und riskantem Verhalten bestehe dennoch ein Zusammenhang. "Die Korrelationen sind schwach, aber vorhanden", sagt Rheinberg, "sensation seeker leben gefährlicher als andere." So finden sich unter ihnen auffällig viele Menschen, die riskanten Sex praktizieren. Auto fahren die Draufgänger-Typen schneller als andere, ihr Sicherheitsabstand ist geringer. Und bei erwachsenen Drogenabhängigen wurden unabhängig von der spezifischen Substanz erhöhte Sensation-seeking-Werte festgestellt.
Doch was bedeutet das? "So gut wie alle Messverfahren sind handwerklich nicht gut", resümiert Andresen. Der gebräuchlichste Test, die "Sensation Seeking Scale V", fragt nach einer Vorliebe für Surfen und Bergsteigen, aber auch für wilde Partys und Drogen. "Es ist umstritten, was damit überhaupt gemessen wird." Eine Tendenz zur riskanten Reizsuche lässt sich so ermitteln, ein behandlungsbedürftiges Verhalten nicht.