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17. Dezember 2005, 08:00 Uhr

Der Feind im Kopf

Ein Berliner Arzt hat ein neues Konzept für Pädophile entwickelt: Klaus Michael Beier will die Fantasien der Betroffenen zähmen - noch vor der Tat. Von Shila Behjat

Dass unter sexuellem Missbrauch auch die Pädophilen selbst leiden, will ein Projekt in Berlin beweisen© Annette Zoepf/DDP

Es war ein Donnerstag im Februar. Der neunjährige Peter stieg gegen 13.00 Uhr aus dem Bus. Einige Stunden später meldeten ihn die Eltern als vermisst. In der Zwischenzeit hatte der ehemalige Häftling Martin P. den Jungen in seine Wohnung gelockt, mit Handschellen gefesselt, mehrfach sexuell missbraucht und getötet. An der Leiche verging sich Martin P. auch noch einmal.

Der Fall schlug in der Öffentlichkeit hohe Wellen - auch deshalb, weil Martin P. ein Wiederholungstäter ist. Er hatte bereits eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines Sexualmordes verbüßt. Und kaum war er entlassen worden, verging er sich an Peter. Was soll die Gesellschaft mit Pädophilen tun? Sie immer erst behandeln, wenn sie straffällig geworden sind? Und wer kann dafür garantieren, dass sie danach nicht rückfällig werden?

Plakate und TV-Spots werben um Patienten

Professor Klaus Michael Beier hat am Institut für Sexualforschung der Berliner Charité das Projekt "Prävention von sexuellem Missbrauch im Dunkelfeld" aufgelegt. "Dunkelfeld" deshalb, weil die 20.000 sexuellen Übergriffe auf Kinder pro Jahr nur die Spitze eines Eisbergs sind - obwohl auch diese Zahl schon erschreckend hoch erscheint.

Monatelang warb Beier mit Fernsehspots, Plakaten, Internetauftritt, und Broschüren um Teilnehmer an seinem Projekt. "Du bist nicht schuld an deinen sexuellen Gefühlen, aber du bist verantwortlich für dein sexuelles Verhalten", heißt es in den Materialien. Und: "Es gibt Hilfe!" 250 Männer und eine Frau stellten sich vor. Sie alle befürchten, ihre pädophilen Sehnsüchte könnten eines Tages zu einer Straftat führen.

Bilder sexuell mißhandelter Kinder© UNICEF/Children on the Edge/DDP

Gruppen- und Einzeltherapie wird gelost

Im Januar 2006 wird die Arbeit mit 180 ausgewählten Bewerbern beginnen. Die Hälfte dieser Gruppe wird eine einjährige Behandlung durchlaufen, bestehend aus Gruppen- und Einzeltherapien, Rollenspielen sowie der Gabe von Medikamenten. Ziel ist es, dass die Teilnehmer ein Mitgefühl für die Opfer entwickeln, dass sie sich in Kinder hineinversetzen können, bevor sie eine Tat begehen.

Die andere Hälfte der Gesamtgruppe wird nicht behandelt, sie bildet die Kontrollgruppe. So sollen durch die therapeutischen Effekte evaluiert werden können. Die Finanzierung des Projekts hat die VW-Siftung übernommen. Die Berliner Charité hat damit bundesweit den einzigen therapeutischen Ansatz entwickelt, Pädophile präventiv zu behandeln. Aber dieses Vorgehen ist nicht unumstritten.

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