Fusion im Sinne der Patienten

1. Januar 2007, 14:02 Uhr

Die Zahl der Skeptiker ist noch groß. Doch immer mehr Mediziner entdecken Yoga zur Prävention und als Therapie. Studien belegen heilsame Effekte bei Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Asthma und Stress. Von Ulrich Kraft

Sprechstunde beim Yogalehrer: Im Gesundheitszentrum im indischen Chennai berät der Lehrer T. K. V. Desikachar einen Patienten©

Sechs Millionen Menschen leben in der südindischen Küstenstadt Chennai. Wer hier krank wird, geht in eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus - oder zum Yogameister. Mehrere hundert Einwohner suchen jede Woche das Gesundheitszentrum Krishnamacharya Yoga Mandiram (KYM) auf, um ihre Leiden mit Hilfe der traditionellen indischen Lehre zu kurieren. Dort werden ihnen zur Behandlung ihrer Gebrechen passende Atem- und Bewegungsübungen verschrieben, zum Beispiel bei Asthma, Diabetes oder Depression. Das KYM ist die wohl bekannteste, aber längst nicht die einzige Klinik in Indien, die Yoga therapeutisch anwendet.

Yoga tut gut, und Yoga wird auch in der westlichen Welt immer beliebter: Mittlerweile dehnen drei bis vier Millionen Menschen in Deutschland ihre Muskeln und Sehnen nach der Lehre aus Indien, schätzt der Berufsverband der Yogalehrenden (BDY). Sie nutzen Yoga bislang vor allem zur Entspannung und als körperliches Training.

Es muss nicht so bleiben. Denn der oder das Yoga - der Duden erlaubt beides - kann tatsächlich mehr. Zunehmend entdecken auch Forscher aus Europa und den USA, dass sich die jahrtausendealte Methode zur Behandlung verschiedenster körperlicher und seelischer Leiden nutzen lässt.

Oft nur eine Art Aerobic im Asia-Style

"Mit Yoga kann man viel Gutes für sein Wohlbefinden tun", sagt Ingo Froboese, Professor für Prävention und Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln. Allerdings trage längst nicht alles, was sich Yoga nennt, diesen Namen auch zu Recht. "Was angeboten wird, ist oft eher eine Art Aerobic im Asia-Style", so der Sportwissenschaftler. Damit meint er vor allem die in Fitness-Centern sehr verbreitete Power-Variante.

Das Sanskrit-Wort Yoga geht auf denselben Stamm zurück wie das deutsche "Joch" und bedeutet Integration, Vereinigung. So wie Bauer und Ochse über das Joch vereint den Pflug ziehen, sollen Körper und Geist eine Einheit bilden. "Der menschliche Körper ist das Fahrzeug der Seele", heißt es in den Upanishaden, rund 2500 Jahre alten Schriften, die den Begriff Yoga bereits mehrfach erwähnen.

Ursprünglich war die Lehre ein rein spiritueller Weg. Atemtechnik (Pranayama) und Körperhaltungen (Asanas) dienten Meditierenden als Hilfsmittel auf dem Weg zu Erleuchtung. Im Laufe der Zeit erkannte man, dass sich die Übungen positiv auf das gesamte Wohlbefinden des Menschen auswirken. Die Asanas wurden weiterentwickelt, das heute im Westen am meisten praktizierte, eher körperorientierte Hatha-Yoga entstand.

Krankheit als Störung von Körper und Geist

Auch am Krishnamacharya Yoga Mandiram in Chennai lernen die Patienten Atem- und Bewegungsübungen. Doch nicht nur mit ihrer Wirkung begründen die Ärzte die heilenden Kräfte des Yoga. Für die Therapeuten des Zentrums ist Krankheit immer eine Störung von Körper und Geist zugleich - und die Lehre der "Vereinigung" ein wirksames Therapeutikum, weil sie auf beiden Ebenen ansetzt.

Das entspricht nicht dem Verständnis der westlichen Schulmedizin, die Krankheiten anhand der Symptome und physiologischen Veränderungen definiert. Dennoch wächst auch hier die Zahl der Ärzte, die Yoga als Therapie einsetzen. Wie zum Beispiel Reinhard Lang, Chefarzt der Abteilung für Kardiologie an der Albert Schweitzer Klinik in Königsfeld im Schwarzwald. Zu ihm kommen Menschen, die gerade eine schwere Herzoperation oder einen Infarkt überstanden haben, zur Rehabilitation.

"Stress gehört zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt Lang. "Entsprechend besitzt die Stressbewältigung bei diesen Patienten große Bedeutung." Seit zwei Jahren bietet die Klinik dazu neben Progressiver Muskelrelaxation nach Jacobson und autogenem Training auch Yogakurse an - mit Erfolg: Die Yogakurse stoßen auf so großen Zuspruch, dass sie den anderen Entspannungsverfahren fast ein wenig den Rang ablaufen.

Atmung steht im Zentrum der Yoga-Lehre

Yoga, so Lang, "ist ein Verhaltenstraining, das dem besseren Stressmanagement dient". Ein Pluspunkt der indischen Lehre sei, dass sie besonderes Augenmerk auf die Atmung lenkt. Denn Atmen und Herz-Kreislauf-Funktionen sind physiologisch eng miteinander verknüpft. "Durch die richtige Atemtechnik kann man bestimmte Kreislaufreflexe bewusst steuern und kontrollieren, zum Beispiel einen Blutdruckanstieg in Stresssituationen."

Weil vor allem die frisch operierten Patienten während der Reha in ihren körperlichen Möglichkeiten oft noch ziemlich eingeschränkt sind, praktiziert man in Königsfeld eine sanfte Form des eigentlich eher dynamischen Hatha-Yoga. "Es geht nicht darum, sich zu verausgaben oder besonders akrobatisch zu verknoten", sagt Lang.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 6/2006

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