Der Elektro-Gaul kam aus Deutschland

13. April 2012, 21:11 Uhr

Die "Titanic" war ein britisches Schiff mit einer größtenteils britischen Besatzung. Und doch gab es überall deutsche Bezüge. Von Cornelia Fuchs, London

Titanic, Untergang der Titanic, Katastrophe, Made in Germany

Vor allem Passagiere aus der ersten Klasse ließen sich gerne auf dem Elektrogaul durchrütteln©

Einer war ein notorischer Spieler, der andere ein bayrischer Priester. Der eine saß beim Kartenspiel, als die "Titanic" den Eisberg rammte. Der andere nahm auf dem sich aufbäumenden Schiff Beichten ab bis zum bitteren Ende. Ersterer rettete sich zwischen Frauen und Kindern und telegrafierte vom herbeieilenden Kreuzer Carpathia an seine Kölner Familie: "Bin völlig geld- und mittellos." Der andere verweigerte einen Platz in einem Rettungsboot und ging unter mit den Menschen, denen er versuchte, Trost zu spenden. Die Leiche von Benediktinermönch Josef Peruschitz, 41, wurde nie gefunden. Der Kartenspieler und falsche Baron von Drachstedt alias Alfred Nourney erzählte noch in den 70er Jahren von seinen Erinnerungen an den Untergang der "Titanic".

Mindestens zehn Passagiere und zehn Besatzungsmitglieder der "Titanic" waren deutsch. Alle drei Reisenden der ersten Klasse überlebten. Alle drei Passagiere der zweiten Klasse bezahlten die Überfahrt mit ihrem Leben. Sie alle waren sicher zum Abfahrthafen in Southampton gelockt worden von den großen Versprechungen des neuen Kreuzfahrtschiffes der Reederei White Star Line, die ihre Werbung in ganz Europa verbreitete. Größer, luxuriöser, grandioser sollte das Boot sein - die Namen der Schwesternschiffe "Olympic" und "Gigantic", nach der Katastrophe umbenannt in "Britannic", waren Programm. Sogar in der dritten Klasse gab es Kellner und jeden Tag ein Drei-Gänge-Menü. Zwischen den Etagen-Betten der Kabinen waren Waschbecken mit fließendem Wasser angebracht, ein unerhörter Luxus.

Filigrane Fliesen

Für den Komfort an Bord hatte die Reederei keine Kosten und keine Entfernung gespart. So hatten auch deutsche Zulieferer Anteil am Bau und am Unterhalt der "Titanic". Schon im Dock in Belfast hievte ein riesiger Schwimmkran der Düsseldorfer "Benrather Maschinenfabrik AG" die tonnenschweren Kessel in den Bauch des Schiffes. Im Innenausbau war "Villeroy&Boch" für die filigranen Mosaikfliesen verantwortlich, die Steinway-Klaviere in den Salons stammten aus Hamburg. Im damals hochmodernen Gymnastikraum waren die Fitness-Räder sowie das elektrische Pferd aus Wiesbaden von der Firma "Rossel, Schwarz&Co" hergestellt worden. Passagiere der ersten Klasse ließen sich auf dem Elektro-Gaul zur Gaudi der Zuschauer durchrütteln.

In den Restaurants trank man das deutsche Mineralwasser "Apollinaris", Spatenbier aus München und in der ersten Klasse auch Sekt der Marke Mumm aus Mettlach. Nach langen Recherchen stieß "Titanic"-Experte Andreas Pfeffer auf den Mosel-Wein, der von White Star an Bord genommen worden war: Er stammte von den Gütern der Familie Langguth und von Reichsgraf von Kesselstat. Der Riesling "Josephshöfer" wurde in den britischen Unterlagen ohne den Umlaut geführt. Wolfgang Langguth, 88, erinnerte sich in Gesprächen mit Pfeffer an Lieferungen nach Großbritannien bis zur Schließung der Reederei White Star im Jahr 1951: "In unserer Familie wurde oft über die Titanic gesprochen. Mein Großvater erklärte mir, dass zwei besondere Weine, das Piesporter Goldtröpfchen und der Trabener Würzgarten, von unserem Gut für die Restaurants an Bords bestellt wurden."

Titanic, Untergang der Titanic, Katastrophe, Made in Germany

"Villeroy & Boch" lieferte die Fliesen für die "Titanic", die vor 100 Jahren sank©

Erfolglos, aber am Leben

Orgelbauer Karl Bockisch-Welte hatte jedoch wenig Glück mit seinen Geschäften mit der Reederei. Was ihm wohl das Leben rettete. Seine Firma "Welte&Söhne" aus Freiburg hatte für das Kreuzfahrtschiff eine gigantische Orgel herstellen lassen, und die Reederei hatte den Firmeninhaber auf die Jungfernfahrt eingeladen. Mithilfe eines Lochkarten-System konnte die Mechanik bis zu zwanzig Minuten Lieder abspielen lassen. Dies sollte das Salon-Orchester bei den stundenlangen Abendessen entlasten.

Doch beim Einbau in Southampton soll ein Bauteil gefehlt haben. Außerdem erkrankte ein Familienmitglied der Weltes in Deutschland schwer. Herr Bockisch brach den Einbau überstürzt ab und reiste zurück nach Freiburg. Die Orgel sollte in Southampton auf die Rückkehr der "Titanic" warten - und wurde verkauft, nachdem das Schiff auf den Meeresboden gesunken war.

Mehr Infos Nähere Informationen zum deutschen Teil der Titanic bietet die Privatsammlung www.titanic-museum-germany.de sowie folgende Website.

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