AUS DEM STERN 22/2001 Schneller mit dem Wundersprit?


Der ultrahohe Literpreis schreckt sie nicht: Viele Autofahrer tanken optimax ? in der Hoffnung, ihr Motor würde stärker. Bei Shell steigt zumindest der Umsatz

Martin Pilger, 32, hat genau gesehen, wie seine Tanknadel »nunder isch«. 50 Kilometer zu früh, bei Kilometerstand 9143. Mit Superbenzin kommt er nicht so weit wie mit diesem anderen Stoff, sagt der Schwabe. Er hat?s getestet. Und darum schiebt er seinen Roller an die Zapfsäule, an der Schumi von einem Plakat grinst und per Kanister seinen Formel 1-Renner mit Optimax betankt.

»Da sind 99 Oktan drin, so viel wie in keinem anderen Benzin. Das muss was bringen.« Oktan ist das Maß für die Reinheit eines Kraftstoffs. Je höher die Zahl, desto stärker lässt er sich ohne fehlerhafte Selbstzündungen verdichten.

Die Preistafel an der Shell-Tankstelle in Stuttgart zeigt für Optimax 2,239 DM, neun Pfennig mehr pro Liter als für Super, aber Pilger zahlt ungerührt: »Das rechnet sich.« Am Stehtisch neben dem Kaffeeautomaten liest er die Vorteile von Optimax aus einer Shell-Broschüre vor: »Mehr Antriebskraft, Sie schonen die Umwelt und schützen Ihren Motor.«

Shell hat den schwefelfreien Kraftstoff als Erster auf den Markt gebracht, es ist die neue Version des Superplus-Benzins. Optimax ist beliebt: Inzwischen hat es neun Prozent Anteil am Gesamtbenzinabsatz von Shell. Vorläufer Superplus dagegen kam nur auf knapp über vier Prozent. Viele Kunden versprechen sich Wunderdinge vom »Schampus der Benzinsorten« und pfeifen auf den höheren Preis ? während die Republik über hohe Benzinpreise jammert.

Ein Corsa rollt an die Zapfsäule. Der Motor soll nur das Beste bekommen ? Optimax. Mit 99 Oktan hat es vier Oktanpunkte mehr als herkömmliches Super und sogar noch einen mehr als das Superplus der anderen Hersteller. Klar, warum Thorsten Göttling seinem Opel nur das Beste gibt: »Fünf Kilometer fährt mein Corsa seither in der Ebene schneller.«

Auch Günter Enzmann zapft Optimax, um seinen Mercedes der C-Klasse mit Kompressor vollzutanken. Der 75-Jährige sagt: »Ich möcht in den Urlaub nach Büsum. Vielleicht fährt das Stück Blech damit schneller.« Wer?s glaubt.

Harry Kellner, Leiter der Abteilung Kfz-Technik des ADAC Baden-Württemberg, hat Zweifel: »Da ist nichts mit Leistungssteigerung. Die wenigsten Motoren können die Vorteile der schwefelfreien Kraftstoffe wie Optimax nutzen.« Weniger als fünf Prozent der Motoren sind auf 98 Oktan eingestellt, schätzt Kellner. »Und selbst bei diesen Motoren ist die Leistungssteigerung minimal.«

Unstrittig sind unter Experten die niedrigen Emissionswerte bei schwefelfreiem Superplus und Optimax. Per Gesetz müssen deshalb ab 2003 alle Kraftstoffsorten ohne Schwefel auskommen. Der Autozulieferer Bosch empfiehlt seinen Angestellten bereits jetzt, Autos aus dem Fuhrpark nur mit schwefelfreiem Sprit zu betanken ? der Umwelt zuliebe. Die Emissionen, so Bosch, gingen im Durchschnitt um 15 Prozent zurück, bei Fahrzeugen mit der neuen Direkteinspritzung habe sich der Verbrauch um zwei Prozent verringert. Nur zur angeblichen Leistungssteigerung will man nichts sagen: »Kein Kommentar.«

Umso ungenierter lockt Shell die Autofahrer mit der angeblichen Power durch Optimax. Auf der Internetseite des Spritherstellers verweist ein Link auf die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ), die bei einem Test mit Optimax das Spitzentempo und die Beschleunigung eines Audi A6 2.8 quattro steigerte. »Seitdem tanke ich nur noch Optimax«, schwärmt der Sprecher der Gutachtergesellschaft. Dort steht jedoch nicht, dass der Wagen auf 98 Oktan eingestellt war und die Werte für den Großteil aller Autofahrer irrelevant sind.

»Optimax wäre ein Flop gewesen, wenn wir nur die Schwefel-Nummer gebracht hätten«, sagt Shell-Sprecher Rainer Winzenried. »Die Leute überzeugt höhere Leistung.«

Tilmann Wörtz


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