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AMG-Flotte: Sternschnuppen aus dem Höllenschlund

Es gibt Straßen, die kommen von links, es gibt Straßen, die führen nach rechts. Und es gibt Motoren, die kommen direkt aus der Hölle. So einen Benzin-Dämonen hat AMG - der Haus-Edel-Tuner von Mercedes - hinter dem guten Stern versteckt. Das Beste: der neue 63er kommt ohne Zwangsbeatmung auf Touren.

Von Gernot Kramper/Granada, Spanien

Ein V8 6.3 hat besondere Bedeutung in der AMG-Welt, begann der Ruhm der Marke doch mit dem 300 SEL 6.3., der für eine Rennsportversion allerdings auf 6,8 Liter aufgebohrt wurde. Der neue Motor fasst genau genommen jetzt nur 6,2 Liter. Aber wer wird pingelig sein, wenn es um die Tradition geht? Das neuen Prunkstück leitet eine echte Epochenwende ein, zum ersten Mal wurde bei AMG ein ganz eigener Motor entwickelt. Bislang stöberte man stets im Konzernregal und brezelte das Fundstück entsprechend auf. Mit noch mehr Recht als zuvor tragen die Motoren jetzt die Plakette "ihres" Monteurs. Ein kleines Stück Metall, das jedem AMG-Fahrer versichert, sein Geld sei gut angelegt.

Saugen und nicht stopfen

Für die Kunden sollte am wichtigsten sein, dass der 63er die Luft ungehemmt hinreinrüsselt. Er kommt ohne die typische Zwangsbeatmungskur auf, mit der AMG dem Mercedes-Triebwerken sonst gern eine Kraftkur verabreicht. 514 PS reichen für einen Superlativ, den AMGlern gilt er als "stärkster Achtzylinder-Saugmotor der Welt". Damit das Prachtstück auch unters Volk mit der Platinkarte kommt, wird die ganze Modellpalette angepackt. Los geht es im Benz-ABC mit M-, E- und R-Klasse und CLK wie CLS. Nachfolgen werden dann C-, GL- und G-Klasse, der SLK und der SL. Nur Mercedes-Analytiker werden in der Buchstabensuppe noch den Durchblick behalten. Einfach gesagt, bekommt praktisch alles mit dem Stern die Maschine. Die Frage, was mit A- und B-Klasse geschehe, sorgt allerdings für einen Schock. Man wolle nichts Schlechtes sagen, aber allein vom Fahrwerk? "Unmöglich!" In diesem Segment sind die Kunden außerdem geradezu pingelig preissensibel. Ihre mittelfristige Finanzplanung bricht schon bei Summen zusammen, die man bei AMG für eine angemessene Sitzverstellung einplanen sollte.

Der Asphalt bebt

Um einen Einblick in die neue Motoren-Welt von AMG zu geben, wurde die "agilste Testwagenflotte in der Geschichte von Mercedes Benz" bei Granada auf die staubigen Straßen gestellt. Vermutlich war es auch die teuerste, möchte man ergänzen. Ein Gutes gibt es für uns "Harz IV Plus"-Gehaltsempfänger, der CLS ist der Billigste und gefiel am Besten. Ein echter Schnapper, in dem man bereits für deutlich unter 100.000 Euro Platz nehmen kann. In der Über-Limousine S 65 AMG (Zwölf Zylinder, 612 PS und runde 1000 Nm) wird man in 4,4 Sekunden auf über 100 km/h katapultiert, muss für den Ritt 206.422 Euro einplanen.

Macht die Mauer auf

Bei der Top-Geschwindigkeit tarnt sich die Edel-Flotte basis-demokratisch. Bei überschaubaren 250 km/h macht der Regler Schluss - erstmal. Gern hält AMG das Agrement der großen Hersteller der freiwilligen Selbstbeschränkung ein, doch droht der Kunde mit einem Auftrag verbunden mit dem "Aufmachen" des Motors, dann geht es erst richtig los. Je nach Typ sollten dann mehr als 280 km/h drin sein. Dann ist für den geldschrankförmigen M 63 AMG Schluss.

Schwaben-Hammer

Windschlüpfrig wie eine rollende Blechlawine beschert der M 63 AMG seltsame Erlebnisse. Mit Mühe wuchtet man sich hoch auf den SUV-Sitz Doch wird das Pedal durchgedrückt, fühlt man sich wie in einem Abfangjäger. Der Fels aus 2,5 Tonnen Stahl durchschlägt in 5 Sekunden die Hunderter-Barriere. Kurz darauf sollte man auf Spaniens Landstraßen den Fuß vom Gas nehmen und den Schwaben-Grizzly auf Angriffskurs wieder einbremsen. Bis 250 km/h wird es in einem Zug ohne Schwächeln weiter gehen.

Wow, wer das Gefühl liebt große Gewalten - vergleichbar nur Erdbeben und Vulkanausbrüchen - mühelos wie Gottvater persönlich hervorrufen zu können, ist in seinem Element. Die größte Qualität des Power-SUV bleibt natürlich die Frontalattacke, wie schon bei Hannibals-Elefanten. In Kurven triumphiert die Grundphysik. Bremsen und Fahrwerk halten auf Dauer mehr aus als der Pilot. Auf der hohen Sitzposition macht es einfach wenig Spaß, wenn man aus seinem Supersessel unaufhaltsam an die Seitenscheibe gedrückt wird. Da nützt der Seitenhalt wenig, hier müsste man schon Schalensitze installieren.

Wenn Cruiser durchstarten

Ein ganz prächtiges Fahrzeug ist der 63 CLK AMG geworden. Oben offen, vier Personen. Genau das richtige für die zweite Lebenshälfte, wenn die Enkel wichtig werden, die man im exklusiveren SL ja am Straßenrand aussetzen müsste. Sonst eine sehr komfortable Sänfte mit großen Gleiterqualitäten, wurde der CLK von AMG einer Tiefen-Gehirnwäsche unterzogen. Ohne Dach kommt der satte, röhrende Ton des Triebwerks erst richtig zur Geltung. Vom Klang her muss sich dieser Motor bestimmt nicht vom edlen Zwölfzylinder verstecken. Die Fahrleistungen sind wie zu erwarten, grandios: 4,7 Sekunden von Null auf Hundert, bei 250 km/h ist offiziell Schluss, praktisch sollte man über 300 km/h erreichen können. Im Alltag wichtiger ist das direkte Ansprechen des Saugers. Mag sein, dass die minimale Verzögerung der Kompressoren mehr der Einbildung entspringt, als dass man sie messen könnte, aber hier existiert sie nicht. Wer den CLK wirklich fordert, wird überrascht sein, wie viel Leidenschaft und Giftigkeit AMG dem kreuzbraven CLK implantiert hat. Genau das Richtige also, wenn die Enkel große Augen machen sollen.

Favorit Sportcoupé

Von Form, Fahrwerk und Sitzen entspricht das das Coupé 63 CLS AMG am meisten einem Sportwagen. Es ist eben doch ein Unterscheid, ob man einen Geländewagen zu Thors Hammer aufrüstet, einer edlen Open-Air-Schaukel Biss verleiht, oder man ohnehin flottes Fahrwerk weiterentwickelt. Hier passt alles, Fahrzeuggröße, Position des Fahrers und Motorleistung sowieso. Die Formsprache fällt für AMG aggressiv genug aus, obgleich die Leistungen dieses Wagens noch ganz andere Zutaten vertragen könnten.

Auffallend genug

Sorge, nicht genug aufzufallen, muss man in der AMG-Flotte übrigens nicht haben. Von weitem denkt man zwar, wer mag ihn erkennen, den teuren Unterschied? Aber keine Sorge, es gibt genug, die ihn zu schätzen wissen. Zum Beispiel, die motorbegeisterte Polizei in Spanien. In wenigen Stunden nutzen gleich mehrer Streifen eine routinemäßige Kontrolle der Papiere dazu, die Fahrzeuge ausführlich in Augenschein zu nehmen. Und auf Dauer? Da muss der Mann von der Guardia Civil lachen und öffnet sein Portemonnaie. Der Inhalt reicht fürs Frühstück, aber nicht für den 63 CLS AMG.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.