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BMW 3er Cabrio: Strahlender Verräter

Verrat hat Konjunktur in Bayern. Anstelle des gewohnten Stoffdaches wagt BMW den Schritt zu Blech-Klapp-Haube. Mehr wegen der Kundenwünsche, als aus eigenem Antrieb. Was soll die Nostalgie? Das Ergebnis zeigt: Der Schritt war richtig.

Von Gernot Kramper/Phoenix

Nun ist es wahr, BMW sonst selbsternannter Gralshüter der reinen Lehre rund um Fahrspaß und Beweglichkeit schwört dem althergebrachten Stoffdach ab und setzt auf ein klappbares Blechdach. Der Kunde will es so. Das neue3er-Cabriolet ziert keine schwarze Mütze mehr, sondern Metall in Wagenfarbe spannt sich über den strammen Bayern. Nur die sonst übliche "CC-Bezeichnung sucht man vergebens, so als wollte man auf jeden Fall die Erinnerung an die CC-Buckelwalflotte von Peugeot vermeiden.

Weg mit Bangle, her mit der Linie

BMW ist also nicht der erste Hersteller - genau genommen einer der letzten - die sich der Blechdach-Manie stellen. Das Ergebnis kann sich - wen wundert es? - natürlich sehen lassen. Von außen zumindest sind keine der sonst üblichen Kompromisse zu erkennen, welche die Falttechnik sonst erfordert. Weder wurden die Seitenlinien, wie beim EOS von VW, auf Badewannenhöhe hochgezogen, noch gibt es die berüchtigte Speckschwarte am Heck, unter der sich das Dach zusammenkauern muss. Einzig die gut zu erkennende Trennungsfuge mitten auf dem Dach ist zu bemerken und der Kofferraum schrumpft bei weggepacktem Dach auf Täschchenformat zusammen. Nominell bleiben zwar 210 Liter, allerdings wird man sie nur mit Schüttgut ausnutzen können, Sehr gut bekommt dem Cabrio der Verzicht auf die hässlichen Rückscheinwerfer des Standard-3ers, statt dessen gibt es klare vertikal konturierte Leuchten. Das ganze Heck lebt von vertikal durchgezogenen Linien und huldigt der klassischen Eleganz, ganz so als hätte es die Bangleschen Babytische nie gegeben. Offen oder geschlossen präsentiert sich dieses Cabrio mit italienischem Stilempfinden und deklassiert die normale Limousinen zum zwar sportlichen, aber biederem Gefährt. Bei aller Kunst des Dachverbiegens hat allein das Coupé in Sachen optischen Feingefühls noch die Nase vorn. Sein Nachteil liegt auf der Hand, es fährt nur im geschlossenen Zustand.

Fängt BMW beim "M" an?

BMW stellte das neue Frischluftabenteuer in Phoenix vor und rollte wegen des strengen Tempolimits nur die Top-Motorisierung 335i auf den Highway. Nun ja, für die USA und die landschaftliche reizvollen Strecken in Arizona wäre dieser Motor nicht vonnöten, wenn man nicht direkt vom Sportsitz ins örtliche Gefängnis wandern will. Verständlich, dass sich ein Hersteller gern im Glanz seiner Boliden zeigt, unverständlich aber, dass der brandneue Zwei-Liter-Motor mit Benzindirekteinspritzung nicht zu fahren war. Unschön auch für die Berichterstattung, wenn auf Fahrpräsentationen nur die Superedelausstattung mit Topmotor anzutreffen ist und kein Vergleich mehr zu den Fahrzeugen in der halbwegs normalen Preisklasse besteht. Das BMW 335i Cabrio leistet mit Reihensechszylinder und Twin-Turbo-Technik 306 PS. In 5,8 Sekunden hüpft es aus dem Stand auf Tempo 100, bei 250 km/h macht die Elektronik Schluss. Das Aggregat wird auch im leichteren Coupé verbaut. Ein Unterschied ist auf dem Highway nicht spürbar, auch weil das Cabrio so verwindungssteif ist, dass keine Bewegungen in der Karosserie merkbar sind. Spannend wäre es gewesen, zu erfahren, wie ein kleinerer Motor mit 200 Kg Mehrgewicht zurechtkommt. Serienmäßig kommen alle Motoren mit manuellem Sechsgang-Getriebe in den Handel, als Option gibt es die Automatik mit Schaltwippen.

Mut will belohnt werden

Manchmal darf man eben nicht als Erster starten, um als Bester durchs Ziel zu gehen. BMW schafft es dafür als Erstes ein Blechdach-Modell in einer so makellosen Optik zu präsentieren. Natürlich gab es auch schon im letzten Jahr eine Menge ansehnlicher CC-Modelle. Im Vergleich zu den Schandtaten der ersten Blechklapp-Generation sahen die auch richtig gut aus. Jetzt hängt das 3er-Cabrio die Latte weitaus höher. In Sachen Linie und Eleganz ist kaum ein Unterschied zum geschlossenen Coupé geblieben. Die nächste Herausforderung an der Klappdachfront wird also sein, einen großen, echten Fünfsitzer ohne Designnachteile zu überdachen. Zurzeit ist das 3er-Cabrio also ein Unikat. Die Zutaten Cabrio-Optik, Sportlichkeit und Metalldach vereint so kein anderes Fahrzeug. Außer dem leidigen Geld gibt es eigentlich keinen Grund, dass Cabrio nicht der Limousine vorzuziehen. Sonnenschein ohne Reihe.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Nur der Kofferraum muss leiden

Bleibt beim Cabrio das Dach zu, kann man keinen Unterschied zu einem geschlossenen Fahrzeug wahrnehmen. Die A-Säule ragt nicht tief in den Einstieg, wie bei den frühen CC-Modellen, bei denen man stets Angst haben musste die Streben könnten einen beim unachtsamen Einstieg das Augenlicht rauben. Die Scheibe ist verhältnismäßig kurz und ermöglicht oben offen echtes Cabriogefühl. Chapeau! Das hat noch keiner so hinbekommen. Auch den Blick erfreut bayerische Maßarbeit, und man muss nicht - wie sonst - auf wulstige Silikondichtungen starren, die die Blechspalten abdichten sollen. Auf den hinteren Sitzen geht unter dem flotten Dach freilich sehr gedrückt zu. Hier können sich in jeder Richtung nur kleine "Persönchen" wohlfühlen. Herausstellen muss man das nicht, denn nur im 3er-Kombi können sich zumindest noch Jugendliche hinten wohl fühlen. Im Cabrio ist die zweite Reihe nur für die Kurzstrecke oder für die Enkel zu gebrauchen. Das dreiteilige Stahl-Klappdach lässt sich in 22 Sekunden im Heck versenken. Und das schon in der Serie per Funkfernbedienung. Einen besseren Auftritt kann sich der Stenz im Biergarten wohl nicht wünschen.

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