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Chrysler Crossfire Coupé: Al Capones Gangsterbraut

Wenn Mobster aus Chicagos schlimmsten Zeiten in einer Art-Deco-Oper Auto fahren dürften, käme für sie nur der Crossfire in Frage. Doch was bietet der Chrysler neben seinen unbestreitbaren Posing-Qualitäten?

Von Gernot Kramper

Seit über einem Jahr auf den Straßen ist das Sport-Coupe nach wie vor ein echter Hingucker, der bei den Mitmenschen Nackenstarre und Halswirbeltrauma auslösen kann. Doch Vorsicht, der Blech-Gangster spielt mit falschen Karten. Das Design wirkt wie aus einem nostalgischen US-Comic entsprungen, die Technik kommt von Mercedes und gebaut wird in Osnabrück bei Karmann. Manchmal kann Mulitikulti auch das Beste verschiedener Welten vereinen. Das Äußere elektrisiert. Entweder man ist begeistert oder wendet sich mit Grausen von der Retro-Orgie ab.

Macht Sie der Retro-Renner an?

Fakt ist: Dieser Wagen lässt niemand kalt. Der Flitzer mit dem Chrysler Schild macht optisch die größtmögliche Welle. Er kennt keine Scheu aufzufallen und lechzt nach Superlativen: Die längste Haube, das kürzestes Heck, die schärfsten Kiemen. Sitzt ein Mann am Steuer sind begehrliche Blicke spürbar, mit einer Frau auf dem Fahrersitz raubt der Crossfire den Kompaktwagen-Schleichern schier den Verstand. Ein Zwischenstopp auf dem Golf- Focus und Astra-Parkplatz wirkt wie der Auftritt einer Matrix-Domina im Kleintierzüchterverein. Für Fahrer und Pilotinnen, die einen zusätzlichen Ego-Turbo schätzen, wirken die offenen Münder im Rückspiegel berauschend, Freunde automobilen Understatements sitzen im falschen Chassis. Der gut vier Meter lange Power-Keil steht auf großen 18-Zoll-Rädern vorne und 19-Zoll-Pneus hinten, schon die Bereifung macht auf dicke Hose. Die auffällige Karosserie sorgt bei hohen Geschwindigkeiten leider nicht für die notwendige Bodenhaftung. Um den Wagen sicher auf dem Asphalt zu halten, wurde ihm ein ausfahrbarer Heckspoiler wie dem Porsche Boxster verordnet. Eingezogen fällt der Bürzel nicht weiter auf, es ist eine Lösung, mit der sich weit eher leben lässt als mit der permanenten Nackenwelle im Audi TT.

In der Künstlergarderobe

Leider verloren die Chrysler-Mannen bei der Innenraum Gestaltung jede Hemmungen. Die zwischen Rostrot und Brombeere angesiedelte Farbe verbreitet eine Atmosphäre, als wäre man unversehens in Christina Aguileras ("Lady Marmelade") Schminkköfferchen geplumpst. Sobald man bemerkt, dass sich Schalter und Klappen auch anfühlen wie die Schächtelchen im Necessaire, muss man aber knurren: "Gangsterliebchen, hier bist du mir zu billig!"

Natürlich wird es Fahrer geben, die das aufgedonnerte Styling im Inneren schätzen. Über andere Macken kann man leider nicht streiten: Die Sicht nach außen ist stark eingeschränkt, hier fühlen sich nur echte Rennpiloten und Panzerfahrer daheim. Kleinwüchsige hocken deutlich unter der Glaslinie. Umso unverständlicher, dass sich der Beifahrersitz für die Sozia nicht in der Höhe verstellen lässt. Richtig nervt auch die krude Aluminiumoptik, hinter der sich nur Plastik versteckt. Wer diesen Wagen liebt und sein eigen nennt, sollte die lieblose Brautgabe der Konzern-Eltern möglichst schnell rigoros entfernen und gegen angemessene, wertige Einbauten austauschen. Dafür findet man sich ohne Irritationen an Bord zurecht, denn einen Zentimeter unter dem Chrysler-Kunststoffverbund steckt der Mercedes. Freuen darf man sich über das hohe Verarbeitungsniveau aus Osnabrück. Da klappert und scheppert nichts. Die Instrumente gefallen, auch das Lenkrad kann sich sehen lassen. Der Kofferraum bringt 215 Liter Fassungsvermögen mit sich, dafür fällt die Zuladung mit 213 kg bescheiden aus.

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Da brummt der Benz

Dass die Technik von Mercedes stammt, gereicht dem Crossfire nicht zum Nachteil. Außenmaße und Radstände entsprechen dem SLK. Innen erinnert die Gestaltung des Armaturenbretts ans SLK-Cockpit, genau wie Schalter, Knöpfe und Lüftungsgitter. Vorder- und Hinterachse kommen aus dem Konzernregal, ebenso der 3,2-Liter-V6-Motor, das Sechsgang-Getriebe und die optionale Fünfgang-Automatik. Damit bringt der Chrysler-Benz schon Spaß auf die Straße. Er platziert sich zwischen dem hochkultivierten SLK und dem ruppigeren Nissan 350 Z. Nach einer rabiaten Anfahrphase wechselt der Sechszylinder in die sportlich-kultivierte Gangart. Das maximale Drehmoment von 310 Newtonmetern liegt bei 3000 U/min an, damit kommt das 1388 Kilogramm schwere Fahrzeug zügig in Gang. Die Fahrwerksabstimmung quält die Insassen nicht auf schlechten Pisten. Das Sportcoupé schlägt sich im Zweifel eher auf die Komfort-Seite, leider konnte dadurch kein rabiater Kurvenkracher aus ihm werden. Bei entsprechender Fahrweise mutiert der Crossfire (zu deutsch: Kreuzfeuer) auch mal zum Rabauken, aber zum permanenten Asphalt-Fegefeuer fehlt die schiere Power. Am Handling gibt es nichts zu kritteln. Der Geradeauslauf wird auch von Spitzengeschwindigkeiten nicht berührt, auf Lenkeinschläge reagiert das Coupé gelassen und gehorsam. Kurven nimmt der Chrysler selbst mit erhöhten Geschwindigkeiten willig. Wenn es zuviel wird, greif das ESP mäßigend und unspektakulär ein. In etwas weniger als sieben Sekunden durchschlägt der Crossfire die 100 km/h-Marke, bei 250 km/h ist dann Schluss mit lustig. Allzu viele überschüssige Kräfte müssen dann aber nicht mehr elektronisch abgeregelt werden. Der Verbrauch liegt nach Werksangaben im Mix bei knapp elf Litern. Praktisch lassen sich mühelos wesentlich höhere Werte erreichen.

Lass das Herz sprechen

Heiß ist nicht nur das Äußere, mit 37.200 Euro ist der Crossfire ein Angebot, zumal die Ausstattung komplett ist. Extra kommen lediglich Metallic-Lackierung, Navigationssystem und eine Fünfgang-Automatik, die den Wagen aber nicht flotter macht. Die Entscheidung für den Crossfire muss das Herz treffen. Wer auf die auffällige Form anspringt, hat keine Nachteile zu erwarten. Wenn das Blechkleid aber nicht den Hals trocken werden lässt, wird die Entscheidung schwierig. Der SLK kommt zwar deutlich teuer, bietet dafür aber das Blech-Knick-Dach und leistet sich im Innenraum keine Patzer. Der Nissan 350 Z bietet zu einem vergleichbaren Preis deutlich mehr Power. Darauf braucht auch der Crossfire-Fan nicht verzichten. Im SRT-6 genannten Top-Crossfire gibt es 330 PS und hammerharte 420 Nm. Damit rauschen Crossfire Coupé und Roadster in nur gut fünf Sekunden auf Tempo 100. Mit 50.800 Euro startet der Preis allerdings auch mächtig durch..

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