E-Cart The Village People


Von wegen Amis verbrennen den Sprit nur gallonenweise in ihren dicken V8-Monstern. Unweit von Orlando im US-Staat Florida fahren Tausende von Rentnern mit Strom - und haben mächtig Spaß daran.
Von Michael Specht

Eigentlich ist es hier wie überall in Amerika, in diesen sterilen, uniformen Neubaugebieten. Manikürte Rasenflächen wachsen um eng gestellte Einheits-Plastikhäuser mit Doppelgarage. Zäune und Hecken fehlen und jeden Morgen liegen auf den Betonauffahrten die in Folie gehüllten Zeitungen. Doch sobald die Sonne aufgegangen ist, ändert sich das Bild. Die Garagentore gehen hoch und heraus surren Elektro-Carts, jene, die man sonst zumeist auf Golfplätzen zu sehen pflegt. Doch hier in "The Villages", einem Zusammenschluss dutzender Siedlungen, etwa eine Autostunde nordwestlich von Orlando in Florida, nutzen die Bewohner die kleinen Stromer auch für die Fahrt zu Nachbarn und Freunden sowie zum Shopping-Center oder zur Kirche

Pete Chiasson (65) ist einer von ihnen, einer von den rund 70.000 Rentnern, die in "The Villages" ihren Lebensabend verbringen und zum E-Mobilisten mutierten. In wenigen Jahren werden es 100.000 sein. Zusammen mit seiner Frau Mary Lou zog Manager Chiasson vor drei Jahren von Neuengland ins warme Florida. "Wir haben zwar noch einen Toyota, doch der steht die meiste Zeit unbenutzt herum", sagt Pete. "Und wenn die Enkelkinder zu Besuch sind, ist das ein Heidenspaß für die Kleinen, mit ihnen im E-Cart zum Einkaufen zu brausen.

Hierzu legten die Architekten eine nahezu perfekte Infrastruktur an. Innerhalb der Wohngebiete darf ganz normal auf den Straßen gefahren werden. Parallel zu den Highways verlaufen extra angelegte Cart-Wege. Wie ein riesiges Netz ziehen sich die knapp drei Meter breiten Betonbänder durch Orte. Zum Überqueren der Highways gibt es entweder Tunnel oder Brücken. Maximal 20 Meilen die Stunde (32 km/h) erlaubt die Polizei. E-Tuning ist weit verbreitet. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Licht und Blinker sind Pflicht. Ansonsten herrscht, wie auch bei den richtigen Autos, weitestgehend Gestaltungsfreiheit. Nur mit dem typischen Golf-Cart durch die Gegend zu fahren, käme einem Trabant in der DDR gleich. Die Industrie hat sich da schnell drauf eingeschossen. So gibt es allerlei coole wie eigenwillige Konstruktionen, vom Oldtimer über den "57er-Chevy" bis zum Hot Rod und Hummer-Nachbau. Motto: Auffallen um jeden Preis.

57er-Chevy oder Hot Rod als E-Mobil

Rund 6000 Dollar verlangt der örtliche E-Cart-Händler für ein normales Modell, doch ein "Hummer" kann auch leicht das Dreifache verschlingen. Gute Exemplare sind ausgerüstet mit Wurzelholzarmaturenbrett, Getränkehaltern, Lederlenkrad, verchromter Lenksäule, Ventilatoren, Ledersessel und Armlehnen. Vor dem seltenen Regen schützen ein Plastikdach und seitliche aufrollbare Planen mit integrierten Fenstern. Mehr Reichweite haben aber auch die "Custom Carts" nicht. Nach rund 50 Kilometern geht den konventionellen Blei-Batterien der Saft aus. Das reicht jedoch locker für die übliche Runde auf dem Golfplatz plus An-und Abfahrt und Shopping auf dem Rückweg.

Wer abends in "Spanish Springs" (mit 20 Jahren der älteste "künstliche" Ort) oder "Lake Sumter Landing" (ein Nachbau von Key West) auf Piste geht, glaubt, in einem Parallel-Universum gelandet, aber nicht mehr in Amerika zu sein. Überall surren Rentner-Pärchen mit ihren luftigen Elektro-Gefährten umher oder parken sie Platz sparend quer zur Fahrbahn, meist direkt vor den Restaurants. Abschließen? Angst vor Diebstahl? "Die Menschen sind zufrieden hier", sagt Pete. "Warum sollte einer dem anderen etwas wegnehmen?" Selbst die Golfausrüstungen bleiben oft hinten auf dem Cart angeschnallt. Doch lange währt das Treiben nicht. Nach 21 Uhr wirkt "The Villages" wie ausgestorben. Die Restaurants sind leer. Ebenso die Straßen. Anfangs glaubt man, es sei Sperrstunde. Doch der Grund ist simple: Ältere Menschen gehen früh zu Bett. Das einzige, was jetzt noch auf Hochtouren läuft sind die Ladegeräte in den Garagen.


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