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Ferrari: Ziemlich abgefahren

Der italienische Rennstall Ferrari hat zur Testfahrt in seinem neuesten Boliden geladen. Wie sich stern-Redakteur Frank Janßen im neuen Ferrari 430 Scuderia für Schumi hielt - und wie er irrte.

Dies ist die Geschichte darüber, wie ich meine Unabhängigkeit verlor. Es ist unverzeihlich, aber lassen Sie es mich erklären. Bitte. Ich habe mich nämlich einfach einlullen lassen. Ohne es zu merken. Und dann haben sie mich benutzt. Erst jetzt ist mir die Strategie klar, heute hab ich alles durchschaut. Aber neulich...

Es begann am Vorabend im "Montana", Michael Schumachers Lieblingsrestaurant in Ferraris Heimatort Maranello. Bereits der Schinken war eine Sensation. Dann die Pasta und hinterher noch das Piccata. Spätestens als Ferraris Pressechef Antonio Ghini sich über den Tisch beugte und meinte, wir sollten auf unser Leistungsgewicht aufpassen, hätte es bei mir klingeln müssen, aber ich war so gut wie wehrlos.

Am nächsten Morgen wurde mein Widerstand - hatte ich überhaupt einen? - gebrochen. Wir fuhren zu Ferraris Rennstrecke in Fiorano. Heiliger Boden. Man führte uns in die Box, setzte uns knallrote Kopfhörer auf und begann per Boxenfunk mit der technischen Einführung in das neue Auto, das Modell 430 Scuderia.

Monitore mit Peripheriedaten! Boxenfunk!

Einige der Kollegen von Fachmagazinen haben sicher knallhart nachgehakt - mit Fragen zu Benzinverbrauch, Lärm-Emissionen und CO2-Ausstoß. Ich dagegen hab all das nicht richtig wahrgenommen. Nur 2,45 Kilogramm pro PS! Zehn Prozent mehr aerodynamischen Abtrieb! 510 statt 490 PS! Ich lauschte den Ausführungen über die möglichen Rundenzeiten wie in Trance. Monitore mit Peripheriedaten! Boxenfunk! Nicht ganz lippensynchron wegen der Verschlüsselung, weil ja Leute von McLaren Mercedes hinter der Hecke lauern und mithören wollen, aber uns haben sie alles erzählt. Ich fühlte mich schnell heimisch. Signore Ghini ging gemessenen Schrittes auf und ab und nickte zufrieden.

Irrsinniges Überholmanöver

Kein Halten mehr

Heute weiss ich: Ich bin in eine Falle getappt. Am Ende der Präsentation startete Formel-1-Testfahrer Marc Gené den 430 Scuderia und drehte zwei Runden. Als er wiederkam, meinte er, ein normaler Fahrer sei dank der ausgeklügelten elektronischen Programme annähernd so schnell wie ein Profi. Ehrlich, das hat der wirklich gesagt: "Man kann in der Kurve Vollgas geben, und das Auto bringt immer genau die Leistung, die man braucht. Jeder kann meiner Zeit damit sehr nahe kommen."

Jetzt war kein Halten mehr. Ich musste unbedingt meine fahrerischen Qualitäten unter Beweis stellen. Mit 43 Jahren in Fiorano entdeckt für eine zweite Karriere als Rennfahrer! Nach Schumis Rücktritt: 2008 schon wieder ein Weltmeister aus Deutschland. Ich dürfte endlich Heiko Waßer und Kai Ebel von RTL kennenlernen, die Formel-1-Kommentatoren. Boah.

Eiskalt abserviert nach Mamas Pasta

Ich drehte drei Runden. Es war sensationell. Ich muss hammermäßig schnell gewesen sein. Plötzlich machte ich mir auch keine Gedanken mehr über die 206 300 Euro für den 430 Scuderia, denn der Dienstwagen käme ja auf das Gehalt als Formel-1-Pilot noch obendrauf.

Was dann passierte, ist mir schleierhaft - nämlich nichts. Sie haben weder mich noch irgendeinen der Kollegen in die Box bestellt, um die Rundenzeiten zu loben. Ganz ehrlich: Ich hab das Leistungsgewicht in Verdacht. Wegen der Pasta. Echt gemein. Erst verführen sie dich mit Mamma Rosellas Kochkünsten, und dann servieren sie dich ab. Dabei hätte ich super reingepasst in das Team. Vielleicht konnten sie sich auch bloß nicht entscheiden, ob sie Felipe Massa oder Kimi Räikkönen durch mich ersetzen sollten. Ich hab noch einen anderen Verdacht: Wahrscheinlich gibt es in der Formel 1 eine geheime Quote. Nach sieben Titeln ist mal 'ne andere Nation dran mit dem Weltmeistersein. Und uns haben die eiskalt gegeneinander ausgespielt.

"Einfach ein geiler Tag"

Am Flughafen, im Bus zum Flieger, meinte ein Kollege: "Einfach ein geiler Tag." Total unkritisch, der Typ. Ich jedenfalls bin jetzt voll nachdenklich und so. Aber das mit der Quote in der Formel 1 werde ich knallhart nachrecherchieren.

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