Ford Fiesta ST Cup Kölner Winzling mit Renn-Genen


170 Pferdestärken, 230 km/h, enger Recaro-Schalensitz und hartes Sportfahrwerk. Klingt nach Sportwagen, ist aber ein Kleinwagen. Von außen gibt sich die Cup-Version des Ford Fiesta ST bescheiden, hinter dem Blechkleid jedoch verbirgt sich einiges.
Von Christian Gebhardt/Salzburgring

Die heiß gefahrenen, profilosen Rennreifen kleben am griffigen Asphalt. Wie ein Greifvogel auf der Jagd krallen sich die Gummis in den pechschwarzen Straßenbelag. Der dröhnende Renngimpel pflügt durch die ultraschnelle Fahrlagerkurve des Salzburgrings.

Peng - bei Tempo 230 wird die Heckpartie merkwürdig leicht. Jetzt fängt sie an zu schlingern und will zum Überholen ansetzen. Einen Hauch Geschwindigkeit mehr und der rasende Ford Fiesta ST würde zum Sprung ins unwiderrufliche Jenseits ansetzen.

Stop! Ford Fiesta? Der Kleinwagen? Fahren am Limit? Klingt komisch, ist aber so. Für die 36 Piloten des Markenpokals Ford Fiesta ST Cup ist der Spurt am fahrerischen Limit sogar Alltag. Eine nervenaufreibende Achterbahnfahrt für das Herz des Amateurs, der als Gaststarter im Haifischbecken der heißen Renn-Tourenwagenserie mitschwimmen durfte.

Hohe Chancengleichheit

"Ich habe schon viel Motorsport betrieben, aber der Ford Fiesta ST Cup ist ein Markenpokal, der besonders unterschätzt wird", erklärt Harald Proczyk vom Team Vizethum Racing. Er muss es wissen. Der smarte Österreicher wurde 2004 und 2005 Vizemeister. Die Jagd nach dem Titel. Keine leichte Aufgabe. "Nach dem Zeittraining liegen hier teilweise 25 Autos innerhalb einer Sekunde. Das fahrerische Niveau im Cup ist sehr hoch." Klingt nach Chancengleichheit. Das Konzept von Ford scheint aufzugehen. 2006 rollt die Serie mit den baugleichen Rennern im vierten Jahr. 13 Rennen auf anspruchsvollen Rennkursen, wie dem schnellen Salzburgring oder dem kurvenreichen Rennstreckenolymp Nürburgring Nordschleife stehen auf dem Programm.

Braver Kleinwagen hungerte sich zum Rennpferd

Für den Renneinsatz mutierte der kleine Flitzer vom braven Kleinwagen zum aggressiven Rennboliden. Wild lärmend dreht der 170 PS-Vierzylinder bis auf fast 8000 Touren hoch. Spätestens jetzt bettelt das Fünfgang-Sportgetriebe den Piloten nach der nächsten Fahrstufe an. Dank Rennsport-Fahrwerk schnüffelt der Renn-Fiesta tief gebückt über die Piste. Das äußere Blechkleid ähnelt der Straßenversion, im Innenraum wurde hingegen gründlich aufgeräumt.

Um auf das schlanke Idealgewicht von 940 Kilogramm zu kommen, flogen überflüssige Sitze und Verkleidungsteile raus. Luxus adé. Nach der Magerkur blieb nur noch ein spartanischer Rennschalensitz, ein eingeschweißter Sicherheitskäfig und eine Feuerlöschanlage im Interieur übrig. Auch der Tachometer fiel dem Schlankheitswahn zum Opfer. Ein Kombi-Instrument mit analogem Drehzahlmesser und digitalen Anzeigen für Wasser- und Öltemperatur sowie den Öldruck ist geblieben. Motorsport-Ambiente macht sich breit. Ein Highlight verbirgt sich fast unsichtbar unter dem flinken Fiesta. Per Lufthebeanlage und Druckluft wird der quirlige Renner in der Box zum Schweben gebracht. Manuelle Wagenheber gehören der Vergangenheit an.

"Rennfahren ist wie eine Droge, man kann nicht mehr aufhören"

"Wenn man mal mit dem Schwachsinn angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Das Rennfahren ist wie eine Droge." Jürgen Bretschneider blickt auf seinen Fiesta-Renner mit der Nummer Acht. Der 39-jährige ist einer der älteren Fahrer im Feld zwischen den Nachwuchs-Jünglingen. Sein Vorbild ist Gilles Villeneuve. Früher ist Bretschneider mal Kart und Formel-Nachwuchsserien gefahren, dann kam erst mal zwölf Jahre nichts. Heute gibt der selbstständige Fliesenhändler wieder richtig Gas. Mit kleinem Budget erfüllt er sich seinen Traum vom Rennfahrerleben.

Im Wohnmobil und mit Anhänger für den Renn-Fiesta geht's von Rennstrecke zu Rennstrecke. Schnell fahren, aber bloß nichts kaputt machen, lautet die Devise. Ganz ohne Sponsor geht es dann aber doch nicht. "Ein Motorschaden kostet ja schon 4000 Euro." Racer Bretschneider vertraut auf einen befreundeten Händler mit Fliesenkleber. Als Dank für die Mitgift ist der Cup-Fiesta im Design des Fliesenklebstoffs lackiert. Ohne finanzielle Unterstützung durch Sponsoren können die meisten Piloten die Einsatzkosten von 30.000 bis 50.000 Euro pro Saison nicht finanzieren. Dennoch zählt der Fiesta ST Cup zu den günstigeren Rennserien in Deutschland.

Kölner Prickel-Cup

"Es gibt drei Punkte, die uns bei der Konzeption des Ford Fiesta ST Cup besonders wichtig waren. Die Kosten sollen auf der einen Seite so gering wie möglich gehalten werden, zum anderem war uns die Haltbarkeit der Fahrzeuge sehr wichtig. Vor allem wollten wir aber ein reinrassiges Rennauto konstruieren", beschreibt Eberhard Braun, Leiter der Motorsport-Wettbewerbe von Ford, das Paket für die Teilnehmer der Cup-Serie.

Der Spaßturbo brummt, sobald der drückende Sechs-Punkt-Sicherheitsgurt einen in den engen Schalensitz schnürt. Per Startknopf erwacht das kräftige Aggregat zum Leben und die fünf Gänge werden - unter brüllendem Renn-Sound - bis zur Drehzahlgrenze voll durchgerissen. In einer Renn-Saison verheizt man so vier Standard-Fiestas. Was soll's? Trotzdem lohnt sich das Vergnügen.


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