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Honda Civic: Galaktischer Sternen-Gleiter

Nach dem Misserfolg des muffigen Vormodells hat Honda der Mut gepackt. Im Design versprüht der neue Civic Genialität und Klasse. Der Blick unter die Haube hinterlässt dagegen vor allem Ratlosigkeit.

Auf die Knie! Nur mit Respekt darf man sich dem neuen Honda Civic nähern. Der Vorgänger war zum Gähnen langweilig, dem Markterfolg bekam das Nummer-Sicher-Design zum Glück nicht. Der Civic Kunde möchte offenbar etwas Schärferes als einen Honda-Golf. Für das neue Modell wurde bei Honda das Design-Steuer umgeworfen, anstatt im küstennahen Brackwasser herumzudümpeln, wurde Kurs auf die Biskaya genommen.

Was sagen Sie zum neuen Honda Civic?

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, nur ganz, ganz selten kommt es vor, dass eine mutige Studie praktisch unverändert in Serie geht. Honda ist dieses Wagnis eingegangen und kann als Lohn den atemraubendsten Kompakten auf die Straße stellen. Highlights stellen die durchgängigen Glasbänder her, die konventionelle Schweinwerfer und Grill ersetzen. So mutig war Citroen in den siebziger Jahren. Honda bestückt so nicht nur die Front des Wagens, sondern auch den Heckabschluss. Sehr aufwändig wächst dort der Spoiler direkt aus dem Glas. Die Formen sind edel und wohlproportioniert. Dabei wirkt der Civic besonders kompakt und steht sehr sportlich auf seinem Fahrwerk. Diesen Eindruck verstärken die praktischen Kunststoff-Verstärkungen der Radläufe. In vielen Details spielt der Civic mit einer dynamischen Trapezform, etwa bei den Türgriffen. Bei soviel Mut wundert es fast, dass außen keine unnötigen Gimmicks zu erkennen sind.

Nimm Platz im Raumschiff Orion

Dass Avantgarde nicht immer bekömmlich sein muss, wird mancher Kunde verschreckt hinter dem Lenker feststellen. Nur wer gern alte Godard Filme sieht und eigentlich eine Citroen CS oder CX fahren wollte, aber die anfällige Technik scheut, wird entzückt sein. Leuchtanzeigen im Drei-Dimensionalen-Cockpitraum so weit das Auge blickt. Dabei in Kauf genommen: Der Tod des Rundinstruments. Direkt in Blickrichtung und über dem Lenkrad mahnen riesige Leuchtziffern an die erreichte Geschwindigkeit. Hinter dem Lenkradkranz blinkt ein überdimensionaler Drehzahlmesser, in seiner Mitte wird unter anderem die Tankanzeige dargestellt. Das Ganze findet nicht etwa hübsch langweilig in einer Ebene statt, sondern wird in drei Treffen tief gestaffelt zwischen Fahrer und Scheibe untergebracht. Wem es gefällt, den wird das gewagte Ensemble ansprechen. Sachliche Gründe sind für die digitale Lösung nicht zu entdecken. Immerhin hat man etwas, dass kein anderer Hersteller verbaut.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Grandiose Verhältnisse

Erinnert der Arbeitsplatz des Fahrers an 60er-Jahre-Raumschiffe, bietet der Rest des Innenraums keinen Grund zu Kontroversen. Der Stoffbezug im robusten Frottee-Look verwundert zwar im Autointerieur, ist aber modisch up-to-date und würde jeder Design-Wohnung gut anstehen. Sitze, Haltung und Platzangebot überzeugen rundweg. Angesichts der dynamischen Keilform und der Außenmaße geht es innen drin überaus fürstlich zu. Oder hätten Sie beim Blick auf das Bild oben vermutet, dass dieser Wagen den mit Abstand größten Kofferraum seiner Klasse anbietet? Um dieses Angebot zu erreichen, musste Honda zu aufwändigen Lösungen greifen, die der Kunde normalerweise gar nicht bemerkt. Für das Ladevolumen wurde der Tank zwischen die Sitzreihen verlegt. Variabel wollen heute alle Wagen sein. Honda zeigt, wie es wirklich geht. Die Variabilität der Sitzbank sucht seinesgleichen. Bei Honda reicht wirklich ein Handgriff, um den Sitz, wie gewünscht, umzuklappen. Übrigens sind zweites Ladeabteil, der verstellbare Ladeboden und die patent umlegbare Rückbank immer im Preis mit enthalten.

Erklärungsbedarf unter der Haube

An Lenkung und Fahrwerk gibt es nichts zu kritteln. Die Handschaltung sollte allerdings präziser sein, eine gewisse Konzentration muss man schon aufbringen, will man nicht unversehens im falschen Gang landen. Im Normalbetrieb gefällt das automatisierte Schaltgetriebe, bei sportlicher Fahrweise auf fordernder Strecke ist die Schaltlogik überfordert. Dann sollte der Automat manuell zum Gangwechsel aufgefordert werden.

Die angebotene Motorenpalette hinterlässt dagegen Ratlosigkeit. Prunkstück des Maschinenraums soll der neue 1.8 Benziner mit immerhin 140 PS sein. Für ihn spricht ohne Abstriche sein geringer Verbrauch. Um diesen Wert zu erreichen, wurde die Elektronik konsequent auf Geizhals eingestellt. Im Ergebnis schnarcht der flotte Civic dafür im Drehzahlbereich von 3500 Umdrehungen pro Minute so vor sich hin. Mehr als110 PS vermutet niemand unter der Haube. Munter und aggressiv wird der 1.8 Liter erst über 5000 Umdrehungen. Wer bereit ist, ihn so zu zwiebeln, wird mit einem sportlichen Fahrerlebnis belohnt. Vorteil dieser Technik: Im Alltag zeigt sich der Civic in Verbrauch und Leistung verhalten, bei Bedarf und forscher Fahrweise steht eine Kraftentfaltung zur Verfügung, die man nicht jeden Tag an der Zapfsäule bezahlen muss. Das klingt gut. Feurige Fahrer können dem Civic durchaus Dampf machen, nur der normale Kompaktklassen-Pilot traut sich kaum jemals in den hohen Drehzahlbereich. Noch entscheidender scheint aber die unangenehme Verzögerung sein. Die volle Leistung steht eben nicht auf Pedaldruck bereit. Wer gemächlich mit 2500 Umdrehungen dahinzuckelt, müsste zunächst blitzschnell herunterschalten, um mit voller Power durchziehen zu können. Nur wer macht das schon?

Diesel ohne Filter

Ein wesentlich runderes Bild gibt der 2.2-Liter Diesel ab. Das famose Triebwerk schiebt den Wagen über das gesamte Drehzahlband mit Macht und Kraft an. Runterschalten zum Beschleunigen ist definitiv nicht nötig. Schwer zu erklären, wo da der Benziner seine Vorteile herausholen will. Aber was nutzt das beste Triebwerk, wenn es praktisch nicht zu verkaufen ist? Dummerweise rollt der Diesel-Civic nämlich ohne Partikelfilter zu den Händlern. Das bedeutet heute im Verkaufsgespräch das sofortige Aus. Ab Start wird ein Nachrüstset angeboten und für Mitte 2006 eine Lösung ab Werk in Aussicht gestellt, vorher ohne Serien-Filter wird den Motor niemand empfehlen. Der kleine 1.4 Liter Benzinmotor ist lediglich eine Basismotorisierung. Für die Stadt und geringe Laufleistungen sicher zu empfehlen. Wer den Wagen aber so schnell bewegen will, wie seine Linien gezeichnet wurden, wird damit nicht glücklich.

Der schärfste Kompakte

Von außen ist der Civic die schärfste Lösung auf dem Kompaktwagenmarkt. Genialität, Mut und Ausdruckswillen paaren sich mit einer erstaunlichen Praktikabilität. Nur an Details wie der eingeschränkten Sicht nach hinten, kann man etwas aussetzen. Diesen Wagen möchte man haben und man kann sich an ihm sattsehen. Bei den Motoren bleibt der Eindruck zwiespältig. Ein Diesel ohne Filter ist nicht mehr marktkonform. So etwas ist noch hinzunehmen, wenn koreanische Anbieter altbewährte Daimlertechnik im dritten Aufguss weiternutzen, bei einem High-Tech-Unternehmen wie Honda ist dieser Technologierückstand kaum zu vermitteln. Auch das Konzept des funkelangenneuen 1.8 Benziners bleibt erklärungsbedürftig. Am Besten man nähert sich diesem Triebwerk ganz nüchtern: Ausstattungsbereinigt wird der Civic mit diesem Motor fast billiger als der Vorgänger mit einem 1.6-Liter Treibwerk und 110 PS angeboten. So gesehen, bekommt man die etwas schwer hervorzulockende Leistungsspitze von 30 PS für lau und das ist ja auch ein Wort.

Gernot Kramper

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