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1500 PS auf Erprobung: Mit dem neuen Bugatti Chiron durch das Tal des Todes

Hitzekur für den neuen Bugatti Chiron. In der Glut des Death Valley müssen 1500 PS schleichen lernen, so soll der Chiron lernen, nicht nur auf der Rennstrecke sondern auch im Alltag seine Power zu beherrschen.


Von wegen Rennzirkus: Die Maschinen werden im Alltagsbetrieb gequält.

Von wegen Rennzirkus: Die Maschinen werden im Alltagsbetrieb gequält.

 "Wo bitte werden in einem Bugatti Teller und Besteck eingebaut? ", wollte der US-Zollbeamte bei der Einreise wissen. Denn Dennis Rohlfs aus Wolfsburg führt eine Zarges-Box mit Ersatzteilen vor, die auf der Erprobungsfahrt des Bugatti Chiron gebraucht werden könnten. Darunter ein Reise-Service, um Burger mit Manieren essen zu können.  Inzwischen hat Rohlfs gelernt, Hamburger mit Händen zu essen. Diese Händen führen jetzt das Lenkrad von PT5.10, des blau-weißen Erprobungsfahrzeugs, einem Nullserien-Modell der ersten Baustufe des neuen Bugatti Chiron.

Hitzemarter für die Fahrzeuge

Die Reise geht über 49 Grad Celsius heißen Asphalt. Die Reifentemperatur beträgt 65 Grad. Es ist 10:00 Uhr morgens, und wir cruisen mit 55 mph durchs Death Valley Richtung Süden. Die Kurbelwelle des aufgeladen 8,0-l-16-Zylinder-Triebwerks dreht nicht einmal 1500 Mal pro Minute im 7. Gang.  "Das ist erhöhtes Standgas ", lächelt Rohlfs, der für die Ionenstrom-Sensierung zuständig ist, einem System zur innermotorischen Erkennung von Zündaussetzern und Klopfverhalten. Und es klingt, als seien die Hochleistungssportwagen auf den in der Hitze glühenden Straßen im Tal des Todes unterfordert. Doch der Schein trügt, und Bugatti Entwicklungschef Willi Netuschil erklärt den Hintergrund.

1500 PS wollen gebändigt werden.

1500 PS wollen gebändigt werden.

Was als technische Weiterentwicklung des Hochleistungssportwagens Bugatti Veyron begann, sei am Ende in eine komplette Fahrzeug-Neuentwicklung gemündet. Insbesondere die Leistung des vierfach aufgeladenen 8,0-l-16-Zylinder-Triebwerks im neuen Chiron auf 1500 PS zu steigern, habe zu grundlegenden konzeptionellen Veränderungen geführt.  "Der neue Chiron ist kein leistungsgesteigerter Veyron ", betont Netuschil,  "sondern ein, auch fahrcharakteristisch, komplett neues Fahrzeug." Unser Eindruck nach vielen Stunden Tuchfühlung in jeder mitgeführten Ausbaustufe des Bugatti Chiron: Hier reift der schnellste GT der Automobilgeschichte heran. Ein Monster, das verblüffend einfach zu bändigen ist, ein Coupé mit hohem Reisekomfort und ein in Ausstattung und Ausführung fein geschliffener Juwel der Automobilbaukunst.

Die Sache mit den Turboladern

"Wir wollten zur Leistungssteigerung nicht nur einfach größere Turbolader verbauen. Sie hätten das Ansprechverhalten des Chiron verschlechtert und ihn schier unfahrbar gemacht ", sagt Netuschil. Schließlich entschied man sich für eine Registeraufladung und betritt technologisches Neuland: Die Herzklappe der komplexen Registerung ist ein Abschaltorgan. Es versperrt im unteren Lastbereich den Zugang des Abgases zu zwei Turboladern. Folglich sprechen zunächst nur zwei Lader an, zwei weitere schalten phasenverzögert ab 3.800 Touren dazu und schliessen bis 4.000 Touren auf. Was so einfach klingt, bedarf völlig neuartiger, bis zu 1.000 Grad Celsius standfester Metall- und Keramikmaterialien für Klappen, Stellmotoren und Lager. Im Tal des Todes müsse sie sich  "im wahren Leben " bewähren.

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Egal wo sie auch auftauchen: Die Chiron sind ein Hingucker.

Egal wo sie auch auftauchen: Die Chiron sind ein Hingucker.

In der Hitze müssen alle Systeme Alltagstauglichkeit beweisen.  "Wir fahren so, wie ein Bugatti-Kunde später reist ", ergänzt er. Ungerührt checken endlose Zahlenkolonnen und Schaubilder. Wo andere urlauben, folgen die Bugatti-Ingenieure ihrem präzise definierten Arbeitsplan. Michael Gericke misst, ob die Kühlung der Turbolader stabil bleibt. Norbert Marek stellt den weiss-blauen PT5.10 für eine Minute ab, startet sein heißes Aggregat dann wieder und prüft die Zylindergleichstellung ab.  

Abstimmung am lebenden Objekt

"Keine Auffälligkeiten ", murmelt er. Der Mittelmotor dreht aussetzungsfrei hoch, was Gerickes Stirn glatt bügelt. Derweil mäkelt Siegbert Slobianka noch an der Ausrollschaltung rum. Ihn stört ein leichtes Rucken beim automatischen Zurückschalten im Schub bei niedrigen Touren. Der Getriebe-Fachmann Wehren ist ein Virtuose der Software-Seite. Ingenieure wie er reden wenig, sie demonstrieren lieber, was geht: Fahrstufenwechsel aus dem siebten Gang beim Wechsel von D ins Schaltprogramm S. Der dritte Gang springt ein. Slobianka hebt den Daumen, der Übergang sei in Ordnung! Dann der gleiche Wechsel unter Volllast. Das Getriebe wechselt zu S2, was dem Ingenieur zu lange dauert.  "Entweder sagen wir dem Motor nicht die richtige Drehzahl, oder er erreicht sie nicht schnell genug ", grantelt er. Nach dem nächsten Fahrerwechsel  "schraubt " er ein paar Applikationen zurecht und lädt zum Re-Check ein. Verblüffend, wie schnell der Feinschliff erfolgt.

Hier werden die Boliden ausgeladen.

Hier werden die Boliden ausgeladen.

Vier Chiron in Formation einer Jagdflieger-Staffel legen einen niederfrequenten Klangteppich über die heißeste Region der Erde. Sie dekorieren die Einöde mit Straßen zugelassener Hochleistungstechnik, wie sie die Welt noch nicht sah. Nur, die Bugatti ziehen wesentlich langsamer dahin als Jets. "Hochleistung rufen wir auf Rundkursen ab ", lenkt Netuschil ein, "Hier geht es um extreme thermische Belastungen im Ausflugsverkehr." 

Traumhafte Urlaubs-Überraschung 

Am Furnace Creek stört plötzlich ein Minivan mit singenden Reifen. Jemand springt ab und eilt auf die Erprobungsfahrzeuge zu.  "Sind das echte Bugatti? ", fragt der Mann mit Schnappatmung und wartet die Antwort nicht erst ab.  "Ich habe nicht geglaubt, jemals einen Bugatti live zu erleben. Und jetzt fliege ich all-the-way von Australien nach Amerika und treffe gleich auf vier. Damit hat sich mein Urlaub gelohnt! " 

Jürgen Zöllter/MID

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