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Opel Astra 1.4 Turbo: Sternenkind aus Rüsselsheim

Aus gutem Grund sehen viele in dem aktuellen Opel Astra eine Art Mini-Insignia. Doch die Rüsselsheimer haben nicht nur an der Optik gefeilt - auch bei den Motoren hat sich eine Menge verändert.

Nein, auch wenn es so aussieht: Opel hat nicht den Insignia geschrumpft, um ihn nun als Astra zu verkaufen. Mit dem Modellwechsel vor einem halben Jahr haben die Rüsselsheimer nur ihre Designlinie konsequent nach unten verlängert. Dass dabei in der Optik deutliche Ähnlichkeiten zu erkennen sind, ist also normal. Und dass einem vor allem innen viele Kleinteile aus dem großen Bruder bekannt vorkommen, ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Nach wie vor soll der Astra dem Golf Paroli bieten - wenn er auch dabei ist, der "Kompakt"-Klasse langsam aber sicher zu entwachsen. Mit seinen gut 4,4 Metern hat er gegenüber seinem Vorgänger um 20 Zentimeter zugelegt, beim Radstand immer noch um sieben Zentimeter. Mit dem 1,4-Liter Turbo-Benziner unter der Haube bringt er fast 1,4 Tonnen Leergewicht auf die Straße. In diesen Maßen kann sich der aktuelle Golf mit seinen 4,2 Metern Länge mittlerweile fast schon verstecken.

Dem Astra hat der Wachstumsschub nicht geschadet. Er bietet innen nun mehr Platz und Freiraum denn je. Wer durch die weit öffnenden Türen einsteigt und in den bequemen Stühlen Platz nimmt, der wird kaum Engegefühle bekommen - vor allem vorne. Die Frontsitze lassen sich in alle Richtungen selbst für groß gewachsene Passagiere bestens einstellen, das Lenkrad ist in drei Dimensionen arretierbar. Und über dem Haupthaar ist auch noch Platz. Hinten geht es nicht viel anders zu - solange man dort maximal zu zweit unterwegs ist. Der Mittelsitz taugt allenfalls als Behelfslösung für Kurzstrecken. Und auch sonst gibt es ein paar Einschränkungen. So sitzt man hinten selbst mit 1,85 Körpergröße noch recht bequem - muss sich aber mit Kopfstützen arrangieren, die maximal für 1,60-Meter-Leute reichen. Damit es einen in Kurven nicht allzu sehr durcheinander wirbelt hat Opel seinem Astra gleich vier Griffe über den Türen mitgegeben - selbst der Fahrer findet also bei Bedarf nicht nur am Lenkrad Halt.

Das Design des Armaturenbretts ist frisch und modern und wirkt noch einmal ein Stück wertiger und solider als beim Vorgänger. Böse Menschen haben die mattsilber eingefasste Mittelkonsole zwar schon mit der Maske des Mörders aus dem Horrorstreifen "Scream" verglichen - aber für solche Analogien muss man schon ziemlich videotisch veranlagt sein. In jedem Fall sind so alle wichtigen Bedienelemente übersichtlich zusammengefasst - und davon hat es eine ganze Menge. Insofern kommt man hinter die Feinheiten der Astra-Bedienung nur mit dem zumindest punktuellen Studium der Bedienungsanleitung. Die Instrumente sind jedenfalls gut abzulesen und selbst bei starkem Sonnenlicht kontrastreich.

Verhaltenes Lob

In Sachen Übersichtlichkeit gibt es beim Astra verhaltenes Lob und ein wenig Tadel. Verhaltenes Lob, weil man noch ganz gut Anfang und Ende der Karosserie einschätzen kann - trotz des recht klein geratenen Heckfensters. Allemal hilfreich sind die optional angebotenen Parksensoren dennoch. Tadel gibt es für die breiten C-Säulen. Vor allem die rechte schränkt die Sicht nach schräg hinten so stark ein, dass man beim Abbiegen schon mal einen Radfahrer übersehen kann. Mit 370 Litern Laderaum in der Grundkonfiguration taugt der Astra nicht gerade als Kleintransporter. Allerdings bringt es der Golf auch nur auf 350 Liter und Toyota Auris (354 Liter), Peugeot 308 (348 Liter) oder Kia cee´d (340 Liter) sind auch nicht besser. Dass es auch üppiger geht, zeigt der aktuelle Ford Focus mit 396 Litern Kofferraum. Wer mehr Platz braucht, der kommt durch das Umklappen der Rückbank beim Astra immerhin auf 1235 Liter. Durch die breite Heckklappe lässt sich der Kofferraum gut bestücken - wenn man erst mal alles über die relativ hohe Ladekante gehievt hat. Vorne gibt es Ablagen in ausreichender Zahl und Größe, selbst 1,5-Liter-Flaschen sind in den Türablagen sicher zu verstauen.

Angenehme Zurückhaltung

Zu den neuen Motoren im Astra gehört der 1,4-Liter Turbo-Benziner. Der liefert dank der Aufladung 103 kW/140 PS und ein maximales Drehmoment von 200 Nm ab. Das reicht für eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h binnen 9,7 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 205 km/h. Zumindest auf dem letzte Teil der Tacho-Skala wird es aber schon ein gutes Stück früher immer zäher. VW liefert mit den TSI-Motoren ähnliche Werte ab - allerdings müssen sich die entsprechend bestückten Gölfe mit gut 100 Kilogramm Lebendgewicht weniger herum plagen. Der Motor verrichtet seine Arbeit normalerweise akustisch mit angenehmer Zurückhaltung - solange man den Astra auf der Autobahn gelassen im Verkehr mit schwimmen lässt. Dann wird er fast schon zum Cruiser. Drischt man ihn allerdings jenseits der 140 km/h Richtung Höchstgeschwindigkeit, dann kann der ansonsten kultivierte und vibrationsarme 4-Zylinder schon mal maulig laut werden.

Die 6-Gang-Handschaltung im Turbo-Astra ist mit kurzen Schaltwegen präzise geführt und hakelt nur ganz selten mal. Die Abstufung des Getriebes passt an sich ganz gut zum Motor. In den beiden oberen Gängen allerdings frisst die lange Übersetzung viel von der Kraft weg. Wer überholen oder sich in den Autobahnverkehr einfädeln will, der muss notgedrungen herunter schalten, um genügend Schub zu bekommen. Der Verbrauch ist nicht gerade verdächtig, neue Sparrekorde aufzustellen: 5,9 Liter sind als DIN-Wert für einen 1,4-Liter-Motor nicht wenig, liegen aber immer noch gut im Konkurrenzumfeld. Der TSI-Golf etwa will je nach Motorleistung um die 6,2 Liter auf 100 Kilometer, der Peugeot 308 VTi liegt bei offiziellen 6,5 Litern. In der Realität darf man - nicht zuletzt wegen der nötigen drehfreudigen Fahrweise - beim Astra getrost noch einmal mindestens einen knappen Liter drauf schlagen.

Eine Prise sportlicher Fahrspaß

Beim Fahrwerk gibt sich der Opel Astra kaum Blößen. Er läuft stabil geradeaus und lässt sich auch von Spurrillen nicht sonderlich aus der Ruhe bringen. Die Lenkung ist präzise und vermittelt einen ordentlichen Kontakt zur Straße. Wer den Wagen flott in die Kurve treibt, muss mit einem leichten Untersteuern rechnen - aber das ESP greift durchweg frühzeitig ein, um den Tatendrang zu bremsen und in der richtigen Spur zu halten. Auch bei der Federung haben die Opel-Ingenieure eine gute Arbeit abgeliefert. Der Astra rollt komfortabel und gelassen über diverse Fahrbahnunebenheiten, ist dabei aber immer straff genug ausgelegt, um noch eine Prise sportlichen Fahrspaß zu vermitteln.

Opel will 19.075 für den Astra 1.4 Turbo. Mit an Bord sind dann unter anderem beheizbare Außenspiegel, eine verstellbare Lenksäule, elektrische Fensterheber vorne oder Zentralverriegelung. Nicht an Bord sind Basics wie ein Radio oder eine Klimaanlage - dafür werden selbst im Paket noch einmal mindestens 1.500 Euro fällig. Das lässt schon ahnen: Die Rüsselsheimer haben eine durchaus üppige Aufpreisliste zusammengestellt. Wer sich seinen Astra halbwegs alltagstauglich zusammen bosselt, der ist schnell noch einmal drei bis viertausend Euro zusätzlich los.

Jürgen Wolff, press-inform / press-inform
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