HOME

Opel Speedster: Aus der Dackelperspektive

Die Fahrt in ein Parkhaus - eigentlich kein Problem. Wer allerdings mit dem Speedster durch die Gegend knattert, lernt die Tugenden eines richtigen Autos zu schätzen.

Die Fahrt in ein Parkhaus - eigentlich kein Problem. Wer allerdings mit dem Speedster durch die Gegend knattert, lernt die Tugenden eines richtigen Autos zu schätzen. Eine ausreichende Sitzhöhe zum Beispiel. Oder eine Servolenkung. Oder eine richtige Tür...

Schnell und hart

Nach zwei Wochen im perfekt ausgestatteten Opel-Vectra ist es passiert: der Austattungs-Schock. Die Symptome: eine Allergie gegen Conolli-Leder, Metallic-Lackierungen, Freisprechanlagen und Parkabstandswarner. Das haben die Hersteller nun davon, dass die Testwagen mit jedem erdenklichen Schnickschnack vollgestopft sind. Dagegen hilft nur eine Dosis pures Automobil - schnell, hart und ohne elektronische Gameboy-Bauteile.

Der kühle Hauch der Rennstrecke

Die Erlösung rollte in Form eines knallroten Opel Speedsters auf den Hof. Die erste Kontaktaufnahme erfolgte über Hand und Nase. Wie wohltuend - keine Spur von Leder-Mief und »Handschmeichel-Plastik«. Stattdessen, der kühle Hauch der Rennstrecke und eisenhartes Aluminium. Dafür aber auch erste Zweifel. Wie wuchtet man seinen wohl genährten Körper in den Speedster, ohne das Dach zu öffnen? Deshalb - Einstieg verschieben und erst mal kucken.

Zeitlos schick

Obwohl der Flachmann inzwischen schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat - was die Opel-Designer da auf Basis des Lotus Elise geformt haben, ist zeitlos schick. Wahnwitzig tief schnüffelt die Speedster-Frontschürze auf der Straße nach Schlaglöchern, eingerahmt von bildhübschen Klarglas-Scheinwerfern im XXL-Format. Die restlichen Fiberglas-Konturen werden immer wieder von scharfen Kanten und Sicken durchbrochen - Maßnahmen, die den kleinen Renner ungemein aggressiv und sportlich wirken lassen. In den Radhäusern stecken 17-Zoll-Räder, denen nur noch die großen Kühllufteinlässe vor der Hinterachse optische Konkurrenz machen. Lächerlichen Zierrat oder protzige Spoiler sucht man an diesem Gesamtkunstwerk vergebens.

Der richtige Einstieg

Nun aber zu der Frage, wie man ohne bleibende Schäden hinter das lächerlich kleine

Speedster-Lenkrad kommt. Nach diversen Beulen und knackenden Wirbeln schafft man es nach einiger Zeit tatsächlich, relativ unfallfrei auf die hautengen Schalensitze zu flutschen. So geht´s: Tür (oder besser gesagt den Tür-Rest) öffnen und das rechte Bein ins Cockpit setzen. Anschließend auf dem sehr breiten Türholm Platz nehmen und den Kopf ins Speedster-Innere stecken. Mit dem Po auf den Sitz rutschen und das linke Bein nachziehen - fertig. Wesentlich einfacher wird die Aktion, wenn man vorher das mickrige Stoffdach abfummelt.

Reduziert aufs Wesentliche

Rätsel gibt der Innenraum nun wirklich keine auf. Lenkrad, Lenkstockhebel, drei Knöpfe für Heizung und Lüftung sowie ein Radio. Herrlich! Um das knackige Fahrgefühl und die sportiven Fahreigenschaften des Lotus Elise zu erhalten, setzte Opel den Speedster auf Nulldiät. Lediglich auf Fahrer-Airbag und Anti-Blockiersystem konnten die Rüsselsheimer nicht verzichten. Orthopädie-Fetischisten seien vor den knackigen Schalensitzen gewarnt. Das leichte Gestühl erfüllt seine Aufgabe glänzend. Und wer hat eigentlich behauptet, dass ein Sitz gepolstert sein muss? Witzig: der kleine Blasebalg links vom Fahrersitz. Damit läst sich ein kleines Luftpolster in der Rückenlehne aufpumpen, das die geschundenen Lendenwirbel stützen soll.

Lautstarke Pferdchen

Klar, dass man sich bei Opel keine große Mühe gegeben hat, die Arbeitsgeräusche des 2,2 Liter-Triebwerks zu vertuschen. Einmal per Startknopf auf dem Armaturenbrett zum Leben erweckt, nehmen die 147 Pferdchen im Rücken des Fahrers lautstark ihre Arbeit auf. Dass dabei der Sound nicht nur von Motor und Auspuffanlage kommt, sondern stattdessen die gesamte Karosserie mitrumpelt, grenzt bei längeren Touren fast schon an Körperverletzung.

Tiefer geht es nicht

Ganz furchtlose Zeitgenossen führt die erste Speedster-Tour in die City. Prinzipiell steht diesem Unterfangen auch nichts im Wege. Es gibt jedoch Erfüllenderes, als mit der knochentrockenen Kupplung und den knackig schwergängigen Schaltung durch die Rush-Hour zu zuckeln. Dennoch erschließen sich dem verwöhnten Auto-Freak auf diese Weise ganz neue Ansichten. Die Dackelperspektive zum Beispiel. Jeder auftauchende Geländewagen kann da schon für einen Adrenalinschock sorgen: »Hat der mich hier unten auch wirklich gesehen?«.

Parkhaus-Akrobatik

Spannend, oder besser urkomisch, wird es auch beim Parkhaus-Besuch. Die Automaten für die Ausgabe der Parkmarken sind meist in einer Höhe angebracht, die für normale Autofahrer bequem vom Fahrersitz aus erreichbar ist. Beim Speedster erfordert diese Aktion beste Körperbeherrschung. Beinahe blind gilt es, mit der linken Hand weit über dem Fahrzeug nach der Marke zu tasten.

Kreissäge auf Rädern

Genug der Speedster-Quälerei, der Flachmann gehört auf die freie Strecke. Wie wohl sich die Opel-Fahrmaschine dort fühlt, erschließt sich selbst dem vorsichtigsten Zeitgenossen. Einen Gang zurückgeschaltet und schon mutiert der knallharte Flitzer zur Kreissäge auf Rädern. Heiser kreischend schiebt der Mittelmotor den Speedster voran. Traktionsprobleme scheint das kompakte Gefährt nicht zu kennen.

Jenseits aller Verkehrsregeln

Geht man die ersten Kurven noch zaghaft an, so gewöhnt man sich schnell an die scheinbar endlose Bodenhaftung, bevor man schlussendlich sein Arbeitsgerät wie ein Kart durch die Kurven zirkelt. Doch zu stürmisch? Kein Problem - trotz Heckantrieb und kritischem Mittelmotor-Konzept neigt der Speedster in Extremsituationen zum leicht handhabbaren Untersteuern (Schieben über die Vorderräder). Subjektiv liegen die Grenzen des Fahrwerks weit jenseits aller Vernunft und Verkehrsregeln.

Autobahn: besser nicht!

Ähnliches gilt theoretisch auch für die Autobahn. Dort hält sich der Speedster-Spaß jedoch in engen Grenzen. Auf dem Papier rennt der Kurven-Künstler 217 Stundenkilometer - eine Marke, die man jedoch weder Gehör noch Gesäß zumuten möchte. Außerdem macht sich jenseits der 170 Klamotten bemerkbar, dass der Speedster ohne zusätzliche Abtriebshilfen (=Spoiler) auskommen muss. Dann verwandelt sich das sonst kreuzbrave Fahrwerk zum nervösen Flattermann, das mit fester Hand in seine Schranken verwiesen werden will.

Fazit

Braucht es einen Speedster? Natürlich! Und natürlich nicht! für 32.500 Euro bekommt man ein unverfälschtes Sportgerät, das sich herrlich von den dekadenten Super-Schlitten unterscheidet. Jedoch ist es nicht akzeptabel, dass man für so viel Geld so wenig Qualität bekommt. Das Quietschen, Rattern und Rumpeln unseres Speedster nahm gegen Testende beinahe bedrohliche Züge an. Und dabei hatte das gute Stück gerade einmal 14.000 Kilometer auf der Scheibe.

Jochen Knecht

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.