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Probefahrten Opel: Rüsselsheimer Resteverwerter

wenn man aus dem spärlichen Kühlschrankinhalt ein leckeres Gericht zaubern soll. Ähnlich ging es den Autobauern von Opel. Ein kleiner Van unterhalb des Bestsellers Zafira sollte her.

Kochen nach Rezept? Dafür braucht es keinen Spitzenkoch. Spannend wird es erst, wenn man aus dem spärlichen Kühlschrankinhalt ein leckeres Gericht zaubern soll. Ähnlich ging es den Autobauern von Opel. Ein kleiner Van unterhalb des Bestsellers Zafira sollte her. Auf Bestehendes konnten die Rüsselsheimer dabei allerdings nicht zurückgreifen. Also schnappte man sich die Reste der jüngsten Opel-Entwicklungen und rührte daraus den knuffigen Kleinst-Van Meriva zusammen. Wir waren mit dem flexiblen Winzling unterwegs.

Bauteil-Strategie

Und da steckt tatsächlich die Hinterachse vom Zafira drin? Wer vor dem nur 4.042 Millimeter langen Meriva steht, kann das kaum glauben. Immerhin ist er gute 30 Zentimeter kürzer als sein größerer Konzernbruder. Opels Bauteil-Strategie hat noch mehr auf Lager: die Vorderachse stammt aus dem Corsa, die Servolenkung aus dem aktuellen Vectra - so lässt man sich ein Reste-Menü gefallen. Hinzu kommt noch ein attraktives Blechkleid.

Kann der Meriva die Herzen der Familien erobern?

Erwachsener Look

Der Meriva greift Opels neue Design-Linie auf, ohne dabei wie ein geschrumpelter Zafira auszusehen. Große Klarglas-Scheinwerfer, eine imposante Frontschürze, üppig ausgestellte Radhäuser, eine sehr steile Motorhaube und eine Lichtkante, die sich von den vorderen Scheinwerfern bis zu den Rücklichtern zieht - der Mini-Van wirkt erstaunlich erwachsen. Da kann das Heck nicht ganz mithalten. Die in die C-Säule gewanderten Heckleuchten sehen zwar schick aus, rücken den Meriva aber optisch näher an den Corsa heran. Eine Verwandtschaft, die er wahrlich nicht verdient hat.

Raumökonomie

Mit den beengten Platzverhältnissen eines Kleinwagens müssen sich Meriva-Kunden nämlich nicht herumärgern. Wer sich in den Opel schwingt, fühlt sich postwendend an den größeren Zafira erinnert. Nicht nur, weil die Türen mit einem herzhaften "Plopp" ins Schloss fallen. Auch beim Raumangebot steht der Kleinen seinem großen Bruder in kaum etwas nach. Im Gegenteil. Wer eine Körperlänge von mehr als 1.800 Millimetern zu verstauen hat, ist mit einem Meriva gar besser bedient. Zuständig für das erstaunliche Platzangebot ist der lange Radstand. Zwischen den beiden Achsen liegen 2.630 Millimeter, die Räder sind an die kaum vorhandenen Ecken des Fahrzeugs gerückt. Das schafft Platz für bis zu fünf Passagiere und diverse Experimente mit den Rücksitzen.

Wohnlich, aber nicht schick

Untergebracht ist man als Meriva-Tester in der ersten Reihe auf passablen Sitzen, die erst bei Passagieren mit langen Beinen die Segel streichen müssen. Der Rest der Einrichtung erwies sich bei unseren Testfahrten als funktionell und wohnlich, ohne einen dabei vom Hocker zu reißen. Die meisten Details hat man so schon bei Vectra, Astra und Zafira gesehen. Dort allerdings wesentlich besser verarbeitet. Alle unsere Testfahrzeuge wiesen teilweise große Unterschiede bei den Spaltmaßen im Innenraum auf. Bis zum Serienstart muss man da noch nacharbeiten. Gleiches gilt auch für die Kopfstützen der Vordersitze. Die waren bei unseren Tests weder in der Höhe noch in der Neigung verstellbar.

Hinten wird´s spannend

Auf allzu viel Gesellschaft sollte sich ein Meriva-Fahrer gar nicht erst einstellen. Das wahre Leben wird sich hinter den Vordersitzen abspielen. Lockt doch die zweite Sitzreihe nicht nur mit ausgezeichnetem Komfort und variablem Gestühl. Für 150 Euro Aufpreis hat der kleine Opel auch noch das neue "Twin-Audio-System" an Bord. Das sorgt dafür, dass der Nachwuchs im Fond per Kopfhörer den endlosen Abenteuern von Benjamin Blümchen folgen kann, während Mama und Papa weiterhin Radio hören können. Warum ist eigentlich vorher kaum ein Hersteller drauf gekommen?

Sitzgeschiebe

Ähnliches gilt auch für das variable Sitzsystem. "FlexSpace" heißt die dreigeteilte Rückbank, deren Gene aus den schieb-, klapp- und faltbaren Sitzen des Zafira stammen. Für eine versenkbare dritte Sitzreihe war im Meriva trotz aller Raumergonomie kein Platz - dafür haben die zweite Sitzreihe ein paar erstaunliche Kunststücke drauf. Ein kurzer Zug an einem großen Griff, und schon klappt der mittlere Sitz in sich zusammen. Seine schmale Rückenlehnen bleibt dabei auf der Höhe der beiden restlichen Sitzflächen. So bleibt viel Platz für zwei Passagiere.

Der nächste Hebelzug lässt die beiden Sitze enger zusammenrücken. Dadurch wird das gesamte Paket schmal genug, um zwischen die Radkästen zu passen. Sieben Zentimeter lassen sich die Sitze in den Kofferraum schieben. Raum, der vor allem den Beinen der Meriva-Fahrer entgegen kommt. So bleiben, je nach Stellung der Sitze, zwischen 350 und 2.050 Liter Kofferraumvolumen.

Auch toll: auf Wunsch ist ein "Travel Assistant" mit an Bord. Keine Sorge, für 80 Euro muss kein armer Opel-Mitarbeiter mit auf Tour. Der Reise-Helfer ist nichts weiter als eine kleine Plastik-Kiste, die auf die schmächtige Rückenlehne des Mittelsitzes geschnallt wird. Nach vorne geklappt dient der „Travel Assistant“ so als Kühlbox, Armlehne und Getränkehalter.

<zwitit>Fünf Motorisierungen

Die Hin- und Herschieberei der Sitze macht Spaß, keine Frage. Seine wahren Qualitäten muss ein Auto aber immernoch auf der Straße unter Beweis stellen. Also, an die Kiste. Unter der stummelkurzen Motorhaube geben sich die Vierzylinder die Klinke in die Hand. Schon kurz nach dem offiziellen Verkaufsstart können Meriva-Kunden aus fünf Motorvarianten wählen. Vom kleinen Benziner mit 87 PS bis zum neuen Common-Rail-Diesel mit 100 PS. Wir konnten bei unseren Testfahrten beinahe aus dem Vollen schöpfen.

Sequenzielles Getriebe

Positiv überrascht hat uns bei den Spritztouren auf Mallorcas verwinkelten Landsträßchen der vermeintlich schwächste Motor im Test. Der 100 PS starke 1,6 Liter Benziner zeigt sich im Meriva von seiner besten Seite. Von einem unerwartet flinken sequenziellen Getriebe ("Easytronic", Aufpreis 550 Euro) dirigiert, hat der kleine Vierzylinder mit den 1.350 Kilo Meriva kaum Probleme. Lediglich am oberen Ende des Drehzahlbandes muss er seinem geringer Hubraum Tribut zollen. Angeforderte Leistung wird dann nur noch mit röhrenden Motorgeräuschen beantwortet.

Diesel mit Schwächen

Nur unwesentlich Besserung bringt da die Spitzenmotorisierung mit 125 PS. Der 1,8 Liter Ecotec-Vierzylinder stellt zwar in den unteren Drehzahlregionen etwas mehr Leistung zur Verfügung - klingt dafür aber in allen Belangen unerwartet rau und unkultiviert. Eine Untugend, die man auch dem nagelneuen Common-Rail-Diesel bescheinigen muss. Opels erster "CDTI" nagelt unterhalb von 2000 Umdrehungen, dass es anfangs eine wahre Freude und später nur noch nervtötend ist. Besser wird dieses flegelhafte Benehmen erst, wenn der Turbolader ins Geschehen eingreift. Dann wandeln sich die bis dato kaum vorhandenen Fahrleistungen in einen dieseltypischen Vortrieb. So lässt sich mit den 100 Diesel-PS durchaus leben - wenn man es versteht, den kleinen Nagler in einem relativ schmalen Drehzahlband zu bewegen. Immerhin gibt´s als Entschädigung eine Schadstoffeinstufung nach Euro4-Norm. Das hat bisher noch kein Serien-Diesel geschafft. Gratulation.

Motor 1.6 1.6 ECOTEC 1.8 ECOTEC 1.7 DTI ECOTEC 1.7 CDTI ECOTEC
BauartVierzylinder BenzinmotorVierzylinder BenzimotorVierzylinder BenzimotorVierzylinder TurbodieselVierzylinder-Turbodiesel mit Common-Rail-Einspritzung
Hubraum1.598 cm³1.896 cm³1.769 cm³1.6861.686 cm³
Leistung kW / (PS)64/8674/9992/12455/7474/99
Länge/Breite/Höhe4.042/ 1.694/ 1.624 Millimeter4.042/ 1.694/ 1.624 Millimeter4.042/ 1.694/ 1.624 Millimeter4.042/ 1.694/ 1.624 Millimeter4.042/ 1.694/ 1.624 Millimeter
Radstand2.630 Millimeter2.630 Millimeter2.630 Millimeter2.630 Millimeter2.630 Millimeter
max. Drehmoment.138 kW150 kW165 kW165 kW240 kW
BremsenScheiben- bremsen rundum, ABS serienm.Scheiben- bremsen rundum, ABS serienm.Scheiben- bremsen rundum, ABS serienm.Scheiben- bremsen rundum, ABS serienm.Scheiben- bremsen rundum, ABS serienm.
Leergewicht (kg)1.3501.3501.3501.3501.350
Höchstgeschw.170 km/h175 km/h192 km/h158 km/h175 km/h
0-100 km/h14,4 Sek.13,3 Sek. 11,3 Sek.17,0 Sek.13,5 Sek.
Verbrauch7,8 l 7,5 l8,2 l5,5 l5,5 l
Preis ab13.995 Euro14.780 Euro15.655 Euro15.020 Euro

Komfortabel, aber unsportlich

Benziner hin, Diesel her - wer auf sportliches Fahrverhalten steht, wird am Meriva nicht lange Freude haben. Vor allem auf Komfort und narrensicheres Fahrverhalten abgestimmt, quittiert der Mini-Van schnelle Kurven und enge Serpentinen mit konsequentem Schieben über die Vorderräder (Untersteuern). Das garantiert wenig Schrecksekunden im Alltagsbetrieb, und viel Arbeit auf kurvigen Landstraßen. Wer mit seinem Meriva die zahllosen Hobby-Radrennfahrer auf Mallorcas Straßen in die Schranken weisen möchte, sollte schon über virtuose Fähigkeiten an Pedalerie, Volant und Schalthebel verfügen. Hat man sich für 525 Euro den elektronischen Schleuderverhinderer ESP an Bord geholt, sind dem Spaß noch engere Grenzen gesetzt. Zumal das Stabilitätsprogramm, Opel-typisch, nicht abschaltbar ist.

Der schwierige Blick in die Kurve

Ein weiteres Ärgernis in engen Kurven ist die geteilte A-Säule des Winzlings. Theoretisch gibt ein kleines Dreiecks-Fenster den Blick in die Kurve frei - in der Praxis bedeuten Serpentinen jedoch Blindflug. Egal wie man es auch anstellt - die A-Säule versperrt konstruktionsbedingt den Blick ins Kurveninnere. Ein Problem, mit dem sich auch zukünftige Meriva-Konkurrenten werden herumschlagen müssen.

Fazit

So ist das eben, mit Restemenüs. Sie sind meist sehr lecker, ohne frei von Schwächen zu sein. Der Meriva wird in den Carports der Neubausiedlungen jede Menge Anhänger finden. Gerade Kleinfamilien dürften von seinen kompakten Ausmaßen und der unschlagbaren Flexibilität begeistert sein. Ob die überdies angepeilten, jungen Trendsetter zum Meriva greifen werden, bleibt fraglich. Dazu sind Fahrwerk und Motorisierungen einfach (noch) nicht sportlich genug. Der Einstiegspreis ist mit mindestens 13.995 Euro attraktiv - auch wenn man beinahe jedes Detail (ESP, elektrische Fensterheber vorne, Klapptische) extra bezahlen muss.

Jochen Knecht
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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.