HOME

Renault Clio: Wo bleibt der Pfiff?

Die neue Generation des Clio soll und muss eine Erfolgsgeschichte für Renault fortschreiben. Für diese Aufgabe wird ein erwachsener Kleinwagen ins Rennen geschickt, der vieles kann, dem aber eines fehlt. Etwas Besonderes sucht man bei ihm vergebens.

Von Gernot Kramper

Die Marke Renault kann viele Meilensteine und manche Torheit der Automobilgeschichte für sich in Anspruch nehmen. Für das eine stehen Wagen die der legendäre R16, für die Narrenkappe sind Wagen wie der Avantime verantwortlich. Nur eines kann man den französischen Auto-Createuren nicht vorwerfen: mangelnden Mut und fehlende Visionen.

Mr. Right ?

Darum steht man wohl etwas ratlos vor dem neuen Clio, ihm fehlt der Hang zum Besonderen so voll und ganz. Die Muse der Geschichte trägt den Namen Clio, und ähnlich traditionsbewusst präsentiert sich auch dieser Clio. Ungewöhnlich, in einer Zeit, in der sich andere Hersteller mit immer gewagteren Konstruktionen auf den Markt wagen. Nicht etwa, dass der Clio hässlich wäre: Er bekam ausgewogene Proportionen, sehr knappe Überhänge und leidenschaftliche Scheinwerfer mit auf den Weg. Obwohl der Wagen in allen Maßen zugelegt hat, fällt zunächst der konventionelle Zuschnitt des Innenraums auf. Wo andere Kleinwagen ungebremst in die Höhe sprießen, verjüngt sich die Kabine beim Clio beträchtlich. Hinten wollen die Schweinwerfer erhaben aus dem Blech gearbeitet werden, überall soll das Dach schmaler sein als die Fahrzeugmitte.

So erreicht Renault einen sehr sportlichen Zuschnitt der Silhouette, im Vergleich zu den inneren Werten der Hochdachfraktion scheint man jedoch beengt zu sitzen. Gewiss ist das ein subjektives Gefühl, denn mit einem Maß knapp unter der vier Meter Marke und einem Radstand 2,58 Meter sind die reinen Maße des neuen Clio gewaltig gewachsen. Doch die Bedrängnis beginnt schon mit der absoluten Höhe. Wer über 185 Meter misst, sollte sich die Anschaffung genau überlegen, seine Locken streicheln den Himmel. Ähnliches gilt für die Schulterfreiheit und die Maße für die Oberschenkel. Der Clio will offenkundig kein reines City-Fahrzeug sein. Darum wird auch der Autobauer-Trick verschmäht, einen kleinen Wagen derart aufzublähen, dass zwar die Fahrleistungen leiden, aber ein großzügiges Raumangebot entsteht.

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

Zartes Gestühl

Die Sitze haben die Dimension von zartem Clubgestühl. Da der Clio nicht als Langstreckenfahrzeug gedacht ist, fällt das allerdings weniger ins Gewicht. Der Kofferraum wirkt aufgeräumt und bietet ausreichend Platz. In der Grundversion lässt sich die Rückbank nicht getrennt umlegen, allein aus diesem Grund ist die Sparvariante für einen privaten Käufer praktisch unbrauchbar. Als Lockangebot bietet Renault weiterhin den alten Clio an. 9600 Euro werden für das 60-PS-Modell verlangt, die Neuversion beginnt bei 10.950 Euro für einem 1,2-Liter-Benziner und 65 PS. Angesichts der besseren Technik, des schöneren Designs und des Werterhalts verdient das Alt-Angebot trotz des Kampfpreises keine Empfehlung.

Flott voran

Punkten kann der Clio in den Disziplinen der Fahreigenschaften. Die Lenkung ist straff und direkt, der Wagen folgt willig den Lenkimpulsen. Die teilweise geäußerte Kritik an der Servolenkung erscheint für einen Kleinwagen übertrieben. Der Clio ist kein Sportmodell, die ganze Abstimmung betont einen defensiven Charakter. Selbst mit böser Absicht lassen sich kaum ESP-Eingriffe hervorlocken. Für Rallyepiloten mit bescheidenem Geldbeutel mag das ein Nachteil sein, für normale Golfklassen-Vermeider eher ein Vorteil. Motorgeräusche dringen ebenso wenig durch wie Stöße der Fahrbahn. Das für die höheren Motorisierungen verfügbare Sechsgang Getriebe arbeitet präzise und angenehmen. Mit dem Top-Diesel macht das Fahrer richtig Spaß, damit hat der kleine Clio dann Feuer unter der Haube und er kann diese Kraft auch umsetzen. Mit den kleinen Benzinern ist Renault gut unterwegs, aber sie vermögen keine Leidenschaft in dem relativ schweren Fahrzeug zu wecken.

"Pfiffig is nich"

Es fehlen leider Details, die dem Wagen eine besondere Note geben könnten. Wo der Modus mit integriertem Fahrradhalter und pfiffiger Handtaschenablage vor Ideen nur so sprüht, bietet der Clio bewährte Hausmannskost. Diese wird im Detail gekonnt serviert, nur verführen kann dieses Menü nicht. Materialauswahl und gefühlte Qualität können ab der "Dynamique"-Ausstattung allerdings begeistern. Ebenso das Sicherheitsniveau. Der Clio erhielt die begehrte 5-Sterne-Wertung im Euro-NCAP-Crashtest, jedes Modell hat ABS plus Bremsassistent an Bord. Wagen mit mehr als 100 PS erhalten ein standardmäßiges ESP.

Der Mini-Kompakte

Seit Jahren leidet die Golf-Klasse an Elefantitis - wem also ein Kompakter in den Dimensionen des Golf II ausreicht, der wird beim Clio fündig. Er bietet schlanke Dimensionen, Reisetauglichkeit und Fahrspaß. Wer etwas Auffälliges oder Witziges für die City sucht, wird anderen Ortes besser bedient. Die Clio-Preise sind generell günstiger als die der deutschen Konkurrenten, aber nicht so entscheidend, dass man den Clio als Schnäppchen bezeichnen könnte. Kalkuliert man gar einen Wiederverkaufswert nach vier Jahren ein, schrumpft der Preisvorsprung etwa zum Polo weiter. Deutlich günstiger und opulenter ausgestattet als der Clio ist etwa der Kia Rio. Damit findet sich der Clio am Markt eingequetscht zwischen den deutschen und den koreanischen Konkurrenten wieder.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity