Motorradtour 4 - Zur Grenze 100 Kilometer Schlaglöcher und Schotterpiste


Nach einer neuen Panne kommt es zu ersten Konflikten im Team. Verheizen die Fahrer ihre Motorräder mit Absicht oder taugt der Mechaniker nichts?
Von Matthias Schepp

Fünfhundert Kilometer vor der chinesisch-russischen Grenze riecht es schon nach Sibirien. Die karge, graugelbe Steppenlandschaft weicht lieblichen Wäldern. Die ersten Birken säumen den Weg, ein Fluß schlängelt sich kristallklar durch ein malerisches Tal. Wir genießen die Fahrt in der Abendsonne. In Minutengeschwindigkeit zerklatschen dutzende Mücken auf unseren Brillen. Eine Stunde fahren wir durch die menschenleere Mittelgebirgslandschaft. Vom Bergrücken erstreckt sich der Blick bis zum Horizont auf Wälder.

Panne und Streit in der Dämmerung

Es dämmert schon, als Ricks Motorrad wieder einmal liegen bleibt. Das Kugellager, das vor drei Tagen repariert worden ist, hat schlapp gemacht. Ein erster Konflikt im Team zeichnet sich ab. Der Mechaniker Shang schimpft hinter Ricks Rücken darüber, dass dieser zu aggressiv fährt, zu schnell, zu hart. "Verdammt, wenn Du mit Deinem Pferd auf eine einmonatige Reise gehst, reitest Du es nicht in den ersten vier Tagen zu Tode." Rick hält das für "bullshit", "Bullenscheiße". Er lässt jede Kritik an sich abperlen. Die Organisatoren, er meint Peter Schaumburg, hätten ihm ein schlechtes Motorrad gegeben, lacht er. Und er hält Shang für einen schlechten Mechaniker. Einen, der Gewinde notfalls mit dem Hammer hineintreibt und Eisenteile zurecht hämmert, bis sie passen. Dabei legt er sie einfach auf den Asphalt. Keine Unterlage, die den Schlag abdämpft und feine Risse im Metall verhindern könnte. Die Wahrheit ist: Beide haben Recht. Rene, der ruhige Badenser, bittet mich, zu übersetzen. "Frag doch mal Shang, ob er denkt, dass dieses Motorrad überhaupt eine Chance hat, nach Moskau und Berlin zu kommen." Shang antwortet: "Wir werden sehen."

Erst einmal haben wir Glück im Unglück. Ricks Motorrad ist zwei Kilometer vor Bugt, einer kleinen Stadt, zusammengebrochen. Wäre dies irgendwo in den Wäldern, in der Mitte von Nichts, passiert, hätten wir viel mehr Zeit verloren.

Ab in die Absteige

Von der Landstraße geht es steil herunter nach Bugt. Wir entscheiden uns, die Maschine oben an einem Gehöft zurückzulassen. Im Dunkel suchen wir nach einem Hotel, finden eine Absteige in der Nähe des Bahnhofes, ohne warmes Wasser und mit Dreier-Zimmern. Das ist besser als irgendwo im Wald im Dunkeln ein Zelt aufzubauen. Peter hat Probleme beim Einschlafen. Vielleicht stört das Tuten der Loks der Transsibirischen Eisenbahn. Jede Viertelstunde donnert ein Zug vorbei. Auf dem Weg nach Russland sind die Waggons leer, zurück bringen sie Öl und Kohl, Schmierstoffe für die Wirtschaft Chinas, die seit mehr als zwei Jahrzehnten jährlich mit durchschnittlich neun Prozent wächst.

Rumms in die Böschung

Rick, der Engländer, ist schon um drei Uhr auf. Um fünf Uhr weckt er uns. Für sechs haben wir einen kleinen Lastwagen bestellt, der das kaputte Motorrad bis zur Grenze bringen soll, um es dort in Ruhe zu reparieren. Wenn die Maschine in Sibirien vergleichbare Probleme macht, werden wir sie aufgeben müssen. Das Aufladen geschieht auf chinesische Art: Das Gehöft, sonnengelb gestrichen, liegt 1, 5 Meter unterhalb der Straße. Von dort rammt der Fahrer den Lastwagen mit Tempo zwanzig im Rückwärts in die Böschung, dass die Erde wegspritzt und der Wagen bis in die letzte Schraube erzittert.

Keine Rücksicht auf Mensch und Material

Auf Mensch und Material wird im Reich der Mitte keine Rücksicht genommen. Mir fällt ein, wie Mao seinem Diktatorkollegen Stalin einmal vorschlug, einen Krieg gegen Amerika anzufangen. "Ihr Russen habt Atomraketen, wir haben dutzende Millionen von Menschen, die wir opfern können", sagte er. Heute wird alles dem rasanten Wirtschaftswachstum untergeordnet. Umwelt- und Arbeiterschutz sind nicht viel mehr als leere Slogans für die Außenwelt und zur Beruhigung der eigenen Bevölkerung.

Schlagloch, an Schlagloch

Vor Hailar, der letzten Stadt vor der Grenze, kämpfen wir uns hundert Kilometern über eine Schotterpiste, bei der sich Schlagloch an Schlagloch reiht. Der feine Sand der Steppenlandschaft, die schon vor zwei Stunden den Wald abgelöst hat, dringt in jede Ritze unserer Kleidung und durch die Motorradbrille. Renes Auspuff fällt ab, eine Minute später ist Peters Reifen platt. Dennoch ist es erstaunlich, was die Maschinen leisten. Seit Peking haben wir knapp 2000 Kilometer auf oft schlechten Straßen und auf provisorischen Pisten zurückgelegt. Trotz tausender Schlaglöcher hat nicht ein Rad einen Achter. Wir brauchen vier Stunden für hundert Kilometer, passieren Hailar gegen zwei Uhr und entscheiden uns, weiter bis zu einem kleinen See zu fahren, um dort zu Mittag zu essen.

Hoher Besuch in der Provinz

Zehn Kilometer hinter der Stadt winkt uns die Polizei von der Straße. Ich denke, dass nun unsere Papiere und Visa überprüft werden. Der Anlass aber ist ein anderer: Premierminister Wen Jiabao besucht die Provinz. Für seine kleine Kolonne wird die Straße vierzig Minuten gesperrt sein. Militärpolizisten in großen Jeeps fahren die Strecke auf und ab. Einer der chinesischen Autofahrer, der ebenfalls warten muss, schimpft auf die Regierung. In der Tat, es ist paradox. Die Straße hier in der Inneren Mongolei ist abgelegen. Alle fünf Minuten fährt vielleicht ein Auto vorbei. Die Straße ist auch breit genug, damit die Kolonne des Premierministers überholen könnte. Trotzdem: Das Volk muss zurückstehen, wenn die Führer reisen. Das hat Tradition in allen kommunistischen Ländern. Die Spitzenpolitiker sollen nicht eine Minute ihrer wertvollen Zeit verlieren. Den Kontakt mit dem normalen Volk halten sie für gefährlich, er könnte das Bild zerstören, das sie sich selbst vom eigenen Land machen. Jede in den Medien gefeierte Begegnung mit dem Volk ist immer schon vorher arrangiert und bis ins kleinste Detail geplant.

Neuer Rekord aufgestellt

Vor der Grenze fahren wir durch eine spektakuläre Steppenlandschaft. Endlos erstreckt sich ein Meer von grünem Gras und sanften Hügeln. Am Abend um acht Uhr erreichen wir Manzhouli, die Grenzstadt auf chinesischer Seite. Wir sind 540 Kilometer an einem Tag gefahren, ein neuer Rekord. Trotz schlechter Straßen und hundert Kilometer Schotterpiste. Das Team ist hart im Nehmen. Morgens sollen die Motorräder fit für den langen Weg durch Sibirien gemacht werden.


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