Motorradtour 5 - Chinesisch-russische Grenze Zwischen den Superlativen


Zehn Kilometer sind nicht viel. Eigentlich. Zehn Kilometer zwischen China und Russland aber trennen Welten. Die chinesischen Grenzer haben noch nie deutsche Pässe gesehen - die Russen begrüßen einen wie alte Freunde.
Von Matthias Schepp

Eigentlich sind es nur zehn Kilometer, aber zwischen China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde, und Russland, dem größtem Flächenstaat, scheint die Entfernung so groß wie der Weg von der Erde zum Mond. Die Landschaft ist die gleiche, Grasland so weit das Auge reicht. Die Unterschiede in der Mentalität der Bewohner aber gewaltig.

In Manzhouli herrscht angestrengte Ordnung. Die Straßen sind sauberer als in der gesamten Nordprovinz. Die Regierung tut viel, die Stadt als Aushängeschild herauszuputzen. China ist eine aufstrebenden Großmacht, träumt davon, dem amerikanischem Jahrhundert ein chinesisches folgen zu lassen. Russland verkraftet gerade den Abstieg von einer Supermacht, die mit den Amerikanern um die Weltherrschaft konkurrierte, zu einer regionalen Großmacht.

Den ganzen Tag haben wir unsere Motorräder repariert, eine neue Lichtmaschine eingebaut, und ein neues Getriebe in die Maschine des Engländers Rick. Erst um kurz nach vier kommen wir los. Die Grenze schließt um 17.30 Uhr auf chinesischer Seite. Die Beamten haben noch nie einen deutschen Pass gesehen, fragen zwanzig Mal, wo wir herkommen. Sie sind höflich, aber reserviert. Auf der russischen Seite begrüßen uns die Grenzoffiziere, als seien wir alte Freunde. Die russische Botschaft in Peking hatte uns noch gewarnt, dass wir mit unserem Geschäftsvisa unbedingt per Flugzeug oder Zug einreisen müssten und zwar direkt nach Moskau oder Sankt Petersburg. Unsere Befürchtungen abgewiesen zu werden, erweisen sich als grundlos. Ich verlege ein Ausfuhrdokument für die Motorräder, aber dennoch sind wir nach zwei Stunden fertig.

Die Ankunft im Hotel in Sabajkalsk, der 12.000-Einwohner-Stadt auf der russischen Seite der Grenze, ist für unseren chinesischen Mechaniker Shang ein Kulturschock. Er war noch nie im Ausland. Und nun das: In China schauten hunderte ehrfürchtig unsere Motorräder an, aber keiner wagte, sie zu berühren. In Sabajkask setzen sich die Halbstarken auf ihrem Weg zur Disco auf die Böcke so, als seien es ihre eigenen. Shang und Peer schauen sehr besorgt. Wir suchen eine Garage.

Es ist 22 Uhr und im Hotel gibt es kein Wasser. "Seid froh, dass es wenigstens Strom gibt", sagt die Empfangsdame tröstend. Der war am Mittag abgestellt. Kopfschüttelnd sitzt Shang beim Abendessen. Vom zweiten Stock dröhnt laute Discomusik. Mädchen tragen bauchnabelfreie Tops, kurze Röcke, hohe Schuhe. Shang fallen die Augen aus dem Kopf. Nach einer Weile traut auch er sich auf die Tanzfläche. Er sagt: "Wo ziyoule." Ich bin frei. Auch das ist ein Unterschied zwischen Russland und China.

Die mehr als dreitausend Kilometer lange Grenze trennt zwei Völker, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten. Die Chinesen sind immer angespannt, der Gruppe unterworfen. Die Russen können feiern wie kein anderes Volk in Europa. Die Chinesen denken immer ans Morgen, haben die höchsten Spareinlagen Asiens. Die Russen leben in der Gegenwart. Rick, der Engländer, und Shang, der Chinese, wandeln in dieser Nacht auf ihren Spuren. Sie schlafen nur eine Stunde.

Am nächsten Morgen brechen wir um sieben Uhr auf. Wir werfen noch einen Blick auf die Grenze. Sechs Kilometer stauen sich Busse und Lastwagen in Richtung China. In den Bussen sitzen die sogenannten Tschelnoki, die Seidenwürmer. Sie kaufen billige Kleider, Fernseher, Mobiltelefone in China und verditschen es dann weiter in Russland. Manche fahren dreimal in der Woche hin und her, sind mit den Zöllnern auf Du und Du. Bis zu fünfzig Kilogramm darf jeder zollfrei einführen.

Wir fahren in Richtung Chita und Ulan Ude. In zwei Tagen wollen wir den Baikalsee erreichen. Wir haben eine wichtige Etappe hinter uns gebracht. Wir sind angekommen in Russland, einem Land der Superlative: Es beheimatet den höchsten Berg Europas, den Elbrus, den längsten Fluss, die Wolga, es erstreckt sich über acht Zeitzonen und durch die Taiga Sibiriens führt die längste Eisenbahnstrecke der Welt. Mit unseren vier Motorrädern folgen wir der Transsibirischen Eisenbahn. Langsam, aber unaufhaltsam rattern die Züge vorbei. Wir hoffen, dass unsere Motorräder durchhalten.


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