Motorradtour 6 - Mitten in Sibirien Chinesisch-britischer Krieg


Kurz hinter China fängt Europa an, Walentina, 56, interessiert sich deshalb für Frau Merkel. Auch im Team überschreiten wir Grenzen: Shang und Rick geraten aneinander.
Von Matthias Schepp

Nach Chita, der ersten Großstadt hinter der russisch-chinesischen Grenze, verlassen wir die Bundesstraße. Auf dem Weg nach Ulan Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien, wollen wir zweihundert Kilometer abkürzen, wollen nur fünf- statt siebenhundert Kilometer fahren. "Das schaffen wir an einem Tag", sagt Peter optimistisch wie immer. Nach einer Stunde hört der Asphalt auf. Wir rattern mit unseren Maschinen über Schotterpisten, bis jeder Knochen zu spüren ist. Die herrliche Landschaft entschädigt für die Strapaze.

Kristallblaue Seen säumen unseren Weg. Wir schauen zu, wie auf einer Farm wilde Pferde zugeritten werden. Dörfer mit wunderschönen Holzhäusern schmiegen sich in die Grasslandschaft. Die Fensterläden sind filigran geschnitzt. Beim genauen Hinsehen erst bemerkt man, dass viele Häuser vom ständigen Wind regelrecht schiefgeweht sind. Sibirien im Sommer ist eine Idylle. Auch wenn es dann bis zu vierzig Grad heiß wird. Moskitos sind eine Riesenplage. Galina Lanzowa, 85, stammt ursprünglich aus dem eisigen Nordsibirien. "Ich kann mich nicht an die Hitze hier gewöhnen", stöhnt sie. Im Winter fallen die Temperaturen auf Minus vierzig Grad.

Im nächsten Dorf sitzt Walentina Orlowa, 56, 120 Kilo schwer und gewandet in ein oranges Kleid mit roten Punkten auf einem Holzbänkchen vor ihrem Haus. "Sind sie Deutsche? Wie finden sie Schröder? Wird nicht diese Frau von der anderen Partei bald Bundeskanzlerin werden?", will sie wissen. Sie ist nicht die Dorflehrerin, sie war in ihrer Jugend bei den Fallschirmjägern. Und sie ist stolz darauf, genauso gut geschossen zu haben wie die Männer.

Hier in der Mitte der sibirischen Einöde, wo Dorf und Dorf oft hundert Kilometer auseinander liegen, erschließt sich der Unterschied zu China. Hier siebentausend Kilometer von Berlin ist auch Europa. Die Menschen in Madrid, Paris und London haben einiges gemeinsam mit denen in Wladiwostok und Irkutsk. Überhöht gesagt: Die abendländisch-christliche Kultur. Einfacher: Die meisten Russen haben schon mal etwas von Goethe und Shakespeare gehört, die meisten Westeuropäer von Tolstoi und Dostojewski.

Und noch etwas gibt uns die dicke Walentina mit auf den Weg. "Putin ist gut, wir haben hier fast alle für ihn gestimmt. Wir bekommen die Rente pünktlich und sie steigt sogar langsam. Wir fühlen uns sicher", sagt sie.

Abends, um sieben, sind alle fertig. Rene schlägt vor, in dem Dorf am See einen Platz zum Schlafen zu suchen. Die anderen aber wollen weitermachen. Wir geraten in ein Gewitter, suchen im nächsten Dorf Unterschlupf, in Komsomolskoye. Von unserem Tagesziel Ulan Ude sind wir 150 Kilometer entfernt. Der Chef der Kolchose öffnet uns die Dorfverwaltung. Wir sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Zum ersten Mal kommt es zum offenen Streit: Eine selbstaufblasbare Isomatte zu wenig gekauft worden – aus Versehen. Shang, der Chinese, bekommt zunächst keine ab und ist tödlich beleidigt. Der Streit zwischen ihm und Rick, dem rauen Engländer, eskaliert.

Einerseits geht es um die Matratze und um den verletzten chinesischen Nationalstolz. Die Erinnerung an die Herrschaft der Kolonialmächte im Reich der Mitte wird von der dortigen Führung lebendig gehalten. Andererseits geht es um einen alten, schwelenden Streit zwischen den beiden. Shang sieht in Rick, dem Engländer, einen schlechten und aggressiven Fahrer, der das Motorrad ruiniert. Rick hält Shang für einen lausigen Mechaniker. Am Ende geraten sich die beiden stolzen Streithähne darüber in die Haare, wer auf der einen schlechten Matratze schlafen darf. Wir lassen das Los entscheiden.


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