Motorradtour 7 - Baikalsee Nach Mitternacht in die Sauna


Nach der mongolischen Hitze zeigt uns der Baikalsee die kalte Schulter. Der Wind pfeift eisig. Die sibirische Gastfreundschaft aber hält auch nachts eine Sauna für uns bereit.
Von Matthias Schepp

Nach der Hitze in der Mongolei und nach zwei brennend-heißen Tagen hinter der russisch-chinesischen Grenze zeigt uns der Baikalsee die kalte Schulter. Vor Ulan Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien, geraten wir in einen Gewitterregen. Seitdem ziehen wir die schwere Motorradkleidung nicht mehr aus. Davor sind wir oft im T-Shirt gefahren.

Ulan-Ude erstreckt sich über eine sanfte Hügellandschaft. Die bekannteste Sehenswürdigkeit ist größte Lenin-Kopf der Welt, ein Relikt aus sieben Jahrzehnten, in denen die Kommunisten das Land regierten. Er steht am Platz der Räte. Wir schießen Fotos für unsere Hauptsponsoren: die russische Softwarefirma Antor und den Zagen- und Türenbauer Westag und die Gestalit AG.

Endlich am Abend erreichen wir den Baikal. Geformt wie eine Banane, erstreckt er sich 636 Kilometer von Nord nach Süd. Er ist 60 Kilometer breit und bis zu 1700 Meter tief. Sein Wasservolumen übertrifft das der großen amerikanischen Seenplatte. Er birgt ein Fünftel aller Süßwasservorräte der Erde.

Keiner von uns ist in der Stimmung das Naturwunder zu genießen. Eisig pfeift der Wind. Es sind vierzehn Grad, aber es fühlt sich an wie unter dem Gefrierpunkt. Das Grau des Wassers verschwimmt mit dem Grau des Himmels zu einer öden Masse. Vor uns hat es ein Auto aus der Kurve getragen, der Fahrer stolziert in kurzen Turnhosen umher. "Die Sibiriaken sind eben ein hartes Völkchen", sagt Peter, der Teamchef.

Der Beifahrer liegt bibbernd auf der Erde. Aus seinem Mund läuft Blut. Wir bringen den Verletzten in eine stabile Seitenlage, opfern einen unserer Schlafsäcke und rufen den Rettungswagen. "Die sind alle Selbstmörder hier mit ihren alten Kisten", sagt Rene. Keiner widerspricht ihm. Immer wieder fahren wir an Gräbern vorbei, die direkt neben der Straße errichtet worden sind, und an hoffnungslos zerbeulten oder ausgebrannten Autos, die vom Weg abgekommen sind.

Wir wollen in einem der Ferienheime übernachten. Sie heißen Dynamo, Rotfront und Baikalflut. Manche verfallen, andere sind schick und mit modernen Baumaterialien herausgeputzt. Aber alle haben geschlossen. Erst gegen Mitternacht finden wir ein gerade neu eröffnetes Hotel, wo wir unsere Häupter betten können. Wieder einmal ist die sibirische Gastfreundschaft überwältigend. Ein Restaurant wird eigens für uns geöffnet, eine finnische und eine römische Sauna angeheizt. Wir können es nicht fassen: Mitten im Nichts und eine Stunde nach Mitternacht genießen wir im Fitnesszentrum den Luxus eines Sterne-Hotels.

Am nächsten Tag begleitet uns der Regen von morgens bis abends. Nur einmal reißt der Himmel ein wenig auf. An einem Aussichtspunkt schauen wir auf den See, der in seiner Unendlichkeit einem Meer gleicht. Wir kaufen geräucherten Omul, einen leckeren Fisch, den es nur am Baikal gibt. Später als geplant, gegen acht Uhr abends, erreichen wie Irkutsk, die größte Stadt Ostsibiriens.

Der Goldrausch im 18. Jahrhundert trug der Stadt den Beinamen Paris des Ostens ein. Die Villen und Paläste im Zentrum zeugen noch vom alten Glanz. Wir gönnen uns das beste Hotel am Platz, stoßen auf eine deutsche Touristengruppe, die mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs ist. Sibirien, lange ein Verbannungsort für Oppositionelle und Verbrecher, und unter den Kommunisten lange weggeschlossen hinter dem Eisernen Vorhang, ist erstmals in seiner Geschichte ein freier Ort.

Unser für sibirische Verhältnisse schmuckes Hotel ist einer der ersten Vorboten des Touristenbooms, der für die nächsten beiden Jahrzehnte am Baikal zu erwarten ist. Wir hoffen, den Baikal irgendeinmal wiederzusehen. Dann, wenn er uns die Sonnenseite zeigt. Nun liegt die unendliche Weite Sibiriens vor uns.

Bei Rene schleichen sich nach elf Tagen und mehr als viertausend Kilometern Unkonzentriertheiten ein. Gerd George, der Fotograf, hat eine Reifenpanne. Rene stellt sein Motorrad neben ihm ab, lässt aber den Motor weiter laufen. Langsam rollt sein Seitenwagen-Gespann auf die Böschung zu. Rene sprintet zu seinem Bike, fasst an den Lenker und kann es noch etwas abbremsen, ehe es den Abhang hinunterrollt. Gott sei Dank kommt es bald zum Stehen. Kein nennenswerter Schaden ist entstanden. Zu viert wuchten wir es wieder nach oben.

Selbst Peter, der unermüdliche Antreiber, schüttet inzwischen beim Frühstück Kirschsaft statt Milch in seinen Kaffee. Schlimmer als unsere Erschöpfung aber ist die Ermüdung des Materials unserer Maschinen. Kein Tag vergeht ohne Panne. Bei Rick, dem Engländer, mussten wir bereits in China das gesamte Getriebe auswechseln. Die Auspuffrohre fallen im Drei-Tagesabstand ab und sind schon lange mit Draht festgezurrt. Bei Rene versagten die Bremsen, drei Lichtmaschinen mussten wir auch schon auswechseln. Einen gestandenen Kabelbrand haben wir auch hinter uns. Bei drei Maschinen lecken die Ersatzkanister.

Unsere Seitenwagen-Motorräder sind Nachbauten der legendären BMW R71 aus den Dreißiger Jahren (link zum Beitrag über das Motorrad einbauen!!). Sieben Jahrzehnte später sind die Chinesen, die das Motorrad nach ihrem längsten Fluss, den Yangtse nennen, aber noch Lichtjahre von der Fertigungsqualität der Deutschen entfernt. Ende der Fünfziger Jahre hatten sie die Lizenzen von den Russen im Austausch gegen Eier und andere Lebensmittel bekommen. Die Russen hatten die BMW-Fabrik in Ostdeutschland demontiert und die R71 bis ins Detail nachgebaut.

Unsere Gespanne kommen edel und elegant daher, halten aber nicht viel aus. Der Münchner Unternehmensberater Engelbert Boos ist am Ende seines Studiums 13.000 Kilometer mit der Yangtze von Peking nach München gefahren, im Unterschied zu uns aber nicht durch Sibirien, sondern über Pakistan, Jordanien und die Türkei. Er brauchte 99 Tage, sein mehr als zweihundert Seiten langes Buch ist eine Aneinanderreihung von Pannen.

Hinter Irkutsk auf einem Stück Schotterpiste mit vielen Schlaglöchern bricht die Hinterachse des Seitenwagens, in dem ich sitze und Notizen in mein Reisetagebuch schreibe. Gerd George, der Fotograf, kann die Maschine gerade noch zum Stehen bringen. Wäre uns das bei Tempo achtzig oder neunzig passiert, wären die Folgen wahrscheinlich weit dramatischer gewesen. Wir haben Glück gehabt.


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