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Formel-1-Oldies : Als Sex noch sicher und Motorsport lebensgefährlich war

Beim exklusiven Oldtimer-Schönheitswettbewerb an der Villa d'Este am Comer See brüllten zum ersten Mal auch frühe Formel 1-Renner auf. Das Publikum war nicht erschüttert – eher gerührt.

McLaren am Comer See.

Während Moderator Simon Kidston die letzte Klasse des Wettbewerbs ankündigte, da begannen die langbeinigen Models, die beim Concorso d'Eleganza zwischen den automobilen Schönheiten üblicherweise zur Abwechslung Mode präsentieren, Schutzbrillen und Ohrstöpsel im Publikum zu verteilen.

Der Schutz der Zuschauer vor herumfliegenden Kieselsteinchen und dem Lärm war durchaus angebracht. Denn -Autos hatte es beim Schönheitswettbewerb an der Villa d'Este am Comer See zuvor noch nie gegeben. Und das, obwohl dieser Wettbewerb dort bereits 1929 zum ersten Mal ausgetragen wurde. "Wir haben das sehr ernsthaft diskutiert", sagte Ralph Huber von BMW Group Classic, seit 2006 Partner der Villa d'Este und Co-Veranstalter dieser hochkarätigen Schau. Am Ende ging der Daumen hoch.

Wo sonst blank gewienerte Luxusschlitten und seltenste Sportwagen der absoluten Spitzenklasse am Publikum vorbei paradieren, durften in diesem Jahr zum ersten Mal Formel 1- aus vier Jahrzehnten über den Kies rollen. Im Schritttempo zwar natürlich, aber dennoch kein bisschen leise. Für Gänsehaut war allemal gesorgt.

McLaren am Comer See.

McLaren am Comer See.

stern

Den Anfang machte ein Maserati 250F von 1954. Technische Details dieser frühen Renn-Epoche: Reihensechszylinder-Frontmotor mit 2,5 Litern Hubraum; 275 PS bei 8000 Umdrehungen. Danach folgte der Porsche 718/2 von 1960, ein Exponat des Hamburger Prototyp-Museums, pilotiert von Mitinhaber Oliver Schmidt. Der Auftritt des Museumschefs in seinem silberglänzenden Boliden erinnerte an die kurze Periode der Zuffenhausener Werkseinsätze in der Königsklasse des zwischen 1957 und 1964. Angetrieben wird der 718/2, wie könnte es anders sein, von einem Vierzylinder-Boxer mit 1,5 Litern Hubraum, einem klassischen Porsche-Aggregat der Frühzeit.

Ihm folgte der Lotus 21 von 1961, der, dem Reglement folgend, ebenfalls einen auf 1,5 Liter Hubraum begrenzten Vierzylinder nutzte. Und weil es in der Formel 1 ja stets darum geht, einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen, setzte Lotus-Gründer Colin Chapman vor allem auf kompakte Leichtbauweise, die zahlreichen Piloten wohl immer wieder zum Verhängnis wurde. Auch bei den tödlichen Unfällen von Jim Clark 1968 am Hockenheimring oder von Jochen Rindt 1970 in Monza wurde rasch der Verdacht geäußert, Chapman und seine Lotus-Konstrukteure hätten zu sehr am Material gespart. 

Die wilden Zeiten der Formel 1

 Es war die Zeit, wie Moderator Kidston treffend beschrieb, "als Sex noch sicher und Motorsport lebensgefährlich war". Vor allem in den ersten drei Jahrzehnten der Formel 1 gab es kaum ein Rennwochenende, an dem der Motorsportzirkus nicht einen Piloten verlor – bis diese allmählich begannen, mittels der Fahrergewerkschaft GPDA sich selbst um ihre Sicherheit zu kümmern. Der Tod gehörte jedoch lange dazu und trug seinen Teil zur Faszination bei: Formel 1-Fahrer waren Gladiatoren im Kampf um Leben und Tod. Colin Chapman, der 1982 an Herzversagen starb, soll dazu ein passendes Motto gehabt haben: "Das Leben ist wie eine Rolle Klopapier. Je näher es dem Ende kommt, umso schneller spult es ab."

Das änderte freilich nichts daran, dass auch die Autos immer stärker und schneller wurden. Der B.R.M. P-180 von 1972 verfügte bereits über einen Zwölfzylindermotor mit drei Litern Hubraum, der 450 PS bei unglaublichen 11200 Umdrehungen abgab. 1982, also genau 10 Jahre später, waren es beim Alfa Romeo 182 mit identischem Layout (Drei Liter, 12 Zylinder) bereits 540 PS. Entsprechend ging das Getöse dem Publikum von BMW und der Villa d'Este durch Mark und Bein, vor allem beim heute noch wahnwitzig anmutenden Tyrell P34 von 1977. Bei ihm ist jedoch nicht der Cosworth-Ford-Achtzylinder mit drei Litern Hubraum das Besondere, denn der gehörte viele Jahre zur Standardausrüstung jener Teams, die keine eigenen Motoren bauten. Beim Tyrell P34 schüttelt man stattdessen auch heute noch fassungslos den Kopf beim Anblick seiner insgesamt sechs Räder – vier kleine, lenkbare vorn und zwei Antriebswalzen hinten. Der Faszination der 70er-Jahre-Renner konnte sich ganz offensichtlich der aktuelle Besitzer des Tyrell nicht entziehen – der Rennwagen gehört dem ehemaligen Formel 1-Fahrer Pier Luigi Martini, der selbst später, zwischen 1985 und 1995, in dieser Klasse antrat. Ebenso gehört der österreichische Ex-Rennfahrer Gerhard Berger (58) zu den Sammlern klassischer Rennautos. Er konnte wegen seiner Verpflichtungen beim zeitgleich stattfindenden Grand Prix von Monaco zwar nicht persönlich am Comer See erscheinen, bereicherte aber den Schönheitswettbewerb mit einem weiteren historisch wertvollen Modell, dem McLaren MP4/2B von 1985, der seinerzeit von Alain Prost gesteuert wurde.

Das Publikum war jedenfalls hingerissen, auch wenn die Abgase der PS-Monster so manchem Zuschauer gelegentlich den Atem raubte. So fehlte nur eines zur Vervollständigung der zu Beginn ausgeteilten Schutz-Utensilien, wie eine dunkelhaarige Schönheit während der Parade beiläufig bemerkte: "Eine Gasmaske."

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