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Streit um Radwege: Arme Autofahrer, Ihr werdet diskriminiert!

Die Stadt Hamburg plant neue Radwege in der City. Das bedeutet mehr Baustellen und weniger Parkplätze. Sogar als Radfahrerin finde ich inzwischen: Wir müssen endlich auf Autofahrer Rücksicht nehmen.

Eine Glosse von Annette Berger

Liebe Radfahrer, bitte denkt einmal darüber nach: Diese Menschen, die da so einsam hinterm Steuer sitzen, brauchen dringend unsere Hilfe.

Liebe Radfahrer, bitte denkt einmal darüber nach: Diese Menschen, die da so einsam hinterm Steuer sitzen, brauchen dringend unsere Hilfe.

Heute Nachmittag ist es wieder soweit - ich werde nach der Arbeit mit meinem Rad von der Innenstadt nach Hause in den Nordwesten der Metropole fahren. Etwa eine Stunde dauert das, und wie immer werde ich auf dem Weg mitansehen müssen, wie schlimm wir hier in Hamburg unsere Autofahrer behandeln.

Wie ich auf dieses Thema komme? In unserer Lokalpresse gibt es einen Aufschrei über neu geplante Fahrradwege rund um den Alstersee, das Gebiet der Innenstadt also, wo man gern segelt, spazieren geht und radelt.

Der SPD-Senat will in jenem Teil der City reine Fahrradstraßen bauen, da dort schon jetzt teils mehr Radler als Autofahrer unterwegs sind. Die oppositionelle CDU spricht von einer "ideologischen und autoverachtenden" Politik. Nervige Baustellen werden befürchtet - und Schikanen bis hin zu einer regelrechten Vertreibung der Autofahrer aus der Innenstadt. Wo soll man denn künftig sein Fahrzeug abstellen, wenn man zur Alster möchte?

Denkt stets daran: Das sind auch Menschen

Genau. Auch ich als Radfahrerin fordere: Schluss mit der autoverachtenden Politik! Die Diskriminierung der Mitbürger auf vier Rädern muss ein Ende haben.

Wie, Sie wissen nicht, was ich meine? Dann sind Sie vermutlich auch einer dieser rücksichtslosen Radikalradler. Einer, der sich schnittig am Verkehrschaos vorbeimogelt, während ihre armen Mitmenschen mit Kfz-Hintergrund geduldig den selbstfabrizierten Smog einatmen und warten, bis sich der Stau vor ihnen auflöst. Einer, der forsch über eine Autobahnbrücke radelt, während unter Ihnen in der Endlos-Blechlawine Stillstand herrscht, weil ein Lkw die Höhenkontrolle im Elbtunnel ausgelöst hat.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie mies sich ein Autofahrer in unseren Städten fühlen muss? Und dabei kann er sich noch nicht einmal einem Leidensgenossen anvertrauen, denn Autofahrer sitzen ja meist allein in ihren Fahrzeugen. Vereinsamung am Steuer ist ein Tabu in unserer Gesellschaft, das endlich angesprochen werden muss. Haben Sie sich je gefragt, warum diese ans Kfz gefesselten Kreaturen nie den öffentlichen Nahverkehr nutzen? Ich sage Ihnen: Sie haben einfach Angst, mit so vielen anderen Menschen gemeinsam in einem Fahrzeug zu sitzen.

Emotionen, die Autofahrern fremd sind

Ja, ich muss zugeben, auch ich fühle mich Autofahrern überlegen, wenn ich auf dem Heimweg einen abwechslungsreichen Parcours aus Verkehrshindernissen aller Art, hubbeligen Radwegen, unübersichtlichen Kreuzungen und Straßen ganz ohne Radwege abfahren darf, während die motorisierten Mitbürger nur im Schritttempo durch Baustellendschungel und Schilderwälder rollen dürfen. Für mich ist es Sport und Nervenkitzel in einem, wenn ich die Strecke vom Büro bis nach Hause unfallfrei schaffe. Ich vergesse meinen Arbeitsalltag bei diesem Survival-Training und bin am Ende unsagbar froh, dass ich heil angekommen bin. Kein Autofahrer wird dieses Glücksgefühl je erleben dürfen.

Dabei haben auch Autofahrer Gefühle. Ja, es mag etwas befremdlich wirken, wenn sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, indem sie hupen oder anderen Verkehrsteilnehmern einen Vogel zeigen. Oder wenn sie in einer - endlich einmal staufreien - Tempo-30-Zone kräftig aufs Gaspedal treten. Sie finden das rücksichtslos und brutal? Ich sagen Ihnen: Das ist ein verzweifelter Schrei nach mehr Anerkennung.

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