HOME

Onlinehandel: "20 Prozent der Angebote sind problematisch"

Sie bieten Autos online an, die ihnen nicht gehören, oder solche, die es gar nicht gibt. Internetbetrüger haben es auf Gutgläubige abgesehen - und kassieren Millionen mit der Masche.

Von Jörg Breithut

Es ist ein warmer Tag im August 2007. Heinz G. fliegt von München nach Toulouse. Von dort fährt der 63-Jährige im Mietwagen weiter ans Mittelmeer nach Sète. Am Bahnhof trifft er einen Mann, der sich Daniel Baumgart nennt. Mit ihm hat er zuvor telefonisch über einen Gebrauchtwagen verhandelt, den er bei Autoscout24.de gefunden hatte. Das Auto entspricht exakt der Beschreibung im Internet. Heinz G., pensionierter Geschäftsführer einer Schmuckfirma, prüft den Wagen genau. Es ist ein silbergrauer BMW 530d, Baujahr 2004. Er läuft um das Fahrzeug, untersucht den Lack, schaut in den Innenraum.

Alles scheint okay zu sein. Im Bahnhofsrestaurant füllen G. und Baumgart das Vertragsformular mit Kopie aus und unterschreiben beide. Das Geschäft ist besiegelt. Anschließend verlassen die Männer das Restaurant, um in einer Autovermietung den Vertrag zu kopieren. Dort bezahlt G. vor den Augen einer Angestellten die vereinbarten 22.000 Euro in bar. Er bekommt Fahrzeugbrief und Schlüssel ausgehändigt.

Kurz darauf entschuldigt sich Daniel Baumgart mit den Worten, dass er etwas im Lokal vergessen habe, und geht. Er kommt nicht wieder. Irritiert meldet Heinz G. den Vorfall der französischen Polizei. Er beschreibt den Autoverkäufer als höflichen jungen Herrn mit randloser Brille, schlank, ein "angenehmer Mensch". Die Beamten stellen nichts Auffälliges am Fahrzeug und den Papieren fest. Also fährt der Pensionär mit dem BMW zurück nach München. Aber er traut der Sache nicht und bittet einen befreundeten Polizisten, das Auto abermals zu überprüfen. Der findet heraus: Es ist gestohlen, die Fahrzeugpapiere und die deutschen Nummernschilder sind gefälscht - und zwar so professionell, dass kein Laie das erkennen kann.

Der Schaden durch den Online-Handel beträgt zig Millionen

"Seit den Anfängen des Online-Autohandels wurden Zehntausende betrogen, der Schaden beträgt zig Millionen", sagt Jochen Oesterle vom ADAC. Mehr als 1000 Opfer traf es allein im Januar und Februar in Hamburg. Als Anzahlung auf ein Schnäppchenauto überwiesen sie gutgläubig jeweils 99,90 Euro auf ein Konto, das auf der Internetseite angegeben war. Das genau war die Masche der Betrüger: ein niedriger Betrag, den man als Einzelner ohne großes Nachdenken überweist und im Zweifel auch verschmerzen kann. Bei den Abzockern macht es dagegen die Masse. Sie kassierten mehr als 100.000 Euro.

Weit mehr sahnten Betrüger in München von 2005 bis 2006 ab. Dort verursachte eine Bande einen Schaden von rund 15 Millionen Euro. Sie bot Autos online an, die nicht existierten, kassierten aber im Voraus. Ähnlich in Niedersachsen. "Mittlerweile bekommen wir täglich mehrere Anrufe von Betroffenen", sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts. Ansgar Klein vom Bundesverband freier Kfz-Händler hält "20 Prozent der Autoinserate im Netz für problematisch". Vor allem, wenn die Ergebnisse der Suchanfrage nach den niedrigsten Preisen gestaffelt sind und Schnäppchen verheißen. Klein: "Die Fahrzeugbörsen schöpfen die Möglichkeiten zur Qualitätssicherung nicht genügend aus."

Es kann zwar keine Rede davon sein, dass dort mehrheitlich Betrüger braven Leuten das Geld aus der Tasche ziehen wollen, doch andererseits muss es auch einen besseren Schutz als bislang vor Neppern im Netz geben. Deshalb hat sich kürzlich auch die Polizei der Initiative "Sicherer Autokauf im Internet" angeschlossen. Auf dem gemeinsamen Onlineportal von ADAC, Mobile.de, Autoscout24.de und jetzt auch der Polizei wird vor den neuesten Methoden der Internetbetrüger (s. Kasten) gewarnt. Nun finden Opfer auf der Seite auch einen Link, um online Anzeige erstatten zu können.

Der Internetauftritt des Unternehmens wirkte seriös

Das nützt Doris Bederke aus Leimen nichts mehr. Sie tappte vergangenen Juli in die Falle der Trickbetrüger. Auf Mobile.de entdeckt die 47-jährige Bankkauffrau das Auto, das sich ihre Tochter zur bestandenen Führerscheinprüfung wünscht. Das Inserat preist einen silberfarbenen VW Polo für 6900 Euro an, etwa 3000 Euro günstiger als vergleichbare Angebote. Per E-Mail nimmt sie Kontakt mit dem Verkäufer auf, der sich als Stephen James Wright ausgibt.

Er habe in Deutschland gelebt, schreibt der Verkäufer in seiner Antwort, mittlerweile sei er nach London umgezogen. Den Wagen habe er mitgenommen. "Es ist ziemlich schwierig, ein europäisches Auto mit dem Lenkrad auf der linken Seite zu fahren", begründet er seine Verkaufsabsicht. Doris Bederke lässt sich eine Kopie des Fahrzeugscheins per E-Mail schicken, um einen Beleg für die Existenz des Wagens zu haben. Sie vertraut dem Verkäufer. "Er war sehr nett", sagt Bederke.

Wright bittet sie schließlich, den ausgehandelten Preis an eine Transportfirma namens S&T Memebot zu zahlen, die den Wagen nach Deutschland verfrachten soll. Der Internetauftritt des Unternehmens wirkt seriös. Gutgläubig überweist Doris Bederke das Geld auf ein Treuhandkonto der Lloyds TSB Bank in Großbritannien. Per Frachtnummer, so wird ihr weisgemacht, könne sie im Internet verfolgen, wo sich ihr Polo gerade befinde. Auf den wartet die Leimenerin bis heute. Das Geld ist weg. Der Versuch, es zurückzuholen, scheitert. Auch in diesem Fall agierte der Betrüger aus dem Ausland, weil dort das Risiko aufzufliegen meist geringer ist.

Auch seriöse Autohändler geraten ins Visier der Onlinebetrüger

"Die Tricks werden immer ausgefeilter", sagt Ulrich May, Verbraucherschutzexperte beim ADAC - weil sehr viel Geld im Spiel ist. Allein Mobile.de vermittelte 2006 Fahrzeuge im Wert von rund 22 Milliarden Euro. Auch seriöse Autohändler geraten immer wieder ins Visier der Onlinebetrüger. Mit gestohlenen Passwörtern loggen die sich bei Fahrzeugbörsen im Netz ein und manipulieren die Inserate der Autohändler. Die Trickdiebe tauschen Telefonnummern und E-Mail-Adressen gegen ihre eigenen Kontaktdaten aus. Folglich landen die Mails von Kaufinteressenten nicht mehr beim Autohaus, sondern im Postfach der Betrüger. "Meist wird die Kontaktzeile am Freitagnachmittag geändert", sagt Ulrich May. Der Sinn: Am Wochenende, wenn Interessenten besonders häufig im Netz nach Autos schauen, bleiben solche Manipulationen meist unbemerkt.

Betrugsopfer Heinz G. hat nicht nur das Geld verloren, auch das Auto ist weg. Die Polizei hat den als gestohlen gemeldeten Wagen beschlagnahmt und fahndet nach Daniel Baumgart. Der Bayer hat sich ein neues Auto gekauft - wieder im Internet. Nicht von privat, sondern bei einem Autohändler. Diesmal lief alles glatt.

Die Tricks der Betrüger

Besonders fies: die Nummer mit dem Scheck
Fünf typische Fallen beim Autohandel:

Vorauszahlungen

Internetbetrüger versuchen mit immer fantasievolleren Geschichten, Autokäufer zu Vorabzahlungen zu überreden. Gern tischen sie Märchen auf wie dieses: Sie lägen verletzt im Krankenhaus, die Fahrzeugübergabe sei nur per Transportunternehmen möglich. Das Geld dafür soll natürlich im Voraus überwiesen werden, meist auf ausländische Konten. Grundsätzlich gilt: Beim Autokauf im Netz niemals Geld per Vorkasse anzahlen.

Händlertrick

Auch hinter den Angeboten seriöser Autohäuser können sich Onlinebetrüger verbergen. Die Trickdiebe versenden Phishing- Mails an einen Händler, um sich dessen Benutzernamen und Passwort zu erschleichen. In vielen Fällen gelingt das. Damit melden sie sich bei den Fahrzeugbörsen im Netz an und ändern die Inserate der Autohäuser. Meist bleibt das Angebot nahezu unverändert, lediglich E-Mail-Adresse und Telefonnummer werden ausgetauscht. Es lohnt sich also, die Adressdaten der Autohäuser mit der Kontaktzeile im Inserat zu vergleichen. Gibt es da Unterschiede, etwa wenn das angegebene Autohaus in Frankfurt sitzt, aber keine Frankfurter Telefonnummer angegeben ist, dann: Finger weg.

Überfall bei Übergabe

Ohne Begleitung bei einer Fahrzeugübergabe zu erscheinen kann gefährlich werden. Oft ist beim Autokauf viel Bargeld im Spiel, das lockt Ganoven an. Am besten zusammen mit einem Bekannten zum Übergabeort reisen, das bringt zusätzliche Sicherheit.

Scheckbetrug

Nicht nur Kaufinteressenten müssen sich in Acht nehmen, auch wer sein Auto verkaufen will, kann zum Ziel von Kriminellen werden. Beispiel Scheckbetrug: Ein vermeintlicher Interessent meldet sich auf das Fahrzeuginserat im Internet. Meist akzeptiert der Betrüger ohne Zögern den verlangten Kaufpreis. Er sendet aus dem Ausland einen Scheck, der auf eine höhere Summe als vereinbart ausgestellt ist. Die Bank akzeptiert den Scheck zunächst und schreibt das Geld auf dem Konto des ahnungslosen Verkäufers gut. Der Schwindler bittet nun darum, den Differenzbetrag an ihn zurückzuüberweisen. Der Trick dabei: Einige Tage oder Wochen vergehen, bis die Bank den Scheck geprüft hat. Schließlich platzt der Scheck, das überwiesene Geld ist verloren.

Gefälschte Papiere

Niemals Fahrzeugpapiere vor der Autoübergabe an Interessenten verschicken. Im schlimmsten Fall stellen die Betrüger Kopien der Dokumente her und verkaufen Autos, die ihnen nicht gehören. Vorsicht gilt auch beim Autokauf: So gut es geht die Dokumente auf Echtheit prüfen.

print

Wissenscommunity