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POLIZEI: Neue Sheriff-Schlitten

So könnten Deutschlands Streifenwagen bald aussehen: Rotblau als Signalwirkung, der Polizei-Schriftzug größer, die Rufnummer 110 riesig und Blaulichter wie in den USA.

So könnten Deutschlands Streifenwagen bald aussehen: Rotblau als Signalwirkung, der Polizei-Schriftzug größer, die Rufnummer 110 riesig und Blaulichter wie in den USA.

Computer-Sound

Mit einer Grille mitten im Winter hatte Stefan Eisele nicht gerechnet. Und schon gar nicht in dieser Lautstärke. Aber eigentlich ist es gar kein Insekt, sondern es ist so: Die Polizei Münster hat nur den Ton eines neuen Martinshorns so genannt. Ein helles Zirpen ist allerdings auch nicht zu hören - eher das Maschinengewehr eines Computerspiels. Schleierhaft, wie man auf diesen Namen kommen kann.

Durchdringender Ton

Wirkung zeigte der durchdringende Ton jedoch allemal. Denn Eisele ging erschrocken vom Gas. Und als er im Rückspiegel auch noch ein rotes Blinklicht sah, bremste er runter bis zum Stillstand. »Ich war von dem Geräusch so überrascht, dass ich reflexartig reagiert habe«, sagt der Gladbecker, der völlig verdattert den Beamten seine Papiere entgegenstreckte.

Starke Xenon-Scheinwerfer

Stefan Eisele war in einen Test geraten. Der Grillen-Peterwagen ist zwar echt, aber noch nicht richtig. Er ist ein Prototyp mit vielen Neuheiten, der gerade erprobt wird. Statt der üblichen Blaulichter zucken zum Beispiel helle, blaue Stroboskop-Blitze auf dem Dach des VW Passat. Und starke Xenon-Suchscheinwerfer sollen die Nacht punktuell zum Tag machen. »So ähnlich wie unser Testwagen in Münster könnten bald alle Streifenwagen Deutschlands ausgerüstet sein«, sagt Norbert Reckers vom Polizeitechnischen Institut (PTI) in Münster-Hiltrup.

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Derzeit arbeitet das Institut an einem Vorschlag für die Innenministerkonferenz, die Anfang Juni über Ausstattung und Aussehen neuer Polizeiwagen entscheiden wird.

Neue Farbe?

Ändern wird sich möglicherweise auch die Farbe. Statt grüner Folien klebten bei einer Vorführung mehrerer Prototypen Anfang Dezember blaurote Folien auf dem Blech. Doch die Lösung wurde verworfen, weil aus den Versuchslabors die Erkenntnis gemeldet wurde, dass Grün möglicherweise doch besser reflektiert als Blaurot. »Jetzt vergleichen wir beides noch einmal«, sagt Reckers. Getestet wird zudem eine unsichtbare Folie für zivile Streifenwagen, die sich erst beim Einschalten eines schwachen Stroms enttarnen. Dann leuchtet der Schriftzug »Polizei« auf.

Fest installierte Videoanlage

Amerikanischer sollen sie werden, die Dienstfahrzeuge. Das ist die angesagte Linie. Kommen werden beispielsweise eine rote Anhalteleuchte, ein Arbeitsscheinwerfer, ein aufblinkendes Fernlicht und eine fest installierte Videoanlage. Ob das Tonsignal »Grille« genau so bleibt, ist noch nicht sicher. Reckers: »Die ist vielleicht ein wenig zu laut.«

»Platz da«

Klar ist bereits, dass Grille und rotes Blinklicht den Polizisten bald waghalsige Überholmanöver ersparen sollen. Weil bislang kaum ein Autofahrer weiß, ob die Blaulichter im Heckfenster »Anhalten« oder »Platz da« bedeuten, soll die US-Lösung demnächst auch in Deutschland gelten: Künftig werden die Peterwagen den Verkehrssünder von hinten zum Anhalten auffordern.

Besserer Überblick

Diese Methode hat nicht nur den Vorteil, dass »die Streifenwagen nicht mehr mühsam überholen müssen, um dann die Kelle aus dem Fenster halten«, sagt Polizeikommissar Heinz Lanfermann aus Münster. Das amerikanische Anhalten ist auch »wegen des besseren Überblicks« viel sicherer. »Wenn wir das verdächtige Fahrzeug vor uns haben, können wir viel mehr überblicken«, sagt Lanfermanns Kollege Uwe Schirrmacher. Auch Psychologie ist im Spiel. Schirrmacher: »Nachts leuchtet der Arbeitsscheinwerfer die Szenerie fast taghell aus. Der Angehaltene ist dagegen geblendet und gerät von Anfang an ins Hintertreffen.«

Zufriedene Tester

Noch bis Ende Januar testet Münsters Polizei den Grillen-Passat für das PTI. Das Protokoll weist bereits Erfolge aus: Zwei Drittel aller Autofahrer hielten kurz nach dem Ertönen der Grille an. 89 Prozent der Polizisten fanden den Arbeitsscheinwerfer sehr gut. 67 Prozent aller Angehaltenen waren mit den neuen Signalen einverstanden. Ein Drittel gab jedoch an, verängstigt oder erschrocken gewesen zu sein.

Streifenpolizist Schirrmacher kennt solche Panikreaktionen allerdings schon länger: »Als ich früher einmal laut in den Außenlautsprecher gesprochen habe, ist mir einer vom Fahrrad gefallen.«

Claudius Maintz

Wissenscommunity