Q7 Der Bulle aus Ingolstadt


30 Monate hat Audi an seinem wuchtigsten Modell der Nachkriegszeit gearbeitet. Im Frühjahr 2006 kommt der Geländewagen Q7 auf den Markt. Eine Reportage über die Vorstands-Abnahmefahrt im US-Bundesstaat Colorado.

Muss man sich Martin Winterkorn als einen glücklichen Menschen vorstellen? Manchmal schon. Wenn sich der Ingenieur in seinem Habitat aufhält, kann er nahezu elegisch werden. Zum Beispiel bei der Frage: Gibt es zwischen Mensch und Maschine Liebe auf den ersten Blick?

Antwort eines Autotiers: "Wenn die Formen stimmen, ist einem ein Fahrzeug spontan sympathisch. Es darf nicht zu groß und nicht zu klein sein. Es braucht eine Seitenlinie, die ihm Gestalt gibt. Dann kommt der entscheidende Moment, das Einsteigen." Winterkorn öffnet die geldschrankartige Tür seines neuesten Renners. "Der Kunde macht instinktiv zuerst diese Bewegung." Er streichelt den oberen Teil des Lenkrades, kost die Armaturenabdeckung. "Schönes, glattes Leder, typisch Audi. Angenehme, griffige Oberflächen. Das ist der Wohlfühlfaktor."

Vor uns stehen ein Mann und sein rund 2,3 Tonnen schweres Baby. Er selbst nennt es so. Martin Winterkorn, 58, Vorstandschef von Audi, setzt große Erwartungen in den Edelgeländewagen Q7. Dreißig Monate Arbeit und eine halbe Milliarde Euro hat das Baby verschlungen. Bald soll es Geld bringen. Von dem bullig-eleganten Q7, in der einfachsten Variante knapp 50 000 Euro teuer, will Audi ab Frühjahr 2006 jedes Jahr 70 000 Stück absetzen. Die Hälfte davon in den USA, wo sich Sports Utility Vehicles - SUVs, sportliche Nutzfahrzeuge - seit Jahren glänzend verkaufen. Theoretisch sind das Geländewagen. Es handelt sich um jene Spezies Schluckspechte, die Greenpeace und Co. ein Gräuel sind. Was Winterkorn, unter Audianern "Wiko", nicht sehr stört. So manches, was er von Greenpeace und Co. hört, hält er für Stuss.

Winterkorn ist unprätentiös. Besondere Merkmale: keine. Khakihose, Wildlederjacke, graue Haare. Die Züge mitunter mürrisch, wie die eines Oberstudiendirektors, dessen Antrag auf Versetzung in den Vorruhestand abgelehnt wurde. Auf dem Highway lässt sich der Spitzenmanager Mautgebühren von 1,75 Dollar quittieren, "receipt, please". Er sei halt Schwabe, seufzen Mitarbeiter. Keine bekannten Skandale. Braver Familienvater, treuer Fußballfan (Bayern München). Aber immer edles Schuhwerk! Sowie die Verfügungsgewalt über einen Airbus A319. In der Firmendüse flog er mit Vorständen und Abteilungsleitern vom Ingolstädter Flugplatz Manching nonstop nach Denver, zwecks Vorstands-Abnahmefahrt.

Das Ritual, ein neues Auto vom obersten Boss absegnen zu lassen, bevor es in Serie geht, gilt der Autobranche als heilig. Zwar sind große Korrekturen nicht mehr möglich. Doch der letzte Appell vor der Verkaufsschlacht hat etwas von Feldgottesdienst. Sechs Uhr früh, auf dem Parkplatz des Marriott Hotels in Broomfield, Colorado. Angetreten sind drei mit Klebefolie getarnte Q7-Prototypen, dazu gemietete SUV-Konkurrenten der Marken Mercedes, Nissan und Lexus. Ein VW-Touareg und ein Porsche Cayenne, mit dem der Q7 plattformtechnisch einiges gemein hat, sind auch mit von der Partie. Fahrten in unterschiedliche Gebiete der USA, wo Luftdruck und Asphaltmischung differieren, gehören zum Test.

Kaltstart. Winterkorn inspiziert seine Babys. Sind da Vibrationen? Ungehörige Geräusche? Die Abteilungsleiter dackeln hinter dem Chef her. Der Ziehsohn des Kolbengottes Ferdinand Piëch zeigt sich firm bis zur kleinsten Schraube. Wenn er etwas anordne, müsse man verdammt gute Gründe haben, um sich zu sperren, heißt es in Ingolstadt. Wiko denkt Benzin, redet Benzin. Und ließe man ihn zur Ader, könnte man sicher etwas Treibstoff abzweigen, für den Rasenmäher oder so. Winterkorn befindet: Fensterhebermotoren zu lahm, Abdeckung im Kofferraum lose. Ändern! Dann verbeißt er sich in das Tankklappenproblem. Wieder und wieder lässt er die Klappe aufschnappen. Beim Mercedes poppt sie weit vor, beim Lexus immerhin ein gutes Stück. Beim Q7 gerade mal einen Spalt. Er guckt grimmig und misst mit einem Maßstab die Öffnung nach. "25 Millimeter muss die Klappe aufgehen." Yes, Sir! Beflissenes Nicken. Manchmal werden Winterkorns Ordern gleich online nach Ingolstadt gejagt. Während er zurückfliegt, wird schon an der Ausführung gewerkelt.

Das mit der Klappe ist wichtig, sagt Winterkorn. "In den USA werden SUVs oft von Frauen gekauft. Die lieben das Sicherheitsgefühl, das so ein großer Wagen vermittelt. Und die haben mitunter lange Fingernägel. Wenn eine Frau sich beim Tanken die Nägel abbricht, ist sie sauer auf das Auto." Winterkorn schwört auf Finetuning. In der Summe mache das den Erfolg aus. Audi, einst nur echt mit umhäkelter Klorolle auf der Heckablage, ist zur hochprofitablen Perle des VW-Konzerns geworden (2004: 779 441 verkaufte Autos, 871 Millionen Euro Gewinn, plus 7,4 Prozent). Das hat nicht nur mit Imagelifting durch Quattroantrieb oder TDI-Technik zu tun. Auch mit dem Uschi-Test. Uschi ist der Vorname einer 152 Zentimeter kleinen Mitarbeiterin aus der Entwicklungsabteilung. Schafft sie es nicht, die Heckklappe eines Wagens in der weit geöffneten Position zu erreichen, muss etwas geschehen. Zum Beispiel der Einbau eines Elektromotors, mit dem die Klappe tiefer gefahren werden kann. Und dann das olfaktorische Moment! Vor 20 Jahren war Winterkorn bei Audi für Werkstoffe zuständig. Damals begann er, dem Kunststoff die Weichmacher auszutreiben, welche den fiesen Geruch der Billiggurken verströmen. "Heute haben wir ein Nasenteam, das erschnuppert, ob das Auto sympathisch riecht."

Fahrtest. Die Karawane brettert durch einstige Goldrausch-Towns wie Nederland oder Black Hawk. Der Q7 ist schon am Polarkreis und im Death Valley, in Dubai, Afrika und Brasilien geschrubbt worden. Der Wagen tritt relativ spät auf dem SUV-Markt an. Er muss Platzhirsche wie Cayenne, Range Rover, Touareg und Mercedes G 500 annehmen. Am Vorsprung-durch-Technik-Versprechen, das zumal Amis knietief in die Tasche langen lässt, darf kein noch so banaler Schnitzer kratzen. Winterkorn fährt und doziert. In den USA, so zeigten Studien, wollen die SUV-Kunden viele Ablageflächen und ein sanftes Fahrwerk. Deutsche und Engländer mögen es härter. Die Japaner lieben's auf der Straße weich und möglichst lautlos.

Der Mann versteht was von Autos, von Märkten und von Menschen. Von Letzteren aber nur, wenn die sich auch auf Autos verstehen. Wenn ihm einer vorhielte, die Menschheit brauche alles mehr als noch einen Spritsäufer, was würde er antworten? "Dass es nun mal Autofahrer gibt, die einen Pferdeanhänger ziehen oder zum Skifahren in die Berge fahren wollen", sagt er ohne Ironie. "Übrigens ist der Q7 kein Säufer. Die Turbodieselversion mit 233 PS verbraucht etwas mehr als zehn Liter, der 350-PS-Benziner unter 15 Liter."

Zu seinen Zielen gehört es, die Emotionalität der Marke Audi zu stärken. Wie aber erklärt man bitte der Hälfte der Welt, Frauen nämlich, was Blechkutschen mit Gefühlen zu tun haben? Winterkorn wirft einen mitleidigen Blick auf den Beifahrer. Wie kann man nur so ahnungslos fragen? Schweigen. Klapprige Ami-SUVs vom Schlage des Chevrolet Trailblazer ziehen vorbei. Er räuspert sich. "Also, zum Glück gibt es nicht nur Autofahrer, die von A nach B gelangen wollen, sondern auch solche, denen es Spaß macht, in einem schönen Auto zu fahren." Howgh. Da spricht ein Tatmensch. Einer, der das, was er sagt, wirklich meint. Wahrscheinlich muss man sich Martin Winterkorn tatsächlich als glücklichen Menschen vorstellen. Spätestens, wenn das Baby trocken ist.

Wolfgang Röhl print

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