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Steigende Unfallzahlen Risiko E-Bike - die Schattenseite des Booms

Unfall mit E-Bike: Zahl der Unfälle mit Elektrofahrrädern steigt stark an
Komplexes Gefährt: Senioren auf Pedelecs haben oft Probleme mit Vorschub oder Reifenschlupf. Dies führt dann häufig zum Unfall.
Die Zahl der Elektrofahrräder steigt. Und mit ihnen die Zahl der Unfälle. Vor allem Ältere radeln auf den E-Biks gefährlich.
Von Rolf-Herbert Peters

Um 16.25 Uhr passiert es. Ein Radfahrer, 81 Jahre alt, fährt in Dinslaken mit seinem Pedelec auf einer Fußgängerfurt Richtung Oberhausener Straße. Plötzlich schießt er auf die Fahrbahn, knallt gegen einen Renault Captur und wird auf den Asphalt geschleudert. Drei Tage lang ringt er in einer Duisburger Spezialklinik mit dem Tod. Dann stirbt er. 

Warum der Mann völlig unvermittelt, wie Zeugen später berichten, auf die Straße fuhr, kann die Polizei nur raten. Vielleicht hängt es aber mit seinem Rad zusammen. Vielleicht wurde er vom Elektromotor, der ihm beim Tritt aufs Pedal Schub verleiht, nach vorn getrieben. Unfallforscher jedenfalls beobachten das oft. Der Autofahrer hatte keine Chance. 

E-Bike-Unfälle dramatisch gestiegen

Immer häufiger wird die Polizei zu solchen Unglücken gerufen: Pedelec kracht in Pkw. In ein anderes Rad. In eine Fußgängergruppe. In die Böschung. Die Zahl der Crashs, in die Elektroräder verwickelt sind, steigt überproportional stark an. Allein zwischen Januar 2016 und Februar 2017 zählte das
Statistische Bundesamt bundesweit 4239 Fälle mit Toten und Verletzten – knapp ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Rund die Hälfte davon verschuldeten die Radler. 47 verloren ihr Leben, 16 mehr als zuvor. Und: Die meisten Opfer waren im Seniorenalter, wie die Berliner Unfallforschung der Versicherer (UDV) ermittelt hat.

Diese traurige Entwicklung dürfte sich fortsetzen. Rund drei Millionen elektrische Räder sind inzwischen unterwegs, allein 2016 wurden laut Zweirad-Industrie-Verband 605 000 Stück verkauft. Zu 99 Prozent sind es Pedelecs, die auf bis zu 25 Stundenkilometer beschleunigen. Der Verband behauptet, die Zielgruppe werde immer "jünger und sportlicher". Siegfried Brockmann, Chef des UDV, hält das für die halbe Wahrheit: "Tatsächlich werden Pedelecs überwiegend von älteren Personen gekauft. Sonst hätten wir auch kein Problem." 

Diskussion um Helmpflicht

Raserei aber ist bei den Unfällen offenbar selten die Ursache. Der UDV hat mit der Technischen Universität Chemnitz das Mobilitätsverhalten der E-Biker untersucht. Eine Erkenntnis: Die Fahrer sind meist nur zwei, drei Stundenkilometer schneller unterwegs als auf herkömmlichen Rädern. Dafür kämpfen sie mit dem Vorschub, dem Reifenschlupf und den größeren Kurvenradien. Brockmann: "Die kommen geistig oft nicht so schnell mit, wie sie losflitzen." Ab welchem Alter es brenzlig wird, kann Brockmann mangels Datenbasis nur mutmaßen: "Jenseits von 75." Dann verquirlt das Ungestüm des Gefährts mit der Unsicherheit des Fahrers zu einer gefährlichen Melange. Umgekehrt unterschätzten Autofahrer oft das Tempo der Alten. 

Was also tun? Eine neue Länderstudie aus Baden-Württemberg und Thüringen legt nahe, dass eine Helmpflicht helfen könnte. Der Kopfschutz ist jedoch ausgerechnet in der Zielgruppe der Älteren wenig populär. Gerade einmal 12, 13 Prozent tragen ihn freiwillig. Trotz aller Vorteile lasse sich eine Helmpflicht nicht durchsetzen, sagt Brockmann, dafür seien die absoluten Unfallzahlen noch zu gering.

Einen anderen Weg geht man im niederrheinischen Kreis Wesel, wo die Unfallzahlen sogar um 40 Prozent stiegen. Hier versucht die Polizei mit Übungseinheiten für E-Biker auf Schulhöfen und Marktplätzen entgegenzuwirken. Erst Theorie, dann Praxis: anfahren, Slalom, fahren in der Gruppe, bremsen. Laut Verkehrssicherheitsberater Jörg Nitschke fehlt älteren Radlern nämlich oft eins: Erfahrung. "Die sind lange überhaupt nicht Fahrrad gefahren."


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