HOME

75 Jahre Autoradio: Bass, Bass, wir brauchen Bass!

Vor 75 Jahren zog das Autoradio ins Armaturenbrett ein. Aus dem Luxus-Spielzeug für Horch und Maybach ist Massenware geworden: Die einen hören zu, die anderen singen mit - wieder andere föhnen sich vor den Boxen die Haare.

Von Christoph M. Schwarzer

1932: Ein Jahr, bevor Adolf Nazi die Deutschen über den Volksempfänger belästigt, stellt Blaupunkt auf der Funkausstellung in Berlin das "Autosuper 5" vor. Ein großes Röhrenradio für die oberen Zehntausend, die sich zu den seltenen Autos auch einen fahrbaren Unterhalter leisten können. Mit der Massenmotorisierung in den 50er Jahren und der Erfindung des billigen Transistorgeräts entwickelte sich aber nicht nur der mobile Rundfunk. Auch der stolze Lenker mutierte: Vom edlen Herrenfahrer ausgehend splittete sich der Hörer in eine Unzahl von Unterarten und Nebenrassen auf. Schlagersänger, Mitgröler und stille Genießer drehen am Knopf.

Da ist zum Beispiel der stilbewusste Mercedes SL-Fahrer. In seiner weißen Pagode, bevorzugt 280 SL, stimmen nicht nur die dunkelbraunen Ledersitze. Auch das Radio muss das Richtige sein. Weil das alte Ding aber schlechte Töne macht, hilft Freund Potemkin: Unter der originalgetreuen Maske eines Becker Europa Nadelstreifen hockt ein moderner Soundmacher. Eine Freude für den Fahrer, der nach Swing und Beatles auch mal den Walküren-Ritt wagt. Er hört zu und singt nur selten mit.

Anders sieht das beim Werks-High-End-Gerät für Audi Q7-Ritter aus. Egal ob schwerer Diesel oder dicker Benziner, mit dem Zweiknopfradio der 70er für Lautstärke und Frequenz hat das nichts mehr zu tun. Darum firmiert es in der Preisliste auch unter dem Namen "Infotainment". Zum anständigen Geräuschproduzenten gehört selbstverständlich ein farbiges Navigationssystem und der Bedienknopf MMI, dazu der DSP-Sound mit 7-Kanal-Verstärker, elf Lautsprechern mit - Zitat Audi - "hervorragendem Klang" und 180 Watt Leistung. Ganz wichtig: Ohne BOSE Surround Sound läuft nichts, doppelter Subwoofer inklusive. Schnell noch den digitalen Empfang DAB dazubestellt, fertig ist das Wunderwerk. Wenn Elektrogeräte Gefühle hätten, würden sie sicher Depressionen kriegen: Ihr ganzes Potenzial fließt am Samstagnachmittag einzig und allein in die Übertragung der Bundesliga-Konferenzschaltung. Frust fürs Gerät, und möglicherweise auch für die ehrgeizigen Entwickler derselben, die ihre Perlen vor die Säue geworfen sehen.

Es geht um Inhalte, nicht ums Auto

Mehr Freude an der machbaren Leistung haben die Ethno-Hörer. Sie sind technisch weniger aufgerüstet, dafür aber musikalisch: Aus gerne geöffneten Seitenscheiben klingen in der Sommerhitze fremdländische Klänge. Dabei haben sich Großstadtbewohner an türkischen Pop und deren Chorsänger längst gewöhnt. Erst Chinesisches oder Afrikanisches erzeugen im Ohr noch eine gewisse Unruhe, wobei das verbindende Element aller Ethno-Hörer eine offensichtliche Hemmungslosigkeit ist. Die Fahrzeuge variieren stark: Vom neuen 7er-BMW mit 20-Zoll-Chromfelgen bis zum Golf II ist alles dabei. Hier geht es um Inhalte, nicht ums Auto.

Über alle diese Typen kann sich der Normschacht-Fahrer nur wundern. Er fährt, wie der Name sagt, ein Auto, in dem die genormte, klassische Geräteaufnahme entweder serienmäßig installiert ist oder er sie wegen der immer neuen Erfindungen der Autoindustrie nachrüsten musste. So wie sein Radio ist auch er eher durchschnittlich. Ein CD-Player ist okay, das Mitsingen erlaubt, aber bitte nur bei geschlossener Scheibe und nicht an der Ampel, wenn alle gucken. Aus dem Radio kommt privater 08/15-Dudelfunk, und manchmal ruft er beim Sender an und freut sich über seine eigene Stimme im Äther: Hallo, hier ist der Peter, auf der B5 steht wieder der graue Opel-Kombi mit Blitzanlage. Beim jugendlichen Nachwuchs, dem i-Fahrer und der i-Fahrerin, kann er damit keinen Stich landen. Gerade dem Führerschein auf Probe entkommen, muss es ein Toyota Aygo sein. Der i-Pod Nano ist Pflicht, die Bass-Box unter dem Sitz die Kür. Was da aus dem Radio kommt, ist egal. Nur gefallen muss es, wenn der vollbesetzte Kleinwagen zur Disco cruist. Hier wird nicht Cola Light, sondern Cola Zero getrunken. Beliebt sind die Flitzer mit dem aktuellen Stand der Technik auf niedrigem Niveau auch bei jungen Frauen.

Bundesweite Erholung vom Jingle-Stress

Und die jungen Frauen wiederum sind beim Bass-Föhner beliebt. Was vor 15 Jahren im USA-Urlaub noch exotisch war, ist inzwischen auch in Old Europe völlig normal: Dicker Bass, dass die Schreiben dröhnen. Wenn diese Autos vom Schlag des kommenden Dodge Nitro vorbeifahren, bebt die Erde. Musik ist eigentlich gar nicht zu hören. Nur der dumpfe Schlag der Tieffrequenz, und das Auge trifft auf zwei junge Herren, die im Takt nach vorne nicken. Oft haben sie die Anlagen mit viel Geschick und schweren Batterien selbst eingebaut. Der Luftzug vor den Boxen lässt das Herz hüpfen und die Haare trocknen. Vor dem örtlichen Beach Club wird die Heckklappe aufgemacht, und dann sind die Ladies gefragt. Shake it, baby. Für alle Fälle gilt, dass jeder sich dem neuen, alten HiFi-Wahn entziehen kann. Fenster hoch, Bässe raus und bis zur vollen Stunde warten, dann kommt die bundesweite Erholung vom Jingle-Stress: 18 Uhr, hier ist der Deutschlandfunk

Wissenscommunity