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Audi: Spätzünder Amerika

Nach VW und Mercedes will jetzt auch Audi Amerikas Autofahrer bewegen, auf Diesel umzusteigen. Doch die winken in der Regel ab - zu schlecht sind ihre Erinnerungen an den Selbstzünder.

Von Michael Specht

Leise, stark, sparsam, sauber. Das letzte, was einem Durchschnittsamerikaner zu diesen Attributen einfallen würde, wäre "Diesel". In seinen Gehirnzellen werden ganz andere Worte wach: lahm, laut, rußt und stinkt. Zumindest gilt dies für jene, die in den 80er-Jahren ein Dieselmodell hatten oder jemand kannten, der eines fuhr.

Die Hauptschuld am amerikanischen Diesel-Desaster darf wohl dem damals größten Autohersteller der Welt zugeschrieben werden, General Motors (GM). Dessen Marketingleute wollten dem Kunden tatsächlich einen auf Dieselbetrieb umgebauten Achtzylinder-Benziner als Sparvariante andrehen. Im Oldsmobile Cutless beispielsweise leistete der V8 lächerliche 95 PS, im Cadillac waren es maximal 125 PS. Kritiker behaupteten gar, dass dieser Motor das schlechteste Stück Eisen gewesen sei, das GM jemals entwickelt und gebaut habe.

Die Nachwirkungen sind noch heute zu spüren. Das Image des Selbstzünders in den USA ist im Keller. Das belegen auch die Verkaufszahlen. Gerade einmal drei Prozent der Autokäufer entscheiden sich für den Diesel-Pkw, 4,8 Millionen lautet der Bestand. Gegenüber den über 200 Millionen Benziner eine fast homöopathische Dosis.

Beim Diesel den Fortschritt verpasst

Da ist viel Aufklärungsarbeit nötig, aber auch viel Potenzial vorhanden. Denn der Fortschritt, den der Dieselmotor in Sachen Laufkultur, Leistung und Sauberkeit in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat, ist am Amerikaner spurlos vorüber gegangen. Gedanklich tippt er noch auf einer Schreibmaschine, während es längst Laptops gibt.

Russische Mechaniker haben einen Bentley-Panzer aus Luxuswagen und Kettenfahrzeug gebaut.

Der Grund für den niedrigen Dieselanteil in den USA hat aber auch politische Ursachen. In Kalifornien, dem wichtigsten Absatzmarkt für Importautos, und in weiteren vier Bundesstaaten gelten die weltweit strengsten Abgasgesetze, die so genannte LEV II/Bin 5. Sie erlaubt nur einen rund achtmal niedrigeren Ausstoß an Stickoxiden (NOx) als es bei uns die Euro 4 tut. Welcher Hersteller das nicht hinbekommt, darf in diesen Staaten keine Dieselautos verkaufen.

Genau dies aber wollen alle. Besonders die deutschen Autobauer setzen technisch alles daran, die Tür nach Kalifornien aufzustoßen. Als erstem gelang dies im Sommer Volkswagen mit dem Jetta TDI. Mercedes ist seit kurzem mit den drei SUV-Modellen ML-, GL- und R-Klasse als BlueTec-Version vertreten und hofft auf steigende Nachfrage. BMW folgt demnächst mit 3er und X5 (Blue Performance) und Audi will als erstes Dieselmodell seinen Q7 anbieten.

Mileage Marathon als Werbetour

Dafür ziehen die Ingolstädter momentan eine große Werbenummer ab. Ein 13-tägiger, so genannter "Mileage Marathon" soll den Amerikanern die Bezeichnungen "TDI" und "Clean Diesel" näher bringen. 23 auffällig beklebte Dieselmodelle (vom A3 bis zum Q7), besetzt mit Fachjournalisten, Fotografen und Fernsehteams, rollen quer durch den amerikanischen Kontinent. Die Tour verläuft von New York über Detroit, Dallas, Denver und Las Vegas rund 7700 Kilometer im Zickzack-Kurs nach Los Angeles.

Ob die Aktion Früchte trägt, weiß niemand. Zu viel Gegenwind weht den Ingolstädter Autobauern ins Gesicht. Und nicht nur ihnen. Bei der derzeitigen, wirtschaftlichen Lage in den USA haben die Menschen ganz andere Sorgen, als sich Gedanken darüber zu machen, ob der nächste Neuwagen ein Diesel oder ein Benziner wird. So sollen hauptsächlich die wirtschaftlichen Vorteile des modernen Selbstzünders als Kaufargument ziehen. "Gegenüber einem vergleichbaren Benziner sind bis zu 30 Prozent Verbrauchseinsparung drin", sagt Entwicklungsleiter Günter Schiele." Amerikas Umweltbehörde EPA hat gar ausgerechnet, dass täglich 1,4 Millionen Barrel Öl gespart werden könnten, würde nur ein Drittel der Pkw, SUV und Pickups einen Dieselmotor unter der Haube haben. Diese Menge Öl entspricht etwa der Importquote Amerikas aus dem Nahen Osten.

Leider alles blanke Theorie. Um die Attraktivität des Diesels zu steigern, müsste die US-Regierung zunächst einmal den Preis an der Zapfsäule senken. Noch kostet der Sprit nämlich bis zu 80 Cent die Gallone (3,78 Liter) mehr als Benzin. Der Verbrauchsvorteil wird dadurch zum großen Teil wieder aufgezehrt. Und ob der vom Staat gezahlte Bonus für einen Push sorgt, ist eher zweifelhaft. Clean-Diesel-Fahrzeuge erhalten ein Federal Tax Credit von durchschnittlich 1600 Dollar. Profitieren können davon allerdings nur die ersten 60.000 Kunden. Mehr ist im Fördertopf nicht drin.

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