Autoindustrie in der Krise Opel hat fast alles richtig gemacht


Die Automobilbranche steckt in der Krise. Das Beispiel Opel belegt aber deutlich, dass der gängige Vorwurf, die Branche habe den technologischen Wandel verschlafen, nicht zieht. Opel hat die vergangenen Jahre zur Sanierung genutzt und wird nun von der Finanzkrise um den Erfolg gebracht.
Ein Kommentar von Gernot Kramper

Fast alle Auto-Hersteller stecken in der Krise, also muss in der Branche etwas fundamental falsch gelaufen sein. Gerade der deutschen Autoindustrie werden seit Jahren die Leviten gelesen: Die Wagen seien zu groß, zu schwer und hätten zu viel PS.

Die deutschen Premiumhersteller müssen sich auch die Frage gefallen lassen, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, zumindest ein zukunftsfähiges Ökofahrzeug zu entwickeln, als immer neue PS-Ausgeburten auf die Straße zu schicken. Doch auf Sorgenkind Nummer Eins "Opel" treffen diese Vorwürfe nicht zu.

Richtig mag noch sein, dass Opel nicht als der technologische Vorreiter in Sachen Ökologie gelten kann. Einen Erfolg wie Toyota mit dem Hybrid-Antrieb kann man in Rüsselsheim nicht vorweisen. Aber baut Opel riesige Geländewagen? Hat man Acht-, Zehn- oder Zwölfzylinder im Programm? Reibt sich der gemeine Opel an der Schallmauer von 250 km/h? Im Gegenteil: Der Traditionshersteller ist stark bei den Kleinen und Kompakten, bei vernünftigen Minivans und Kombis. Die Krönung der Opelwelt ist der neue Insignia – ein Wagen der Passatklasse. Doch Bescheidenheit schützt nicht vor Schaden.

Einbruch der Kaufkraft

Die Krise der Automobilindustrie ist zunächst keine Folge der Modellpolitik, sondern eine Folge der internationalen Finanzkrise. Weltweit halten die Menschen das Geld zusammen, wenn sie denn noch etwas haben. Diese Zurückhaltung trifft alle Güter, aber am stärksten Anbieter eines sehr teueren Produkts. Und nach dem Hausbau ist ein Auto nun einmal häufig die teuerste Anschaffung im Leben. Ein Vergnügen, dass sich die die meisten privaten Käufer nur zum Preis einer jahrelangen Verschuldung leisten können. Wer sich um den Arbeitsplatz sorgt, in der Angst lebt, sein überschuldetes Haus zu verlieren, den dürfte die Auto-Kauflaune verlassen haben. Einmal angenommen, man wäre selbst in so einer Lage. Wollte man sich dann einen Mittelklassewagen für 40.000 Euro gönnen?

In der Krise verkaufen sich kleinere und billigere Wagen noch am Besten. Ein Beweis für einen ökologischen Mentalitätswandel muss das aber nicht sein. Die Käufer wandern aus finanziellen Gründen ganz simpel von den höheren und teureren Klassen zu den kleineren und billigeren Modellen. Davon können Anbieter kleiner Modelle profitieren, aber am Zusammenbruch des Automarktes ändert sich nichts. Zu Erinnerung: Ein gut ausgestatteter Audi A6 bringt den gleichen Umsatz wie vier (!) Opel Agila. Hier liegt auch eine Chance für Opel. Opel hat die richtigen Modelle im Angebot, die Qualität stimmt auch, ebenso der Preis. Nur das Image hinkt hinterher.

Keine Vorsorge für die Zukunft

In der Industrie sind Fehler gemacht worden. Allzu willig hat man sich dem Boom der vergangenen Jahre hingegeben. Mit einer derartigen Vollbremsung der Autokonjunktur hat in der Branche offenbar niemand gerechnet. Wieso eigentlich nicht? Wer hat da geträumt? Hinzu kommt, dass keine oder zu geringe Rücklagen für schlechte Zeiten gebildet worden. Und völlig zu Recht fragt Porsche-Betriebsrat Uwe Hück jetzt im Deutschlandfunk, wo denn die Gewinne geblieben sind, wenn nach drei Monaten Krise kein Geld mehr da sei. Nur Opel kann man diesen Vorwurf schlecht machen. Zur Erinnerung: erst vor wenigen Jahren wurde bei Opel gestreikt, standen ganze Standorte auf der Kippe. Opel hat die fetten Jahre der Branche genutzt, um einigermaßen wieder auf die Füße zu kommen. Für Milliarden-Polster hat es nicht gereicht. Autogigant Toyota steht nicht wegen des visionären Hybrid-Prius besser in der Krise, sondern wegen der soliden wirtschaftlichen Basis des Konzerns.

Direkt eingreifen kann der Staat beim Problem Kaufzurückhaltung nicht, denn allen Allmachtswünschen zum Trotz: der Staat kann weder alle Bürger reich, noch alle Arbeitsplätze sichern machen. Wichtig ist zu verhindern, dass das Austrocknen der Finanzströme die Autohersteller von der Liquidität abschneidet. Wichtig ist, dass gerade jetzt die Investitionen für die Fahrzeuge von Morgen getätigt werden können. Gefahren gibt es mehr als genug. Etwa, dass deutsche Steuergelder in den Zahlungsströmen der international agierenden Autokonzerne verschwinden. Eine Konzentration allein auf die deutschen Standorte dürfte in der Praxis kaum durchzuhalten sein. Noch problematischer wäre es aber, wenn die Gelder des Staates nicht in die Zukunft investiert werden, sondern in ein "weiter so".


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