HOME

Biker-Nachwuchssorgen: Rentner auf zwei Rädern

Im Frühjahr wird das Motorrad auf Hochglanz poliert und es geht auf die Piste. Immer mehr Herren in gesetztem Alter erfüllen sich den Traum von Freiheit auf zwei Rädern. Mit dieser Kundschaft stimmen die Umsätze der Motorradindustrie. Was fehlt, ist der Nachwuchs.

Von Peter Ilg

Motorradfahren ist ein exklusives Hobby. Eine BMW R 1200 GS kostet in der Grundversion 12.360 Euro. Mit Sonderausstattung und Zubehör können daraus leicht 15.000 Euro werden. Für den Führerschein werden etwa 1200 Euro fällig. Schutzkleidung, Helm, Versicherung und Steuern summieren die Rechnung auf 20.000 Euro. Das schreckt nicht ab, denn die Deutschen lassen sich ihr Hobby etwas kosten. Die BMW R 1200 GS ist kein Schnäppchen, dennoch seit Jahren das meistverkaufte Motorrad in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden von dem Modell 6909 Maschinen verkauft. Insgesamt aber gehen die Verkaufszahlen neuer Maschinen seit Ende der 1990er Jahre kontinuierlich zurück.

Der Trend geht nach unten

Rund 261.000 motorisierte Zweiräder wurden 2007 in Deutschland neu zugelassen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Minus von 5,31 Prozent. Die in den Zulassungszahlen enthaltenen Mofas, Mofaroller, Mokicks und Mopeds bis 50 ccm fielen sogar um über 14 Prozent. Und dies sind die Modelle, mit der die Jugend auf den Geschmack kommen sollte. Die Stars in der Zweiradbranche sind seit Jahren Leichtkraftroller unter 125 ccm. Das liegt mit daran, dass für diese Fahrzeuge eine besondere Regelung gilt: wer seinen Führerschein vor dem 1. April 1980 gemacht hat, darf Zweiräder bis 125 ccm Hubraum ohne zusätzliche Fahrprüfung lenken. Interessant also vor allem für gesetzte Semester von 45 Jahren. Dennoch mussten selbst die Leichtkraftroller 2007 bei den Neuzulassungen ordentlich Federn lassen. Ihr Wachstum halbierte sich auf 6,6 Prozent. Dabei sind die kleinen Klassen immens wichtig für die Branche. Hier sollen die jungen Leute das Interesse am Zweirad finden.

"Früher war das Mofa der Einstieg in die Fahrzeugwelt auf zwei Rädern. Heute ist es der chice Roller", meint Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer im Industrie-Verband Motorrad Deutschland mit Sitz in Essen. Es sind aber nicht nur Jugendliche, die Roller fahren. Der Roller ist für viele Erwachsene "bei den hohen Benzeinpreisen und großen Parkplatznöten in den Städten mehr Zweitwagen als motorisiertes Zweirad", so der Verbandsmann. Nur die wenigsten dieser Käuferschicht werden sich später aber ein Motorrad kaufen. Das ist ein Problem für die Zweiradindustrie.

Verzicht auf den Motorradführerschein

Für den Rückgang der Neuzulassungen bei Motorrädern macht Brendicke die hohen Führerscheinpreise mitverantwortlich. Nach seinen Angaben sind für den Motorradführerschein A etwa 1200 Euro fällig, der A1 kostet um die 800 Euro und der M etwa 400 Euro. Die Regel ist, dass 18-jährige den Führerschein für das Auto machen - der Motorradführerschein ist pure Leidenschaft und Luxus. So verwundert es nicht, dass in allen drei genannten Fahrerlaubnisklassen nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg seit Jahren die Zahlen der Prüflinge rückläufig sind. Im Vergleich zum Jahr 2002 wurden 2006 rund 54.000 weniger Fahrprüfungen für Zweiräder abgelegt. Daran haben die Fahrschulen ordentlich zu knabbern. Die Hersteller der Maschinen hatten bislang Glück, denn sie profitieren von der Enge in den Städten, den steigenden Benzinpreisen - und von den älteren Herren.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

In den 1970er Jahren war der Motorradfahrer im Durchschnitt 25 Jahre alt. Heute ist er um die 42 Jahre. Das hat zum Teil mit der demografischen Entwicklung zu tun, aber auch damit, dass alte Liebe offensichtlich niemals rostet. Die Kinder sind aus dem Haus, das ist abbezahlt, und nun wird an frühere Zeiten auf zwei Rädern angeknüpft. Freiheit pur. Früher stiegen Führerscheinneulinge aufs Bike, weil es weit günstiger als ein häufig unbezahlbarer Wagen war. Ein Zeugnis dieser Zeiten ist der Beiwagen. Heute ist er etwas für Nostalgiker, in den Fünfzigern diente er schlicht als billiger Zusatzplatz. "Studien belegen, dass auch bei Jugendlichen das Interesse an Zweirädern vorhanden ist", sagt Brenndicke. Es müsse nur geweckt werden. Hersteller und Verband haben sich dazu einiges überlegt.

Geschickte Verkaufsförderung

"Ganz easy" nennt Suzuki seine Methode, um Mann und Maschine zusammenzubringen. Das Unternehmen finanziert den Führerschein zum Jahreszins von 6,99 Prozent. Eine Anzahlung ist nicht erforderlich, die Rückzahlung erfolgt in individuellen Raten. Der Zins ist freilich nicht subventioniert. Kunden mit geregelten Einkommen finden weit günstigere Konditionen. Um die vollen Lager zu räumen, gibt es allerdings 400 Euro geschenkt, wenn sich der neue Führerscheininhaber eine der Maschinen kauft, die Suzuki für die Aktion auserwählt hat. Verkaufsförderung tut Not, denn der Absatz läuft allgemein schleppend. Denn nicht nur die Fahrer, auch die Maschinen altern zusehends. Vor 20 Jahren waren alle zugelassenen Motorräder im Schnitt 5,7 Jahre alt. Heute sind die Bikes mit einem Durchschnittsalter von 11,3 Jahren fast doppelt so alt, berichtet Motorradonline.

Die Homepage www.vivalamopped.com ist eine Initiative des Industrie-Verbands Motorrad, zentrales Element der Seite sind Videoblogs. Auf der Seite sollen sich Gleichgesinnte digital treffen. Als ein realer Treffpunkt für zweiradbegeisterte Menschen ist das 1. Internationale Fans & Family Motorradfestival gedacht. Es findet vom 13. bis 15. Juni 2008 am Nürburgring statt und wird wie die Videoblogs vom Industrieverband Motorrad veranstaltet. Hier können Maschinen zur Probe gefahren werden – ob mit oder ohne Führerschein, Hauptsache sie sind danach vom Zweirad begeistert.

Schorsch war das bereits von Kindheit an. Sein Bruder fuhr Motorrad, er selbst hat sein Hobby von der Pike auf gelernt. Mit 16 war er auf dem Mofa unterwegs, zwei Jahre später sattelte er auf eine 450er um, die gedrosselt war. Nach weiteren zwei Jahren war Schluss mit langsam: Schorsch durfte alles fahren, was auf zwei Rädern unterwegs und vor allem schnell war. Das ist der typische Werdegang eines Motorradfahrers. Heute ist Schorsch 38 Jahre, fährt eine 1100er von Kawasaki und ist Vorstand des Motorradclubs Rosenberg. 50 aktive Fahrer hat der eingetragene Verein. Vor zehn Jahren waren es 70. "Wir verlieren mehr fahrende Mitglieder, als wir neue dazugewinnen", klagt der Vereinsvorstand. Im vergangenen Jahr kam nicht ein einziger dazu.

Was die Motorradfahrer aus dem Schwäbischen erleben, ist kein Einzelfall. Es ist die Regel! Der Bikerszene geht der Nachwuchs aus. Schorsch begründet das mit den hohen Kosten für das Hobby und der Vielzahl an Freizeitmöglichkeiten, die es heute gibt. Motorradfahren ist nur eine davon, zudem eine, die oft unbequem sein kann. Mann ist Wind und Wetter gnadenlos ausgesetzt. Warum sollte sich das ein junger Mensch freiwillig antun, wenn es auch deutlich bequemer auf vier Rädern haben kann? Wegen der Lagerfeuerromantik sicher nicht. Hier wird zudem die falsche Musik gespielt: Rap und Lagerfeuer passen schlecht zusammen. Musik aus der Woodstock-Generation schon eher. So erklärt sich scheinbar von selbst, warum die Haare der Biker zwar lichter, dafür deutlich grauer werden.

Wissenscommunity