Die Motorjournalisten "Was haben wir in Nizza schon schlecht gegessen"


Beim Motorjournalisten handelt es sich um eine Eigenzüchtung der Autoindustrie. Hübsche Hostessen, bestes Essen und teuerste Hotels haben aus missmutigen Kleinbürgern leider keine Gentlemen geformt, sondern die Pest auf Rädern. Über Glanz und Elend einer Jetset-Branche.

War einmal ein junger Redakteur, der von seinem Ressortleiter auf eine Autopräsentation nach Saint Tropez geschickt wurde. "Flieg' da mal hin und guck's dir an". Nach Saint Tropez? Wieso denn das, fahren deren Autos nur bei Sonnenschein? Nach dem zweitägigen Trip kehrte er in die Redaktion zurück und meldete Rapport: tolle Location, super Wetter, an jeder Ecke eine nette Hostess mit noch netterem Lächeln, Luxus-Suite und Fünf-Gänge-Menü vom Feinsten – würde mal sagen, unterm Strich ein gelungenes Auto. "Na klasse", sagt der Chef, "du hast es begriffen!"

Heute Paris, morgen Rom oder Lissabon, Sevilla, Monaco, Palermo, Portofino... Motorjournalisten kommen rum. Weil Autohersteller ihre Produkte immer im schönsten Licht darstellen, jetten sie durch die Welt, um an der Costa del Sol, auf Lanzarote oder in der Toskana niegelnagelneue Autos Probe zu fahren. Dort steigen sie in Nobelherbergen ab, die jedem Pauschaltouristen die Tränen in die Augen treiben. Alles für lau, versteht sich. Im Gegenzug erwarten die spendablen Gastgeber aus der Autoindustrie wohlgefällige Testberichte und Bewertungen. Als "Arbeitsgrundlage" liegen üppig ausgestattete Pressemappen auf ebenso üppigen Hotelzimmern – deren Inhalt dann nicht selten Wort für Wort in den Tageszeitungen, Magazinen und Internetmedien der Republik nachzulesen ist. Klingt nach Traumjob. Ist es auch. Doch auch hier hört man Jammern auf hohem Niveau.

Hauptsache: gut futtern

Denn sobald sich zwei Autojournalisten treffen, lautet spätestens der zweite Satz: "Warst du auch in Barcelona? Das war ja mal wieder ein Mist. Erst dackelten wir so einer Fremdenführerin hinterher, wurden abends mit dem Bus durch die halbe Stadt gekarrt und am Ende gab’s in so einem wahnsinnig angesagten Szenelokal nur Finger-Food und Stäbchen-Futter". "Hör bloß auf, letzte Woche in Paris haben wir um neun am Tisch gesessen, aber erst gegen Mitternacht kam das Dessert". Die Damen und Herren aus der Presseabteilung lächeln freundlich, auch wenn vielen der Satz mit den Perlen und den Säuen im Kopf herum geht. Vor allem bei denen, die sich Monate das eigene Hirn und das einiger Agenturen verrenken, um der Präsentation einen originellen, stylischen oder sonst wie besonderen Rahmen zu geben. "Es ist immer dasselbe", klagt es frustriert aus den Event-Abteilungen, "was am Ende interessiert ist, wo, wann und was es zu essen gibt".

Biblische Plage

Tatsächlich ähnelt das Verhalten der Motorjournalisten dem eines Heuschreckenschwarms. In Scharen fliegen sie die Location an, fallen über Buffets und Bars her und ziehen anschließend weiter zum nächsten Termin. Teilweise geht der Kahlfraß so weit, dass auch gleich noch die Minibar im Koffer landet, was allerdings auf dem Röntgenschirm am Flughafen schon mal zu peinlichen Blicken führt. Doch ist das Schamgefühl des Motorjournalisten durch intensives Pampern und Pudern ohnehin weit verschoben. "Jetzt werden wir die mal so richtig schröpfen", lautet einer der Schlachtrufe, mit dem an der Hotelbar die ältesten Cognacs und Whiskys geordert, Zigarren mit geübtem journalistischem Rollgriff aus dem Humidor geschält oder auch mal Reisetaschen mit schmutziger Wäsche in der Hotel-Reinigung abgegeben werden.

Eigenzüchtung der Autoindustrie

Andererseits bekommt jede Autofirma die Journalisten, die sie sich er-dient hat. Die Vorzüge eines Cabrio sind zweifellos besser im sonnigen Süden zu erfahren als im heimischen Siff bei Wind und Wetter. Ein neuer Motor oder zwei zusätzlichen Türen jedoch werden in Cannes nicht besser oder schöner als in Castrop-Rauxel. Ebenso fraglich ist, ob der Motorjournalist alle zwei Stunden gefüttert werden muss, um bei Laune gehalten zu werden. Doch scheinbar hat irgendwer irgendwann irgendwo mal damit angefangen und jetzt traut sich kein Hersteller mehr, das ganze Chi-Chi runter zu fahren. Fahrzeuge erscheinen, so die gängige Meinung der Autoproduzenten, im sonnigen Süden, eingebettet in Nobel-Hotels und garniert mit Gourmet-Tempeln, einfach in einem besseren Licht.

Was zuviel ist, ist zuviel

Was die Damen und Herren Öffentlichkeitsarbeiter dabei gern vergessen. Es gibt neben ihrem eigenen noch knapp 35 weitere Unternehmen, die jedes Jahr neue Autos auf den Markt bringen. Der hauptamtliche Motorjournalist absolviert deshalb in saisonalen Hochzeiten ein Dutzend dieser wahnsinnig außergewöhnlichen Präsentations-Events im Monat, nicht selten da, wo Zöllner und Portier ihn schon namentlich per Handschlag begrüßen. Schon egal ob Mailand, Madrid oder Marbella, das Auto wird durch Location und lukullische Genüsse sicher nicht schöner oder besser, nur schwieriger und zeitaufwendiger zu erreichen.

So sehnen sich Motorjournalisten mehr und mehr nach Vorstellungen im eigenen Lande, nach Harz statt Hazienda und Currywurst statt Cuisine Nouvelle. Doch vermutlich bleibt ihr Hilferuf unerhört und sie werden auch künftig wieder in die Flieger steigen müssen. Und aus irgendeiner Jetset-Ecke Europas wird es klagen: "Was haben wir in Nizza schon schlecht gegessen."

Ralf Rädchen gibt es natürlich nicht, aber der Verfasser möchte auch morgen noch unbeschwert schlemmen und rasen können.

Von Ralf Rädchen

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