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E-Bike-Boom Gefahrenquelle Elektroantrieb


Fahrräder mit Elektroantrieb erobern Deutschlands Straßen. Nicht nur Senioren freuen sich über den Extraschub am Berg. Doch gerade für ältere Menschen können die rasanten E-Bikes zur Gefahr werden.
Von L. Ondreka und R. Strobel

Tobias Hoffstaedter ist eigentlich Fahrradhändler. Doch immer häufiger muss er auch Fahrlehrer spielen. Ganze Seniorenzentren haben schon bei ihm angefragt, um einen Kurs zu buchen. Die Fahrschüler müssen erst vorsichtig üben, Kurven ohne Sturz zu meistern. Denn Hoffstaedter verkauft keine gewöhnlichen Fahrräder, sondern sogenannte E-Bikes. Bei diesen Rädern schaltet sich beim Treten ein Motor dazu, der die Fahrer mit bis zu 25km/h unterstützt. Die Firma von Hoffstaedter heißt "E-Motion Technologies", sie hat sich auf Elektroräder spezialisiert.

E-Bikes haben den Markt für Fahrräder revolutioniert. 2011 wurden in Europa 1,2 Millionen verkauft. Allein in Deutschland waren es 311.000 – Tendenz steigend. Doch bei all der Euphorie über zweistellige Wachstumsraten unterschlägt die Branche eins: Durch Elektroräder kann es auf den ohnehin schon überfüllten Radwegen deutscher Innenstädte gefährlich werden, vor allem für die Hauptkundengruppe – Senioren. 90 Prozent von Hoffstaedters E-Bikes gehen an Radfahrer, die über 55 Jahre alt sind.

"Ich fahr jetzt mit eingebautem Rückenwind", wiederholt Peter Schlangenstein den Werbeslogan der Branche. Vor einem Jahr hat sich der 83 Jahre alte Rentner ein E-Rad gekauft. "Der Motor hat 3 Hilfsstufen, zuschaltbar", wie er stolz verkündet. Er sei zuvor schon Fahrrad gefahren. Doch habe er an Hügeln immer absteigen müssen. "Zu steil!" Mit seinem Elektrorad dagegen fliege er jeden Berg nur so rauf. 2000 Euro habe er sich das "bisschen Bequemlichkeit" kosten lassen.

Höheres Tempo bedeutet mehr Risiko

Doch die Bequemlichkeit wurde für den Rentner schnell zum Risiko: Ende Juli fuhr Schlangenstein auf einem Radweg, als ein Laster aus einer Einfahrt bog und kurz vor ihm zum Stehen kam. Schlangenstein erschrak, zog an den Bremsen seines E-Bikes, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Er kam noch einmal glimpflich davon – mit Abschürfungen im Gesicht und an den Knien.

Gerade im hohen Alter sinke die Reaktionsgeschwindigkeit, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) in Berlin. Mit E-Bikes seien Fahrer wie Schlangenstein schneller unterwegs, ihr Bremsweg werde länger, sie müssten schneller reagieren.

Schon jetzt sterben jedes Jahr 500 Radfahrer bei Unfällen auf Deutschlands Straßen. Die Hälfte der Opfer ist 65 Jahre alt oder älter. "Nun sind noch mehr Unfälle mit Toten und Verletzten zu befürchten", vermutet Brockmann. Der Unfallforscher und seine Kollegen haben einen neuen Forschungsschwerpunkt: Sicherheitsrisiken der Elektroräder im Straßenverkehr.

Mehr Räder auf den gleichen Wegen

In München etwa sind heute 70 Prozent mehr Radfahrer unterwegs als noch vor zehn Jahren. Nun drängeln auch noch die Fahrer von Elektrorädern auf den belebten Straßen und Radwegen an der Isar. Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) schätzt, dass die Hersteller deutschlandweit dieses Jahr 400.000 E-Bikes verkaufen könnten. Der Anteil am Fahrradmarkt werde sich in nur vier Jahren von momentan acht auf 15 Prozent nahezu verdoppeln, hofft der Verband.

Mit steigendem Verkehrsaufgebot und höheren Geschwindigkeiten werden die Gefahren aber nicht nur für Besitzer von E-Bikes größer, sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer. Fußgänger oder Autofahrer rechnen etwa nicht damit, dass Rentner so rasant wie Fahrradkuriere um die Ecke schießen.

"Im Straßenverkehr sind E-Bikes definitiv nicht so sicher wie ein normales Fahrrad", gesteht selbst Branchenvertreter Hoffstaedter. Vor drei Jahren eröffnete der 33 Jahre alte Wahlmünchner im Zentrum der Stadt seinen Laden nur für E-Räder. Heute hat er schon 13 Filialen – deutschlandweit. Dabei hatte der Unternehmensberater vor der Gründung seiner Firma mir Fahrrädern wenig am Hut. Doch Hoffstaedter erkannte rasch das Wachstumspotenzial der Elektroräder: "Anfangs haben wir möglichen Kunden noch fünf Euro gegeben, damit sie sich auf ein E-Bike setzen. Aber sie wollten trotzdem nicht. Heute reißen sie mir die Räder aus den Händen."

Und die Industrie blickt bereits nach vorne: Sie will vor allem das verstaubte Image der E-Bikes als "Rentnerbikes" loswerden und schielt deshalb auf jüngere Kunden. Hoffstaedter will bald "Urban Bikes" verkaufen, noch sportlichere Elektroräder. An Pendler, die rasch vorankommen wollen. Oder an Eltern, die ihren Kindern ein E-Bike kaufen möchten, statt eines Mofas.


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