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Expo 2010 in Shanghai: Kein Plan für den Verkehr

Nie war eine Weltausstellung größer, nie war der Aufwand gigantischer, mit dem eine Weltausstellung vorbereitet wurde. Im Zentrum der Großveranstaltung steht zwar die urbane Mobilität der Zukunft, Lösungen findet man aber nicht.

Lutz Engelke hat sich in den letzten drei Jahren ganz dem Thema Expo verschrieben. Der Chef der Berliner Event- und Veranstaltungsagentur Triad hat Shanghai in den letzten Monaten zu seiner zweiten Heimat werden lassen. Triad hat den zentralen Pavillon "Urban Planet" kreiert, der auf der Expo zeigen soll, wohin die Reise der Weltbevölkerung in den nächsten Jahren geht. "Auf der Weltausstellung werden bis zu 70 Millionen Besucher erwartet", erklärt der gebürtige Ruhrgebietler, "das ist eine gigantische Zahl. Immerhin fünf Prozent davon sollen aus dem Ausland kommen.

Wo würde eine Weltausstellung derzeit einen besseren Platz haben, als in China und hier speziell in Shanghai? Kaum irgendwo anders auf der Welt ist der Boom größer. China schwingt sich auf, zum wichtigsten Einzelstaat der Welt zu werden. Wirtschaft, Bevölkerung, Zuwachsraten und Megacities - nirgends ist der Boost größer als in Shanghai. Zentrales Thema der Weltausstellung ist das Thema urbane Mobilität. So lautet das Motto der Weltausstellung auch vielsagend "better city - better life".

"Die Frage, um die sich alles dreht, wird sein, wie sich eine Stadt der Zukunft organisiert. Bislang gibt es weltweit nur 27 Mega-Citys mit mehr als fünf Millionen Einwohnern", erläutert Lutz Engelke, "doch allein in China werden in den nächsten 30 Jahren 400 Millionen Menschen vom Land in die Städte ziehen." Die zentrale Frage dabei: Wie regeln die Menschen im Alltag von morgen ihre urbane Mobilität? Hat sich der Besucher nach düsteren Zeiten im Urban-Planet-Pavillon erst einmal in die "Road of Solutions", einen Kreisgang rund um eine projizierte Weltkugel, gekämpft, werden Themenkomplexe angesprochen und Fragen gestellt. Doch die Antwort bleibt der "Urban Planet" ebenso schuldig wie große Teile der Expo. Denn außer zwei Elektro-Smarts als realitätsnahe Möglichkeit der lokal emissionsfreien Fortbewegung innerhalb der Städte gibt es wenig Neues zu bestaunen.

Die geplanten Elektrofahrzeuge von Renault-Nissan, ein Audi A1 etron oder das BMW Megacity-Vehicle würden prächtig auf die Expo passen. Doch auch wenn der bayrische MCV eine Woche vorher auf der Automesse in Peking ein großes Thema war - konkretes gibt es aus Shanghai kaum zu berichten. Dabei müht sich die Weltausstellung darum, die urbane Mobilität von Übermorgen in das Messeumfeld zu transformieren. So sind alle Fahrzeuge auf dem Messegelände rein elektrisch unterwegs. Shuttles, Busse und U-Bahnen werden ebenso von surrenden Elektromotoren bewegt wie Lieferdienste oder die Müllabfuhr.

Russische Mechaniker haben einen Bentley-Panzer aus Luxuswagen und Kettenfahrzeug gebaut.

"Das Thema Elektromobilität dürfte hier in zehn Jahren Standard sein", blickt Lutz Engelke auf Chinas Straßen und befürchtet eine fast schon diktatorische Vorgaben im Herzen der riesigen Städte mit mehreren Millionen Einwohnern. Doch wie sich die Menschen von übermorgen mobil in diesen Städten fortbewegen werden, ist mehr als nebulös. Denn bereits auf der vergangenen Weltausstellung im japanischen Aichi vor fünf Jahren gab es visionäre Ideen mit elektrobetriebenen Klein- und Kleinstfahrzeugen. Außer putzigen Bildern von musizierenden Robotern oder fahrenden Eierschalen dürfte den meisten nicht viel im Gedächtnis geblieben sein.

Überhaupt fällt auf, dass sich die Autohersteller im Vergleich zur Expo 2005 in Aichi bei diesem Großevent in China deutlich mehr zurückhalten. Zwar hat der SAIC-GM-Konzern auf der südlichen Flussseite des Huangpu sogar einen eigenen Pavillon, in dem mobile Einzeller gezeigt werden. Unter dem Motto "Take a drive to 2030" wird auf 6.000 Quadratmetern gezeigt, wie die urbane Mobilität der Zukunft mit einem vernetzten Elektroauto, dem "Electric-Networked Vehicle", aussehen könnte. Zudem gibt es das Saubermann-Doppel aus Chevrolet Volt und Chevrolet Equinox mit Brennstoffzelle zu sehen. "Wir zeigen eine Vision vom Autofahren in der Zukunft. Frei von fossilen Brennstoffen, ohne Emissionen oder Unfälle", so Kevin Wale, Präsident der GM China Group, "wir sind stolz, dass wir hierzu die Lösungen in unserem Pavillon auf der Expo 2010 zeigen können."

Das ungewöhnlichste Fahrzeug auf der Weltausstellung ist der SAIC Leaf, der CO2 schluckt und ähnlich einer Brennstoffzelle in Vortrieb umwandelt. Den Rest erledigen ein Solardach und ein Propeller. Technisch erscheint das Ganze mehr unterhaltsam als zielführend. SAIC-Technik-Chef Liu Qihua: "Wir hoffen, dass Mensch und Natur so bis zum Jahr 2030 eine harmonische Koexistenz eingehen können." Im deutschen Pavillon blickt der Besucher auf den VW E-Up und die BMW-Leichtbaustudie Gina. Doch außer denen und den beiden Elektro-Smarts bei Lutz Engelke im "Urban Planet" gibt es wenig Innovatives zu sehen. Im cineastisch unterhaltsamen französischen Pavillon zeigt Citroen mit der Luxuslimousine des Metropolis, dass die automobile Zukunft nicht allein von wenig emotionalen Ein- und Zweisitzern beherrscht werden dürfte. Der französische Maybach verfügt neben opulenter Ausstattung über Allrad- und Hybridantrieb - immerhin. Große automobile Innovationen fehlen übrigens auch für die Fahrzeuge im Umfeld der Messe. So sorgte Volkswagen, seit Jahrzehnten automobiles Schwergewicht in China dafür, dass betagte Taxis gegen neue, gelb lackierte Touran-Modelle ausgetauscht wurden. Doch die werden vorrangig mit normalen Benzinmotoren betrieben. Hybridtechnik können die chinesischen Expo-Besucher immerhin im Buick Lacrosse erfahren. Das amerikanisch-chinesische Kooperationsunternehmen baute die normalen Lacrosse-Modelle eigens für die Expo um.

Stefan Grundhoff/Press-Inform

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