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IAA-Neuheiten: Die neue PS-Lust der Frauen

Die Autoindustrie kämpft seit Anfang des Jahres mit einer Absatz-Schlappe. Während Experten pünktlich zur IAA über Öko-Autos und Kombis als kommende Helden der Straße spekulieren, sollten sie besser eine starke Käufergruppe mit mächtig Lust auf Fahrspaß ins Visier nehmen - die Frauen.

Von Sabine Franz

Frauen kaufen Schuhe, keine Autos. Wer so denkt, hat die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre verschlafen. Betrug die Zahl weiblicher Fahrzeughalter in den 80ern noch 16 Prozent, sind es heute doppelt so viele. "Fast ein Drittel aller Autos, die auf Deutschlands Straßen rollen, gehören Frauen", sagt Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes, Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Macht 14,3 Millionen auf Fahrerinnen zugelassene Autos von 46 Millionen insgesamt. In Wirklichkeit sind es noch mehr, die ihren Wagen aus versicherungstechnischen Gründen über Vater oder Ehemann angemeldet haben.

Damit sind Frauen zum Objekt der Begierde von Autoindustrie und Konsumforschungsinstituten geworden. Kaufkräftig sind sie wie nie zuvor. Wählen ihr Auto passend zur Lebenssituation. Singles sowieso, und auch in einer Partnerschaft sind Frauen an 70 bis 80 Prozent der Kaufentscheide, so aktuelle Erhebungen, beteiligt. Lediglich in einem Fünftel bis Drittel der Fälle ist es der Mann, der bestimmt, welches Modell in die heimische Garage rollt. Der gesellschaftliche Wandel ist endlich bis in die Garage vorgedrungen. Aber welchen Neuwagen wünschen sich Frauen? Ein "Frauenauto"?

Versteht die Auto-Industrie die Frauen?

Ein kindertaugliches Stadtauto? Vor allem was Schickes passend zur Gucci-Handtasche? Wer die allein gültige Antwort kennt, könnte so etwas wie Ikea unter den Autoherstellern werden. Geht aber nicht, zu unterschiedlich tickt das gar nicht mehr schwache Geschlecht. "Auch Frauen drücken ihre Individualität zunehmend über die Wahl ihres Autos aus", erklärt Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes. "Wenn wir Frauen heute mehrheitlich in der Kleinwagen und Kompaktwagenklasse finden, heißt das nicht, dass sie immer da bleiben wollen", so die Expertin. In jüngeren Jahren der Kleine, nach der Familiengründung folgt der Kombi.

Außerdem gibt es weitaus mehr Frauen als noch vor ein paar Jahren, die längerfristig als Single leben, die beruflich sehr erfolgreich sind und annähernd gleich bezahlt sind wie Männer. Sie kaufen Autos, wie das gleichaltrige Männer bislang getan haben. Gerne auch mal ein Spaßauto, zum Beispiel Cabrio oder Sportflitzer. "Es gibt sie, die Singlefrau, Ende 30, mit Bildungskarriere, die den 3er BMW genau so leidenschaftlich gern fährt wie ein Mann", weiß Kortus-Schultes aus ihren Erhebungen. Auch stadttaugliche Geländewagen, sogenannte SUVs, kommen gut an bei Frauen. Die Gründe: gute Übersicht, Größe, Sicherheit und trotzdem Abenteuerfeeling. Schließlich geben 75 Prozent der Frauen an, das nächste Auto solle mehr PS haben und schneller sein. Die Frau von heute lebt eben gern auf der Überholspur.

Design, ergonomische Sitze und Klimaanlage auf der Wunschliste

Und von welchen Kriterien lassen sich Frauen zu allererst leiten? Dass sie vor allem auf Schminkspiegel und beheizbare Sitze stehen, ist jedenfalls reines Vorurteil. Dafür legen sie Wert auf einen Innenraum mit ansprechendem Design und angenehmen Materialien, viel Stauraum und praktische Ablageflächen, eine niedrige Ladekante am Kofferraum, so das Ergebnis von Umfragen der Hochschule Niederrhein. Eine von Aral durchgeführte Studie "Trends beim Autokauf" ergab, dass bei mehr als der Hälfte der Befragten das Preis-Leistungsverhältnis, Verbrauch und Wirtschaftlichkeit den Kaufentscheid beeinflussen. Auch Design, ergonomische Sitze und Klimaanlage stehen auf der Wunschliste weit oben. Und ein bisschen Nostalgie. "Vor allem die junge Kundengruppe ist sehr am Retro-Look interessiert", weiß Doris Kortus-Schultes. Auf der Farbskala wählen Frauen bevorzugt silberne Fahrzeuge, ganz anders als noch vor ein paar Jahren, da waren es blau und rot.

Das Kompetenzzentrum Frau und Auto hat schließlich 2500 Autofahrer und Autofahrerinnen gefragt, wie sie sich auf einen Autokauf vorbereiten. Demnach sind Männer noch immer vom Mars und Frauen von der Venus. Während Männer bis zu zwei Jahre lang Informationen sammeln - in Fernsehen, Internet, Autozeitschriften und Autohäusern, haben Frauen eine kurzfristigere Strategie. "Und die ist sehr intelligent", sagt Prof. Dr. Kortus-Schultes. "Sie zapfen das Know-How aus dem männlichen Freundes- und Bekanntenkreis an, in dem sie fragen 'Was hältst du von dem Modell?'" Und Männer geben ihr Wissen gerne weiter. Der Haken an der Sache: Frauen kämen so mit viel weniger technisch gefestigtem Wissen in den Autohandel. Kortus-Schultes: "Selten haben Frauen ein Lieblingsmodell, sie fragen vielmehr aus ihrem alltäglichen Leben heraus, zum Beispiel 'Ich surfe sehr gern, krieg ich mein Surfbrett da oben befestigt?' Das ist was anderes, als würde man sich über KW und PS austauschen." Wenn der Autoverkäufer nicht gut geschult sei, reagiere er manchmal peinlich berührt über solche Fragen. "Er denkt, die Frau will ihm ihr Leben erzählen, dabei argumentiert sie nur aus ihrer täglichen Nutzung heraus", so Doris Kortus-Schultes weiter. Frusterlebnisse sind dabei vorprogrammiert.

Über drei Millionen VW-Fahrzeuge sind in Damen-Hand

Top-Seller bei Frauen hierzulande sind die Modelle von Volkswagen - über drei Millionen Fahrzeuge sind in Damen-Hand. Auch die Franzosen haben einen prozentual hohen Anteil - Peugeot und Renault machen etwa 40 Prozent Anteil weiblicher Halter unter sich aus. Vielleicht liegt dies bei Renault auch an der Werbung, in der kein harter Kerl den Wagen steuert, sondern Baguettes, Weißwürste und Knäckebrot den Sicherheitsaspekt verdeutlichen. Emotional kommt eben gut, cool fahren können Frauen selbst.

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