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Neu- und Gebrauchtwagen: Die Qual der Wahl

Soll das nächste Auto ein Neu- oder ein Gebrauchtwagen sein? Für beide Entscheidungen gibt es gute Argumente. Wir zeigen Ihnen, worauf Sie beim Kauf besonders achten sollten.

Der rote Audi A4 Avant sieht fast wie neu aus. Sein Lack glänzt in der Sonne. Kratzer sind keine zu sehen, und das Profil der Reifen auf den Alu-Felgen verspricht noch längere Zeit eine gute Haftung. Nur 55.000 Kilometer hat der sechs Jahre alte Wagen auf dem Tachometer, zur Ausstattung zählen unter anderem Automatikgetriebe, Klimaanlage, Sportsitze und Xenonscheinwerfer. 12.400 Euro soll das 150 PS starke Fahrzeug kosten - etwa so viel wie ein fabrikneuer Ford Fiesta mit etwas Sonderzubehör.

Lothar Palm aus Erding bei München ist im Kleinanzeigenteil der "SZ" auf den Audi aufmerksam geworden. Er hat sich den Wagen angeschaut und fing an zu überlegen. Der Audi sieht gut aus, die wesentlichen Fakten passen zu seinen Vorstellungen. Andererseits kalkuliert er auch mit einem Neuwagen, einem Fiesta. Am Ende entschied sich Palm für den Kleinwagen. Der Grund: die fehlende Garantie für den Audi, den er von einem Privatmann gekauft hätte. Im vorbereiteten Kaufvertrag stand der Passus "gekauft wie besichtigt". Das bedeutet, dass ihm bei eventuellen späteren technischen Mängeln des Autos keine Chance zur Reklamation geblieben wäre. Viele Autokäufer stehen vor derselben Entscheidung: Sollen sie einen Neuwagen kaufen oder lieber einen etwa gleich teuren Gebrauchten?

Für den Neuen spricht:

  • Ausstattung und Farbe bestimmt der Käufer selbst;
  • er hat eine gesetzlich vorgeschriebene Garantie (mindestens zwei Jahre);
  • Neuwagen bieten den jeweils aktuellen Stand der Technik. Bei preiswerten Kleinwagen fehlen allerdings oft wichtige Sicherheitseinrichtungen wie der elektronische Schleuderverhinderer ESP, der entweder extra bestellt werden muss oder gar nicht erhältlich ist. Auch ein Radio gibt es meist nur gegen Aufpreis.

Für den Gebrauchten spricht:

  • der hohe Wertverlust eines Neuwagens in den ersten Jahren;
  • der gleiche Preis, den ein Kleinwagen kosten würde, ermöglicht den Einstieg in eine höhere Fahrzeugklasse mit mehr Platz und Komfort;
  • verkauft ihn ein Händler, gilt für den Gebrauchtwagen eine Garantie von mindestens einem Jahr (ausgenommen sind übliche Gebrauchs- und Abnutzungsspuren). Kommt der Kauf eines gebrauchten Dieselfahrzeugs infrage, ist darauf zu achten, dass für den Wagen ein Partikelfilter mindestens nachrüstbar sein muss. Besser ist es, wenn er serienmäßig darüber verfügt. Ist der Filter vorhanden, bekommt der Halter eine von drei Plaketten (grün, gelb oder rot), mit denen in städtische Feinstaubzonen gefahren werden darf. Fehlt der Filter, gilt der Wagen rechtlich als Stinker, es gibt keine der Plaketten, und die Umweltzone bleibt tabu.

Vor der Entscheidung, ob Gebrauchtoder Neuwagen, ist es sehr sinnvoll, sich über ein paar Wochen die Kleinanzeigen in der Regionalzeitung anzusehen, eine Recherche im Internet mithilfe der Gebrauchtwagenportale zu betreiben und Gebrauchtwagenmärkte zu besuchen, die es am Rande jeder größeren Stadt gibt. Etwa die Automeile Höherweg in Düsseldorf, wo der stern Mitte Oktober eine Stichprobe gemacht hat. Hier konkurrieren über 20 Automarken mit mehr als 500 Neuwagen sowie doppelt so viel Gebrauchten. Einige ausgewählte Beispiele belegen die Vielfalt:

  • Das Autohaus Kroymans bietet einen 14 Monate alten Ford Focus an mit jeder Menge Zubehör und gefahrenen 33.200 Kilometern für 10.479 Euro inklusive zwölf Monaten Garantie.
  • Bei VW-Händler Gottfried Schultz steht ein viertüriger Golf Trendline 1,4 mit ABS, ESP, Zentralverriegelung und Klimaanlage für 10.980 Euro. Der Wagen ist vier Jahre alt und ist 63.185 Kilometer gelaufen.
  • Einen Mercedes E 200 mit 73.300 Kilometern und viel Zubehör gibt es bei Toyota-Händler Yvel für 11.440 Euro. Das Auto ist zwar schon sieben Jahre alt, was aber nicht automatisch gegen einen Kauf spricht. Denn es kommt immer auf die persönlichen Bedürfnisse sowie den Zustand des Wagens an.
  • Wer viel Platz braucht, findet bei Peugeot Niederrhein einen drei Jahre alten Renault Grand Scenic für 12 960 Euro. Der Siebensitzer ist gut mit Zubehör ausgestattet, hat ESP, elektrische Fensterheber und eine Garantie.

Zwei Sorgen eint alle potenziellen Gebrauchtwagenkäufer: Welche Macken kommen möglicherweise auf mich zu, und wo hat das Auto Schwächen? Auskunft dazu bietet das Internet. ADAC-Mitglieder finden bei adac.de unter dem Link "Gebrauchtwagen" Testberichte über bis zu zehn Jahre alte Autos mit einer Liste typischer Mängel. Dort ist zum Beispiel zu erfahren, dass der Zahnriemen im Motor eines mehr als vier Jahre alten Volkswagen Passat als typische Schwachstelle gilt. Oder dass ein BMW der 3er-Serie Probleme mit der Elektrik bekommen kann. Auch die allgemein zugängliche Internetadresse autoplenum.de wartet mit nützlichen Tipps für Gebrauchtwageninteressenten und mit Test- und Erfahrungsberichten für die meisten Automarken auf.

Drei Viertel aller Gebrauchtwagen wechseln inzwischen mithilfe des Internets ihre Besitzer. Portale wie mobile.de, autoscout24.de oder auto.de bieten vom Schrotthaufen bis zur Luxuslimousine eine gewaltige Auswahl. Doch weil sich im Internet natürlich auch Betrüger bewegen, ist Vorsicht angebracht. Grundsätzlich sollte das Prinzip gelten: Zug um Zug, Geld gegen Ware. Vorsicht auch vor Lockangeboten: keine weiten Anfahrtswege in Kauf nehmen, alle Vereinbarungen schriftlich festhalten. Sobald auch nur der geringste Verdacht besteht, bei einem Kauf oder Verkauf könnte es nicht mit rechten Dingen zugehen, lieber vom Geschäft Abstand nehmen.

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