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Verbrauchsangaben: Die heimlichen Säufer

Auf dem Papier sind sie genügsam, an der Tankstelle werden sie durstig. Das aktuelle Ranking des ÖkoGlobe-Instituts enttarnt die heimlichen Säufer. Schluckspecht Nummer Eins ist der VW Tiguan, er genehmigt sich in der Praxis fünf Liter mehr als im Prospekt.

Seit Jahren wogt der Streit um den sogenannten Normverbrauch. Eine neue Untersuchung des ÖkoGlobe-Instituts der Universität Duisburg-Essen zeigt erneut, wie weit die offiziellen Ergebnisse von der Realität abweischen. Statt der im Verkaufsprospekt versprochenen 8,3 Liter Superbenzin brauchte der neue VW Tiguan 13,4 Liter. Eine Abweichung von 61,4 Prozent nach oben. Damit führt der Wolfsburger das aktuelle Ranking der Schluckspechte an

Doch er steht keineswegs allein auf weiter Flur. Auf dem Treppchen folgen der Lexus-Hybrid GS 450h mit 60,8 Prozent über der Herstellernorm sowie der Renault Clio 1.5 dCi mit 56,8 Prozent. Im Durchschnitt von 188 ausgewerteten Testwagen lag der Realverbrauch 27 Prozent oder 2,4 Liter zu hoch. Das ÖkoGlobe-Institut wertete für das Ranking die Daten des Fachmagazins "auto, motor und sport" aus, die aus den Testfahrten der Redakteure gewonnen wurden. Die Vergleichswerte taugen daher nicht für einen neuen und besseren Normwert. Sie verdeutlichen aber, dass man im automobilen Alltag mit erheblichen Abweichungen rechnen muss

Dick macht durstig

In den Labortests zur Verbrauchsmessung treten die Autos nämlich nackt an. Also ohne Zusatzausstattungen wie Mittelarmlehne oder Elektromotoren an Sitzen, Spiegeln und Kofferraum, ohne Lederpolster, ohne Navi, ohne Einparkhilfe und – falls sie nicht zur Serienausstattung gehört – sogar ohne Klimaanlage. Der kleine alltägliche Luxus treibt das Gewicht gerne um 150 Kilogramm nach oben. Und weil als Faustregel 0,4 Liter pro 100 Kilogramm angenommen werden können, sind so gleich 0,6 Liter mehr auf der Uhr. Dick hat Durst. Der Tankschock am Ferienschluss liegt aber nicht nur an Mittelarmlehne und Heckscheibenrollo, auch die Insassen selbst und ihr Gepäck schlagen ins Kontor. Wie viele Menschen entsprechen schon einer europäischen Testnorm? Die deckt schließlich nicht nur den 1,92 Meter-Deutschen mit lockeren zwei Zentnern, sondern auch eine zierliche Südeuropäerin ab

Stromverbraucher: Abschalten ist Vorschrift

Unglaublich, aber wahr: Nach Angaben des ÖkoGlobe-Instituts schreibt die EU-Kommission sogar vor, dass "das Heizsystem für den Insassenraum und die Klimaanlage beim Test auszuschalten" sind. Die Stromverbraucher bleiben bei der Verbrauchsmessung komplett unberücksichtigt. Viel Kleinvieh macht hier eine Menge Mist. Pro Stunde würde das Plus beim Verbrauch durch Scheinwerfer 0,15 Liter, durch die Heckscheibenheizung 0,12 Liter und durch den Scheibenwischer 0,15 Liter betragen. Nimmt man die Sitzheizung, einen elektrischen Zuheizer beim Diesel und mehr dazu, können sich diese kleinen Fresser auf 4,8 Liter summieren

Als Vergleichsmaßstab untauglich

Das wissen viele Autofahrer. Sie sind stolz auf ihr Misstrauen und wiegen sich in Sicherheit, denn sie glauben, dass der Normverbrauch immerhin als Vergleichsmaßstab zwischen den einzelnen Autobaureihen taugt. Das aber kann nicht stimmen, wie die extrem unterschiedlichen Abweichungen zwischen Real- und Testverbrauch zeigen. Ist die Rangliste der Rekordabweichler etwa nichts als ein Abbild der Schummelkompetenz der Hersteller? Nein. Es ist der Fahrzyklus selbst, der die Werte zusätzlich verzerrt. Im so genannten "Neuen Europäischen Fahrzyklus" (NEFZ) wird nur für wenige der 1.200 Sekunden auf 120 Stundenkilometer beschleunigt. Ein weltfremder Wert für jeden, der sich außerhalb geschlossener Ortschaften bewegt

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Stattdessen wird viel angefahren, gebremst und still gestanden. Autos, die hier besonders effizient arbeiten, haben einen sehr guten NEFZ-Normwert. Und da hier Hybridautos wie der zweitplatzierte Lexus GS 450h im Test besonders punkten können, reißen sie real eben nach oben aus. Der Dritte auf dem unrühmlichen Siegertreppchen dürfte seinen Misserfolg seiner Kleinwagenherkunft verdanken: Der Renault Clio kommt in der Basisausstattung karg daher. In der Testwagenversion mit vier Türen, Klimaautomatik und vier elektrischen Fensterhebern ist es dann vorbei mit der Herrlichkeit des Messlabors

Normverbrauch erreichbar?

Es bleibt die Frage, warum der VW Tiguan mit dem hochgelobten TSI-Motor so viel soff. Die wahrscheinliche Antwort liegt im Downsizing. Die 1,4-Litermaschine nippt bei sanftem Gasfuß nur wenig aus dem Tank. Tritt man dagegen ordentlich drauf, gilt die alte Weisheit, nach der Turbo zwar läuft, aber auch säuft. Das größte Spritsparpotenzial liegt wie immer im Kopf des Fahrers. Es ist kein Geheimnis, dass es tatsächlich Menschen gibt, die den Normverbrauch sogar unterbieten. Sie disziplinieren sich.

Neuen Schwung wird die Diskussion über die Verzerrungen beim Verbrauch durch Elektroautos und die vielen Spritsparversionen aus heutiger Produktion bekommen. Das ÖkoGlobe-Institut jedenfalls ist sich sicher, dass mit den weltfremden Testbedingungen nicht nur "der Verbraucherschutz mit Füßen getreten wird". Werde etwa beim Elektroauto Strom mit niedrigsten CO2-Emissionen zur Verfügung gestellt – eine Kilowattstunde Windstrom setzt nur fünf Gramm CO2 frei – und "beim Verbrennungsmotor ein falscher, weil zu niedriger CO2-Ausstoß bei der Kfz-Steuer oder den Durchschnittswerten für Neuwagen zu Grunde gelegt, wird die Vermarktung CO2-sparender Antriebe benachteiligt und Innovationen in die Entwicklung und Vermarktung dieser Antriebe gebremst."

Damit Techniken eine Chance bekommen, die den CO2-Ausstoß wirklich mindern, muss die EU, die Verbrauchsnorm realitätsnäher gestalten. Bei der Gelegenheit sollte auch ein Verfahren für Elektroautos entwickelt werden: Bisher weiß niemand, wie man den Verbrauch eines Opel Ampera misst, der die ersten 60 Kilometer elektrisch fährt, bevor er seinen Benziner einschaltet

Von Christoph M. Schwarzer
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