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Winterreifen: Wie Winterreifen funktionieren

Wenn quasi über Nacht der Winter Einzug hält, erwischt es die Autofahrer eiskalt, die noch mit Sommerreifen unterwegs sind.

Von Dirk Vincken

Winterreifen sind Anpassungskünstler, ihre kälteresistente Gummimischung schmiegt sich selbst bei klirrendkalten Minus-Temperaturen perfekt an die Fahrbahnoberfläche

Winterreifen sind Anpassungskünstler, ihre kälteresistente Gummimischung schmiegt sich selbst bei klirrendkalten Minus-Temperaturen perfekt an die Fahrbahnoberfläche

Die Gummimischung der Sommerpneus verhärtet zusehends, wenn sich das Thermometer der Null-Grad-Grenze nähert, Fachleute sprechen von "verglasen". Folge: Der bei höheren Temperaturen so schmiegsame und flexible Sommer-Gummi kann nicht mehr in die Oberflächenstruktur des Asphalts eindringen und sich nicht mehr verkanten und verzahnen, der Reifen rutscht eher durch, braucht länger beim Bremsen und verliert in Kurven schneller den Halt. Und das ist auch der Grund, warum Winterreifen nicht erst aufgezogen werden sollten, wenn Schnee liegt. Denn eigentlich müssten Winterreifen viel treffender Kältereifen heißen. Ihre Mischung, die viel Naturkautschuk und viel vom Reifenhaftmittel Silika enthält, ist auf tiefe Temperaturen ausgelegt und bleibt locker geschmeidig, wenn wir schon längst ohne Mütze und Schal nicht mehr vor die Tür gehen.

Auch ABS und ESP sind mit den falschen Reifen mangels Haftpotenzial schnell überfordert, oft wirkungslos. Selbst Allradfahrzeuge sind auf Sommergummis benachteiligt, denn beim Bremsen nützt der Antriebsvorteil gar nichts. Auf der "weißen Pracht" spielen Winterreifen ihren zweiten Trumpf aus: die Lamellentechnik. Viele Hundert im Profil verteilte feinste Einschnitte verbeißen sich mit dem Schnee und bieten eine überragende Traktion unter solchen Bedingungen.

Um solch ein Szenario zu vermeiden, sollten Sie bereits ab sieben Grad ihre Sommerreifen in den Winterschlaf schicken

Um solch ein Szenario zu vermeiden, sollten Sie bereits ab sieben Grad ihre Sommerreifen in den Winterschlaf schicken

Autofahren wird also, richtig bereift, nicht zur Zitter- und Rutschpartie mit ungewissem Ausgang. Mit guten Marken-Winterreifen, die im Idealfall natürlich neu sind, aber immerhin mit bis zu vier Millimeter Restprofiltiefe noch brauchbar funktionieren, ist das Fahren auf Schnee auch für Ungeübte schnell erlernt. Winterreifen lassen sich bei moderatem Tempo und mit ausreichendem Abstand zum Vordermann wie gewohnt lenken und bremsen. Als grobe Orientierungshilfe und Startschuss für die Winterreifen-Saison nennen Reifenexperten die Sieben-Grad-Grenze: Ab diesem Wert gehören Sommerreifen in den verdienten Winterschlaf geschickt - oder von Oktober bis Ostern.

Warum der Reifendruck so wichtig ist

Hightech im Kältepneu sorgt im Winter für optimale Bodenhaftung. Das funktioniert aber nur, so lange die Reifen mit dem richtigen Fülldruck rollen. Leider verlieren Reifen jedoch mit der Zeit Luft. Auf anfangs leichten, dann zunehmenden Minderdruck reagieren die Reifen dann nicht nur mit höherem Rollwiderstand und steigendem Spritkonsum, sondern mit schleichender innerer Kündigung: Dem Reifen fehlt die stützende Kraft, er "walkt" immer stärker, erhitzt sich stark, löst sich allmählich, zum Schluss schlagartig auf – hohe Unfallgefahr. Also: wenigstens einmal im Monat den Druck am erkalteten Reifen überprüfen. Angaben hierzu finden sich etwa im Tankdeckel oder im Bordhandbuch.

Übrigens: Manche Werkstätten verkaufen gerne Stickstoff-Füllungen für rund fünf Euro je Rad. Denn Stickstoff-Moleküle sind dicker als Sauerstoff-Moleküle und können nicht so schnell durch die Gummischichten entweichen. Wir meinen: Das ist rausgeworfenes Geld. Denn unsere Luft besteht ja zu über siebzig Prozent bereits aus Stickstoff, da bringen die paar Prozent mehr auch kaum noch etwas. Außerdem setzt sich das bequem-fatale Gefühl fest, "ich habe jetzt absolut dichte Reifen, ich brauche nicht mehr zu kontrollieren". Machen Sie doch lieber alle vier Wochen ein bisschen Wintergymnastik: nach dem Tanken mehrfach tief in die Hocke gehen und die Luft am Ventil checken.

Flott, aber nicht beliebig schnell

Winterreifen sind Anpassungskünstler, ihre kälteresistente Gummimischung schmiegt sich selbst bei klirrendkalten Minus-Temperaturen perfekt an die Fahrbahnoberfläche. Dies und die hohe Lamellendichte im Profil (bis zu 1500 feinste Einschnitte im Laufflächenprofil, die den Schnee verdichten und sich an ihm abstützen) bescheren den Winterpneus aber einen ihrer wenigen Nachteile: Sie sind nicht für jede beliebige Höchstgeschwindigkeit tauglich. Was aber keine wirkliche Einschränkung darstellt, immerhin drängen immer mehr Dimensionen auf den Markt, die bis 270 km/h zugelassen sind – das ist Sportwagenniveau.

Winterreifen sind nicht für jede beliebige Höchstgeschwindigkeit tauglich

Winterreifen sind nicht für jede beliebige Höchstgeschwindigkeit tauglich

Wer freiwillig eine Reifen-Geschwindigkeitsklasse wählt, die unterhalb der im Fahrzeugschein eingetragenen Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs liegt, gewinnt übrigens doppelt: Diese Selbstbeschränkung macht sich positiv im Portemonnaie bemerkbar, zudem bieten niedriger klassifizierte Pneus meist höhere Haftungs- und damit Traktionswerte. Die Geschwindigkeitsklasse des Reifens findet sich am Ende der Größenbezeichnung auf der Flanke. Steht dort etwa 195/65 R 15 H M+S, steht das "H" für 210 km/h maximales Tempo. Ein "T" bedeutet 190, ein "V" 240 km/h. Weil das Überschreiten des Limits dem Reifen schadet, ist der Autofahrer verpflichtet, spezielle Aufkleber gut sichtbar im Cockpit anzubringen. Sie geben das Tempo an, das er jetzt höchstens fahren darf.

Welcher Winterreifen ist der richtige?

Wir empfehlen, nur Reifen mit wirklich wintertauglichen Eigenschaften montieren. Das ehemals einzige Gütesiegel namens M+S taugt nicht mehr viel, achten Sie auf die aussagekräftigere stilisierte Schneeflocke: Reifen mit diesem Symbol haben ein weltweit anerkanntes Testverfahren absolviert, das vor allem Bremsweg und Traktion überprüft. Mit dem Erwerb eines aktuellen Markenreifens machen Sie nichts falsch, es muss nicht immer ein Testsieger sein, um gut durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Bei solchen Reifen können Sie auf sehr gute Haftwerte unter winterlichen Bedingungen zählen.

Bis etwa vier Millimeter Restprofiltiefe bieten Winterreifen noch recht brauchbare Ergebnisse

Bis etwa vier Millimeter Restprofiltiefe bieten Winterreifen noch recht brauchbare Ergebnisse

Ausgeklügelte Lamellentechnik – ein Merkmal hochwertiger Winterpneus – ist Standard. Ihr Reifenhändler oder Ihr Autohaus berät Sie zudem zu Fragen der Reifengröße, der zulässigen Geschwindigkeit, der Felgenwahl oder der Einlagerung der Sommerreifen. Und was ist mit den sich unterbietenden Reifen-Schnäppchen beim Baumarkt um die Ecke? Vorsicht: Die Unterschiede zwischen einem Billigprodukt und einem aktuellen Marken-Winterreifen sind enorm, wie Tests immer wieder belegen. Kurze Bremswege oder sicheres Durchkommen auf Schnee und Matsch gibt’s nicht zum Nulltarif. Wer an der Sicherheit spart, zahlt beim kleinsten Blechschaden drauf. Viele No-Name-Produkte (viele aus China) taugen bestenfalls als Anschlagdämpfer von Hafen-Barkassen oder Reifenstapel.

Millimetersache - Reifen nicht bis zum Schluss abfahren

Neue Winterreifen bieten acht bis neun Millimeter Profil. Klar, dass die Pneus dann den besten Schneegriff und optimale Aquaplaningeigenschaften haben. Zwar erlaubt die in diesem Punkt erstaunlich laxe Gesetzgebung, Reifen bis auf 1,6 Millimeter abzufahren, doch ist dies eindeutig zu wenig. Faustregel: Bis etwa vier Millimeter Restprofiltiefe bieten Winterreifen noch recht brauchbare Ergebnisse, dann geht’s mit der Wintertauglichkeit in den Keller. Wechseln Sie also rechtzeitig auf Neureifen.

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