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Fake-Screenshot Mareile wird auf Twitter übel attackiert: "So etwas passiert einem Mann einfach nicht"

Mareile I.
Mareile I. ist eine Frau mit großer digitaler Reichweite – und wehrt sich nun gegen Fake-Screenshots
© privat
Sie ist eine Frau mit großer digitaler Reichweite – und wird seit Monaten online angegriffen. Am Sonntag erlebte sie einen traurigen Höhepunkt. Im Interview spricht Mareile I. über ihre Erlebnisse.

Mareile I. hat in sozialen Netzwerken schon sehr viele Dinge eingesteckt, die sie lieber nicht erlebt hätte. Nahezu täglich wird sie auf Twitter beleidigt, musste Gewaltfantasien gegen ihre Person lesen, hat bergeweise unerwünschte Penisbilder in ihren Postfächern gefunden. Manche Dinge verwundern sie, über andere kann sie nur müde lächeln, hin und wieder wird sie wütend. "Man gewöhnt sich leider an vieles, wenn man als Frau regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs ist", sagt sie.

Doch das, was am Sonntag über Mareiles Smartphone-Display flackerte, stellt alles Gesehene in den Schatten: Ein Account, den sie seit Monaten blockiert hat, verbreitete einen vermeintlichen Screenshot eines Tweets, den Mareile abgesetzt haben soll. Versehen mit einem Hinweis an ihren Arbeitgeber, man möge doch mal über Konsequenzen nachdenken. "Juden sind wie Männer, völlig unnötig und niemand würde sie vermissen", ist dort zu lesen. Getwittert am 16. Mai um 18.15 Uhr von @hoellenaufsicht. So nennt sich Mareile auf Twitter. Jedoch: Sie hat diesen Tweet nie abgesetzt. Der Screenshot ist ein bitterböser Fake.

Mareile reagierte am Sonntag geistesgegenwärtig, speicherte den entsprechenden Beitrag ab. Ein anderer User antwortete, machte deutlich, dass der Screenshot eine Fälschung sei. Kurze Zeit später war der entsprechende Tweet wieder verschwunden. Doch aus der Welt ist das Thema deshalb noch lange nicht. Denn Fakt bleibt: Irgendjemand im Internet stellt gefälschte antisemitische Screenshots her, um der Frau gezielt zu schaden. "Das ist die größte Niedertracht, die ich je erlebt habe", sagt Mareile im Gespräch mit dem stern. "Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten."

Angriffe auf Twitter: "Seit Monaten werde ich online angegangen"

Völlig überraschend kommt die virtuelle Attacke dennoch nicht. "Seit Monaten werde ich online angegangen", sagt sie. Viele Dinge ignoriert sie bewusst, "ich suche nicht nach ihnen, weil ich sie gar nicht sehen will", doch immer wieder werden ihr Screenshots oder Memes mit ihrem Gesicht weitergeleitet. Dann versucht sie sich zu wehren, meldet die Tweets bei Twitter, meist löscht das soziale Netzwerke die Beiträge auch. "Doch gesperrt werden solche Nutzer dann in aller Regel nicht", sagt Mareile. Was dazu führt, dass die Angriffe einfach nicht aufhören.

Nun jedoch will sie entschlossener reagieren. Sie hat mehrere Beiträge bei hassmelden.de angezeigt, einer zentralen Meldestelle für Hatespeech. "Ich will erreichen, dass es heftig etwas zwischen die Hörner gibt", sagt sie. "Damit sich weniger Menschen trauen, so etwas zu tun."

"So etwas passiert einem Mann einfach nicht"

Denn Mareile weiß natürlich, dass "dieses Phänomen nicht nur mich betrifft", im Gegenteil. Sehr vielen Menschen, meist Frauen, ergeht es wie ihr, wenn sie sich online gegen rechtes Gedankengut, gegen Verschwörungstheorien oder gegen Sexismus einsetzen. Die Attackierenden wiederum sind sehr oft Männer, die Frauen dann ganz gezielt angreifen, sich auf ihr Geschlecht, ihre Sexualität oder ihr Äußeres stürzen. "Ich komme nicht umhin zu glauben, dass Misogynie oft der Antrieb ist", sagt sie. Und nennt zur Verdeutlichung das aktuell prominenteste Beispiel in Deutschland: Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Grünen. "Wie man sich gerade an ihrer Person abarbeitet statt an ihren politischen Positionen, das finde ich erschreckend. So etwas passiert einem Mann einfach nicht. Solche Dinge erleben in unserer Gesellschaft nur Frauen." Und Mareile ist eine, die weiß, wovon sie spricht. Nicht nur, weil sie knapp 40.000 Follower:innen auf Twitter hat und aufgrund der digitalen Reichweite oft viel Gegenwind bekommt. Sondern auch, weil sie als Marketingreferentin in einer Landtagsfraktion arbeitet und dadurch tiefgehende Einblicke in die politische Kommunikation hat.

Grünenspitze wählt Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin

Was im Gespräch mit Mareile I. nicht zu überhören ist, ist die Tatsache, dass die Angriffe zwei Ebenen haben. Die eine ist das Gesamtbild, das sich ergibt, wenn man verfolgt, wie Frauen online eingeschüchtert und angegriffen werden. Die andere ist die persönliche – denn "natürlich ist das verletzend, was da geschieht", sagt sie. "Ich begreife einfach nicht, wie Menschen so sein können. Ich bin erschüttert, ich bin wütend. Das kann ich nicht wegdiskutieren. Natürlich macht das etwas mit einem."

Fest steht für Mareile dennoch: Klein beigeben wird sie nicht. Sich auf Twitter abmelden erst recht nicht. Sie sagt: "Ich möchte nicht, dass diese Leute erreichen, was sie erreichen wollen."


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