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"Chaos Communication Congress": Dampfkessel zu Datenschleudern

In Berlin läuft der "Chaos Communication Congress" - das größte Hacker-Treffen Europas. Wenn Tausende Computerfreaks zusammenfinden, geht es dabei oft um Themen gesellschaftspolitischer Tragweite. Und manchmal auch einfach darum, einsame Hackerherzen zusammenzuführen.

Von Markus Wanzeck

Es sei mal wieder Zeit für eine Revolution, sagen die Organisatoren des 24. Chaos Communication Congress (24C3). Und sie meinen das nicht als Aufruf, sondern als Gesellschaftsdiagnose. "Es formt sich der neue Entdeckergeist des 21. Jahrhunderts", verkünden sie in Erinnerung an die Industrielle Revolution vor rund 150 Jahren. "Nanotechnologie, Netzwerke und der Abschied von der Kohlenwasserstoffenergiewirtschaft schaffen vollkommen neue potenzielle Zukünfte. Aus Dampfkesseln werden Datenschleudern, der Geist des Möglichen greift wieder um sich." Der diesjährige Hackerkongress - Motto: "Volldampf voraus!" - soll Aufbruchstimmung und Optimismus ausstrahlen: Die digitale Revolution, na ja, sie ist schon ganz okay. Trotz Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner und anderer staatlicher Überwachungsinstrumente, die erst durch sie möglich wurden.

Der Chaos Communication Congress, der Name legt es nahe, ist eine Veranstaltung des Chaos Computer Clubs (CCC). "Für dieses Jahr erwarten wir bis zu 4000 Besucher", sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Der Kongress ist das größte Hackertreffen Europas. Vier Tage lang, vom 27. bis zum 30. Dezember, versammeln sich im Berliner Congress Center Programmierer, Wissenschaftler und Weltverbesserer, Künstler und Computerschrauber zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Seit 1984 schon lädt der CCC jedes Jahr zum Gleichgesinnten-Treffen. Erst in Hamburg. Dann in Berlin. Immer aber zwischen Weihnachten und Neujahr. Es gibt eine eingeschworene Hackergemeinde, für die der Kongress weit wichtiger ist als diese beiden Fixtermine. Dennoch steht die Veranstaltung jedem offen, der interessiert ist und 80 Euro (35 Euro ermäßigt) für das Viertages-Ticket bzw. 30 Euro (10 Euro ermäßigt) für die Tageskarte investieren mag. Die Szene will sich nicht verstecken - auch wenn manche Hacker, so Kurz, "schon ein bisschen öffentlichkeitsscheu" seien.

Amtssprache Englisch

Über hundert Vorträge werden an den vier Tagen angeboten - aufgeteilt in die Bereiche "Hacking", "Making", "Science", "Society", "Culture" und "Community". Englisch ist die amtliche Sprache des Kongresses, nur wenige Vorträge werden auf Deutsch gehalten. Die Organisatoren erwarten, dass etwa zehn Prozent der Besucher keine deutschen Muttersprachler sein werden. Neben den theorielastigen Vorträgen gibt es auch rund zwanzig Workshops, die zum aktiven Mitmachen einladen: Zerstreuendes wie die "Nintendo Hacking Teatime" etwa oder Lebensqualitätshebendes für den einsamen Computerfreak wie "Geek lifestyling" ("Do's and don'ts for geeks who want to make a serious effort in being accepted by the girls.").

Die Vorträge und Podiumsdiskussionen des 24C3 spiegeln das breite Spektrum zeitgenössischen Hacker-Schaffens wider - diskutiert werden unter anderem:

  • Desperate House-Hackers - How to Hack the Pfandsystem: O-Ton der Veranstaltungsankündigung: "Wie funktionieren eigentlich diese Pfandflaschenrücknahmeautomaten? Wir finden es heraus." Je nach Tatendrang der Hacker-Audienz könnte dem deutschen Pfandsystem also ein Comeback in die Schlagzeilen bevorstehen. (Vortrag, Donnerstag 17:15 Uhr)
  • Spiel, Freude, Eierkuchen?: Immer wieder werden Computerspiele mit gewalttätigen Inhalten für Gewaltausbrüche im realen Leben verantwortlich gemacht: Ein Amoklauf? Kein Wunder, bei dem, was der Täter tage- und nächtelang gedaddelt hat! Der Chaos Computer Club - selbst uneins darüber, was von Gewalt-Computerspielen zu halten sei - möchte darüber auf dem Kongress "eine kontroverse Diskussion jenseits der üblichen Verbotsdiskussion" anregen. (Podiumsdiskussion, Freitag 20:30 Uhr)
  • I know who you klicked last summer: Soziale Netzwerke wie Myspace, Facebook oder StudiVZ liefern eine Reihe interessanter Informationen über ihre Nutzer - ein gefundenes Fressen nicht nur für Stalker, sondern auch für die automatisierte Analyse sozialer Netzwerke. In diesem Vortrag wird gezeigt, wie sich aus Nutzerinformationen nützliche Daten gewinnen lassen. (Vortrag, Sonntag 18:30 Uhr)
  • Chaos Jahresrückblick: Auch wenn das Kongressmotto "Volldampf voraus!" den Blick nach vorne lenkt - ein Jahresrückblick des Chaos Computer Clubs darf auf dem 24C3 natürlich nicht fehlen. Rückschläge für den CCC wie der Bundestrojaner und die Vorratsdatenspeicherung werden ebenso darin vorkommen wie die erfolgreiche Verhinderung des digitalen Wahlstifts in Hamburg. (Vortrag, Freitag 17:15 Uhr)

Der Kongress wird, wie jedes Jahr, ausschließlich ehrenamtlich organisiert. Das Koordinationsteam wird dabei von einem Schwarm "Engel" unterstützt - so heißen die freiwilligen Helfer, die etwa für die reibungslose Tontechnik ("Audio-Engel") oder die Sicherheit des Kongressgebäudes ("Schutzengel") zuständig sind und dabei von erfahrenen "Erzengeln" unterstützt werden. "So ein Ding zu stemmen, ist echt ein Kraftakt für eine ehrenamtliche Organisation wie uns", sagt CCC-Sprecherin Kurz. Dass die Hackerzusammenkunft eine nun schon 24-jährige Tradition hat, sei allerdings hilfreich, ergänzt ihr Kollege Frank Rosengart: "Der Kongress ist inzwischen so eingespielt, dass viele Kleingruppen ihr Ding unabhängig voneinander durchziehen." Vieles funktioniert von allein. Sich selbst organisierendes Chaos - vier Tage lang zumindest kann das gut gehen.

Da der Kongresstermin dieses Jahr größtenteils auf ein Wochenende fällt, könnte es eng werden im Berliner Congress Centrum. Schon beim letztjährigen Kongress war der Kuppelbau am Alexanderplatz an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Für die nächsten Jahre sei der Chaos Computer Club bereits auf der Suche nach einem geräumigeren Veranstaltungsort, sagt Rosengart. Allerdings: In Berlin sei das gar nicht so einfach. Da gebe es nicht viel in der Größenordnung. Das ICC vielleicht, in dem auch Rock- und Popgrößen wie Bruce Springsteen oder Prince samt Konzertpublikum Platz finden. Rosengart könnte sich das durchaus vorstellen - unter Umständen: "Kurz, bevor das ICC abgerissen wird, das wäre schon was. Dann müssten wir nach dem Kongress nicht mehr aufräumen."