AMD-Fabrikeröffnung "Ohne Dresden wären wir nichts"


Der Computerprozessor-Hersteller AMD hat in Dresden seine zweite Fabrik eröffnet. stern.de hat Intels Erzrivalen besucht, als das Werk gebaut wurde.
Von Karsten Lemm und Dirk Liedtke

Für Jörg-Peter Weher ist es nur ein roter Tupfer mit dem Textmarker, für die amerikanische Computerchip-Firma AMD markiert er einen wichtigen Fortschritt ihrer neuen Fabrik (Fab 36) in Dresden: Der Betriebsleiter kennzeichnet auf einem Grundriss der Anlage jede neu aufgestellte Produktionsmaschine. J. P. , "dschäy pi", - Kollegen reden ihn mit den Initialen seines Vornamens an - ist zufrieden. Die roten Punkte werden mehr: Dutzende sündhaft teure und extrem empfindliche Spezialmaschinen aus Japan, Österreich und den USA sind pünktlich in Dresden eingetroffen.

Seit April jagt AMD testweise die ersten Siliziumscheiben durch den komplexen Produktionsprozess. Die Scheiben von der Größe einer Langspielplatte werden mit Metallen bedampft, mit Laserlicht bestrahlt, in Säurebädern geätzt - über 500 Produktionsschritte durchlaufen sie. Dabei entstehen die winzigen Strukturen und Leiterbahnen von Prozessoren, wie sie als "Rechenhirn" in jedem PC stecken. Mindestens 128 Prozessor-Platinen passen gleichzeitig auf eine Scheibe. Danach werden sie herausgeschnitten und jede in ihr Gehäuse eingebaut - fertig, um später einmal in einem Computer zu arbeiten, der zum Beispiel bei Lidl steht.

Zwei Chipfabriken in "Silicon Saxony"

"Silicon Saxony", Silizium-Sachsen - so heißt die Gegend um Dresden in der Elektronikbranche: Ähnlich wie im kalifornischen "Silicon Valley" haben sich rund 170 Firmen angesiedelt, die mit der Herstellung von Mikrochips zu tun haben. Mehr als 15.000 Menschen schufen dort mit ihrer Arbeit im vergangenen Jahr rund zwei Milliarden Euro Umsatz. Das Herz des digitalen Sachsens schlägt schon seit Jahren bei AMD (die Abkürzung steht für Advanced Micro Devices). Eine Chipfabrik produziert bereits, die neue ist jetzt, Mitte Oktober, eingeweiht worden. Insgesamt werden 1000 Menschen dort beschäftigt sein.

Der "Reinraum" der Anlage, Kern des Ganzen, ist groß wie ein Fußballfeld. Die Lautstärke ist gedämpft, gleißend strahlt künstliches Licht. Riesige Filteranlagen entfernen so viele Staubkörner wie möglich aus der Luft, denn während der Produktion ruiniert bereits ein einziges Körnchen die feine Oberfläche der Chips. Die Arbeiter tragen Schutzanzüge, damit weder Hautpartikel noch Kleiderfasern die Atmosphäre verschmutzen. Selbst ein forscher Schritt verstößt gegen die Regeln - er könnte Reststaub aufwirbeln.

"Ohne Dresden wären wir nichts"

Alle Prozessoren von AMD kommen aus Dresden. "Ohne Dresden wären wir nichts", sagt AMD-Chef Hector Ruiz. 2,4 Milliarden Dollar kostet die neue Fabrik, die von Januar an weit über zwei Millionen Chips pro Woche ausspucken kann.

Auf Dresden kommt es an: Es geht um die Zukunft von AMD - und das nicht nur technologisch. Denn die Firma hat seit Jahrzehnten das gleiche Problem: Ein anderes Unternehmen ist mit riesigem Abstand Erster im Markt - Intel. Als AMD in das Prozessorgeschäft einstieg, baute die Firma lediglich Intel-Chips nach und brachte sie zu Schleuderpreisen auf den Markt. "Intel inside" kannte jeder PC-Käufer - an AMD haftete der Makel des Imitators.

Bis heute ist es David nicht gelungen, Goliath ernsthaft in Bedrängnis zu bringen: In acht von zehn PCs steckt ein Prozessor von Intel. Und das, obwohl David technisch längst eigene Wege geht. "In vielerlei Hinsicht sind AMD-Chips denen von Intel überlegen", sagt Kevin Krewell, Chefredakteur des Fachblatts "Microprocessor Report", und viele Branchenexperten teilen seine Ansicht. Warum also kommt AMD über einen Marktanteil von etwa 15 Prozent nicht hinaus?

Attacke gegen den Konkurrenten

Die Antwort sieht Hector Ruiz in bösem Foulspiel: "Intel missbraucht ein Monopol", zürnt der AMD-Chef, "das sind knallharte Hunde!" Und die sollten an die Leine. AMD hat im Juli dieses Jahres Klage eingereicht und seinem übermächtigen Konkurrenten vorgeworfen, ihm mit allen Mitteln zu schaden. PC-Hersteller wie Dell, Sony und Toshiba sollen mit "Loyalitäts-Rabatten" und direkten Millionenzahlungen dazu gebracht worden sein, ausschließlich Intel-Prozessoren zu kaufen. Firmen, die AMD-Rechner ins Programm nehmen wollten, seien "ernste Konsequenzen" angedroht worden, heißt es in der 48-seitigen Klageschrift, die sich stellenweise liest wie ein Mafia-Krimi.

Man habe ihm "eine Pistole an den Kopf gesetzt", klagt da etwa der Ex-Compaq-Vorstand Michael Capellas, damit er sämtliche AMD-Aufträge storniere. Der Chef der deutschen Computerkette Vobis soll auf der Cebit-Messe in Hannover genötigt worden sein, ein AMD-Plakat zu entfernen - sonst würden sofort alle Intel-Lieferungen an den Vobis-Partner Yakumo eingestellt. Der Manager eines weiteren Herstellers fühlte sich nach einer Abreibung durch Intel-Vertreter "wie zu Guacamole zerquetscht", einer Avocadocreme.

Harte Bandagen

Intel ist bekannt dafür, mit harten Bandagen zu kämpfen: "Nur die Paranoiden überleben", überschrieb der langjährige Firmenchef Andy Grove seine Memoiren. Und vor kurzem urteilten Wettbewerbshüter in Japan, dass Intel zu unsauberen Mitteln greife. Der Chipgigant akzeptierte das Urteil, weist die Vorwürfe in der Klage von AMD aber weit von sich: "Wir respektieren die Gesetze", sagt Intel-Boss Paul Otellini. "Wir konkurrieren hart, aber fair."

Ob das stimmt, untersuchen die EU-Wettbewerbshüter: Im Juli 2005 sammelten sie bei vier europäischen Intel-Zentralen Unterlagen ein, auch bei der in München. Der Mediamarkt und andere Intel-Partner mit Exklusivverträgen bekamen Besuch von den Monopolwächtern.

"Alles oder nichts"

Bewiesen ist noch nichts. Vom Ausgang der Klage hängt für AMD womöglich das Überleben ab. Wenn es dem kleinen Rivalen nicht gelingt, exklusive Intel-Kunden wie Dell oder die Metro-Ableger Saturn Hansa und Mediamarkt für sich zu gewinnen, notfalls auch mit Schützenhilfe der Gerichte, dann könnte AMD sich dort wiederfinden, wo die Firma schon einmal stand: ganz nah am Abgrund. Nach dem Ende der New Economy häufte AMD zwei Jahre lang Verluste von insgesamt 1,8 Milliarden Dollar an. "Da ging es um alles oder nichts", räumt Ruiz ein. Ein von AMD zum ersten Mal komplett selbst entwickelter Chip namens "Opteron" rettete im Frühjahr 2003 die Firma. Denn mit dem Kraftprotz konnte AMD in das lukrative Geschäft mit Netzwerk-Computern einsteigen, wie sie Unternehmen verwenden - so genannte Server. 2004 machte AMD mit dem Opteron und einem weiteren Chip, dem Athlon 64, erstmals seit drei Jahren wieder Gewinn.

Der Erfolg der beiden Prozessoren hat viel damit zu tun, dass sie eine Zeitenwende einläuten: Derzeit verarbeiten die meisten Chips ihre Befehle in Datenhäppchen von 32 Bit- das heißt, bei jedem Rechenschritt saust eine Folge von 32 Einsen und Nullen gleichzeitig durch den Prozessor. Die Zukunft aber gehört der überlegenen 64-Bit-Technik. Bei diesem Quantensprung gelang es AMD erstmals, seinen Rivalen technisch zu überholen. Das Resultat: In wenigen Monaten wurde der Billighersteller zum respektierten Partner von Weltmarken wie IBM, Sun, HP und Microsoft. "Zum ersten Mal in der Geschichte kopiert Intel unsere Technologie", sagt AMD-Chef Hector Ruiz und lacht vergnügt. Nicht laut und übermütig, sondern nur still in sich hinein, wie es seine Art ist. Der 59-jährige gebürtige Mexikaner sitzt in einem schmucklosen Konferenzraum bei AMD in Austin, Texas - ein unauffälliger, freundlicher, nicht besonders groß gewachsener Mann mit Halbglatze und kantiger Brille, der mit leiser Stimme spricht und Zurückhaltung predigt.

Ein ungleicher Kampf wird es trotz AMDs jüngster Erfolge noch lange bleiben: Intel nahm im vorigen Jahr gut 34 Milliarden Dollar ein und machte 7,5 Milliarden Gewinn. AMD kam auf fünf Milliarden Dollar Umsatz, wovon lediglich 91 Millionen als Gewinn übrig blieben. Das nächste Schlachtfeld steht aber schon fest: so genannte Dual-Core Chips - sie vereinen zwei Prozessoren in einem Gehäuse und werden dadurch noch viel schneller. Experten sehen den frechen Herausforderer weiter im Vorteil: "Technologisch liegt AMD immer noch ein, zwei Jahre in Führung", sagt der Analyst Nathan Brockwood von der Unternehmensberatung Insight 64.

"Made in Dresden" - wie lange noch?

Eigentlich gute Aussichten für AMDs neue Fabrik in Dresden. Dass die Amerikaner so an Sachsen hängen, liege nicht nur an den 544 Millionen Euro, die der Staat zu den Baukosten dazugeschossen hat, sagt Hector Ruiz: "Selbst wenn man uns genau die gleichen Bedingungen in New York oder Singapur versprochen hätte - wir hätten uns trotzdem wieder für Dresden entschieden." Warum? "Wir haben dort ausgezeichnete Mitarbeiter - hoch motiviert, sehr gut ausgebildet, und sie arbeiten hart."

Aber ausgerechnet in Singapur sollen ab dem nächsten Jahr AMD-Prozessoren bei einem Auftragsfertiger vom Band laufen. Das unsichtbare Label "Made in Dresden" tragen künftig nicht mehr alle Athlon- und Opteron-Chips. Der Anfang vom Ende der AMD-Erfolgsstory im Silicon Valley von Sachsen?

Der AMD-Chef sieht darin keinen Widerspruch. Er will schnell neue Kapazitäten schaffen. Sollte der Appetit der Welt auf AMD-Chips groß genug werden, könnte Hector Ruiz sich sogar vorstellen, in Dresden eine dritte Fabrik zu bauen: "Mit unserem Erfolg wird auch der Zeitpunkt kommen, an dem wir mehr Fertigungskapazität brauchen", sagt er, "und ich sehe nichts, was uns davon abhalten könnte, in Dresden zu expandieren."

In der neuen Fab 36 wird J. P. Weher indes Anfang Dezember die letzten roten Punkte auf dem Plan in seinem Büro markieren. Dann wird der nächste Schwung Maschinen in Dresden angeliefert, damit die Fabrik die Serienproduktion hochfahren kann.


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