HOME

Scheibes Kolumne: Gartenarbeit gegen iPod

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe ist besorgt: Seine Kinder kleben den ganzen Tag an der Elektronik. Spielen am Notebook, Daddeln am iPod touch, nun auch noch Ballern an der PSP: Gibt es denn nichts anderes mehr als Elektronik? Papa Scheibe verordnet klassische Gartenarbeit gegen den digitalen Overload.

Bei uns im Haus bin ich für die Medienerziehung zuständig. Ich war immer der Meinung, dass es wichtig sei für die Kids, sich mit dem PC auszukennen, die "großen" Filme gesehen zu haben und mitsprechen zu können, wenn es um die modernen Spiele von heute geht.

Die Kinder sind denn auch ausgestattet mit einem Notebook für die Schularbeiten und die Online-Recherche, einem Nintendo DS zum Spielen und einem iPod touch zum Musik hören und sinnvolle-Apps-nutzen. Den iPod touch finde ich persönlich super, weil die Programme nur noch Cents kosten - und nicht mehr 20 bis 40 Euro pro Stück. Zumal es jeden Tag neue Apps gibt, die im Rahmen einer Aktion verschenkt werden.

Was dem Nachwuchs leider fehlt, ist der verantwortungsvolle Umgang mit der Elektronik, wie die Beste aller Ehefrauen schnell anmahnt: "ICH hab die Kinder nicht mit dem Kram versorgt." Denn die Kinder nutzen den iPod touch nicht, um darauf virtuelle Taschenrechner, mathematische Formelsammlungen und automatische Vokabel-Übersetzer zu speichern, wie ich das als Schüler machen würde. Der Sohn spielt Spiele, die Tochter guckt Filme, die sie sich im AppStore gekauft hat.

Das gleiche am Notebook. Die Tochter chattet rund um die Uhr, der Sohn saugt sich Musik aus dem Netz - legal, darauf habe ich immerhin ebenso geachtet wie auf eine automatische Kindersicherung im Hintergrund. Schade, dass die Rechner nicht genau so intensiv genutzt werden, um Fakten für die Schulhausaufgaben zu recherchieren. Da höre ich immer nur: "Gab's nix im Netz zu." Was? Nix zum zweiten Weltkrieg? Nichts übers Sommerloch? Nix zum Thema Hauptstadt von Deutschland? Ist ja nen Ding!

Nun hat sich der Sohn vom eigenen Geld auch noch eine PSP gekauft - gegen die Empfehlung der Eltern und vor allem des Papas. Na super. Jetzt sind wir ja doch wieder im Bereich, wo die Spiele richtig teuer sind. "Aber wenn doch fast alle Klassenkameraden auch eine PSP haben..." höre ich. Und ich dachte, die PSP wäre sogar noch töter als die vielen Zombies, die in den modernen Spielen durchs Bild laufen.

Wer spielen will, muss arbeiten

Keine Frage: Etwas läuft gerade schief. Die Kinder wechseln von einer Elektronik zur anderen, haben nur noch den Bildschirm vor Augen. Und sind pampig und missgelaunt, sobald die Spielzeit mal vorbei ist. Bei befreundeten Familien kam es schon zum Eklat und die Elektronik wurde komplett eingezogen. Wir überlegen, sie einzusammeln und nur noch stundenweise herauszugeben.

Bis wir das umsetzen, habe ich etwas anderes ausprobiert: Gartenarbeit. Mein Sohn war völlig blank, weil er sich doch die PSP gekauft hat - vom gehorteten Zeugnis-, Taschen- und Omi-Geld. Dummerweise fehlte ihm aber ein Spiel für seine PSP, daran hatte niemand gedacht. Also wollte er sich das dafür nötige Geld verdienen. Ich schickte ihn in den Garten, um den Teich aufzuräumen. Der wuchert seit zwölf Jahren unbeachtet vor sich hin und soll schon seit Ewigkeiten einmal von Unmengen Pflanzen und stinkendem Schlamm befreit werden.

Angesichts der Aussicht, sich vom Erlös der Arbeiten ein Spiel kaufen zu können, schnappte sich der Nachwuchs die große Astschere, kleine Gartenscheren, Spaten, Harken und anderes Werkzeug - und legte los. Zusammen mit einem Freund versuchte er das Chaos anzugehen. Ich gab ihm eine halbe Stunde bis zur Aufgabe, wurde aber überrascht. Den ganzen Tag werkelten die Jungs im Garten und stapelten ohne Fremdhilfe hüfthoch Steine und Kraut.

Irgendwann ging ich zum Teich und meldete, dass das Spiel inzwischen verdient sei, aber die Jungs winkten ab. Sie seien noch nicht fertig. In den kommenden Stunden beschnitten sie auch noch die umliegenden Bäume, mähten den Rasen, sammelten verstreutes Spielzeug ein und schafften die Botanik mit der Schubkarre auf den Komposthaufen. Die Elektronik war vergessen, stattdessen ging es plötzlich darum, wer den dicksten Ast abgeschnitten, den größten Blutegel gefunden oder am meisten Muskelkater hatte.

"Morgen machen wir weiter, Papa", sagte der Sohn am Abend, nachdem er den Kühlschrank-Inhalt weggefressen hatte. "Es ist noch viel zu tun". Na, da will ich mal nicht im Weg stehen. Die PSP liegt derweil unbeachtet in der Ecke. Gut so.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania