HOME

Scheibes Kolumne: Kids machen Zeitung

Die Kinder von heute sind dumm und spielen nur am Computer. Denkste! In Falkensee, Brandenburg, basteln bereits Zweitklässler an einer professionellen Schülerzeitung, deren Beiträge alle am Computer entstehen. Stern.de-Kolumnist Scheibe begleitet das Projekt.

Viele Eltern sind entrüstet und lehnen es ab, ihre Kinder an den Computer zu setzen: "Die sitzen doch eh schon den ganzen Tag vor der Glotze". Dass es durchaus einen Unterschied zwischen dem Fernseher und dem Computer gibt, möchten viele Erziehungsberechtigte nicht wahrhaben. Wie denn auch, wenn in den Medien immer nur von blutrünstigen Metzelspielen die Rede ist, die Kinder bereits im zarten Alter vor dem Bildschirm verrohen? Da die meisten Eltern nur wenig Ahnung vom Rechner haben, verbieten sie ihren Kindern lieber pauschal das Tastenklopfen am Computer. Es bringt ja eh nur Nachteile mit sich.

Es wird etwas getan

Dass sich der Computer durchaus bereits von Sieben- und Achtjährigen kreativ einsetzen lässt, beweist ein neues Projekt an der Brandenburger "Europaschule am Gutspark", die in Falkensee ansässig ist - mitten im Speckgürtel am Rande der Hauptstadt Berlin. Schulleiterin Regina Elsholz ist für neue Ideen immer zu haben. Auch die Eltern werden eingespannt, um gemeinsam mit den Lehrern etwas für die Bildung der Kinder zu tun. Konnte das Land Brandenburg beim letzten PISA-Test nicht unbedingt überzeugen, so soll nun zumindest in Falkensee im Kleinen versucht werden, der Bildungsmisere etwas entgegenzusetzen. Inzwischen gibt es 17 Arbeitsgemeinschaften an der Schule, die von den Kindern der ersten bis sechsten Klasse kostenfrei besucht werden dürfen. In den AGs, die meist einmal in der Woche stattfinden und ein bis zwei Stunden dauern, lehren Eltern und Lehrer Englisch, das Aquarellmalen, Stepp-Aerobic, Fußball, Karate, Blockflöte und Handball. Zwei Computer-AGs beschäftigen sich mit der Textverarbeitung Word und mit dem Internet. Und in einer neuen AG geht es um die Produktion einer Schülerzeitung.

Endlich mal wieder Schülerzeitung machen

Diese AG leite ich. Als Publizist aus Leidenschaft konnte ich nicht anders, als mich um diesen Job zu "bewerben", nachdem die Schulleitung den Wunsch zum Ausdruck brachte, doch mal wieder eine "Schülerzeitung" zu machen. Der letzte Versuch wurde zu Grabe getragen, nachdem die anleitende Lehrerin in den Schwangerschaftsurlaub gegangen war. Ich verfasste einen ersten Zettel mit den Kerndaten der AG und bat um rege Beteiligung der Schüler. Den Zettel ließ ich über die Schule an alle Kinder und Eltern verteilen. Eine Woche später saß ich bereits im Klassenraum A, der für solche Aktivitäten immer wieder sehr gerne verwendet wird. Ich rechnete mit Kindern aus den Klassenstufen 5 und 6. Ich konnte es mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Kinder aus den Klassen 3 oder 4 überhaupt dazu in der Lage seien könnten, einen richtigen Artikel zu schreiben. Denn ich wollte einmal nicht die übliche Schülerzeitung aus zusammengeklebten Witzchen und simplen Lehrersprüchen zimmern, sondern eine richtige "Tageszeitung für die Schule" fertigen, in der die wichtigsten Aktivitäten der Schule journalistisch begleitet werden.

Die Kinder können's

Meine AG besteht heute - ein halbes Jahr später - aus einem Dutzend Kindern. Die fünften und sechsten Klassen haben sich bislang noch nicht blicken lassen. Unsere Schülerzeitung wird stattdessen von den Kindern der dritten und vierten Klasse bestritten. Auch zwei Zweitklässler sind dabei. Es ist erstaunlich, mit welchem Feuereifer diese doch noch sehr jungen Kinder bei der Sache sind. Schnell sind da neue Artikelideen gefunden. Henrik fällt beim Kippeln mit dem Stuhl um - schon schreibt Max einen Artikel über die Gefahren an der Schule. Beim Fasching kam ein Lokalmusiker mit seiner mobilen Disco vorbei - Malte berichtet exklusiv für die Schülerzeitung. Florence geht mit den Eltern ins Museum of Modern Arts (MoMa) und schreibt wie selbstverständlich einen Artikel für die Schülerzeitung. Stolz bin ich schon, wenn die Viertklässlerin Florence mit ihrem Bruder Amadeus und ihren Freundinnen Christine und Cara nicht nur die "Kinder-Uni" der Humboldt-Universität besucht, sondern mir auch gleich noch ein zweiseitiges Interview mit einem Professor mitbringt. Thorge aus der dritten Klasse, der ein Buch nach dem anderen verschlingt, beginnt seine Artikel immer mit "Hallo Freunde", um dann über Vogelnistkästen, neue Bücher oder über ein selbstfabriziertes Kinderhoroskop zu schreiben. Henrik verfasst nebenbei einen 8.000-Zeichen-Artikel über seinen Judo-Sport, der auch von einem 20-jährigen hätte geschrieben sein können.

"Das schreiben die nicht selbst"

"Nie im Leben haben die Kinder diese Artikel selbst geschrieben", bekomme ich immer wieder zu hören. Doch, das haben sie. In der AG gehen wir die Ideen für neue Artikel durch. Die Kinder schreiben die Artikel dann völlig autark zu Hause auf dem Computer der Eltern. Ich bekomme die Artikel dann ganz modern per E-Mail zugeschickt. Sind sie mir zu kurz oder zu "wuschig", dann nehme ich sie noch einmal mit in die AG und lese sie laut vor. Dann diskutieren die Kinder äußerst lautstark und voller Enthusiasmus, was man an den Artikeln noch verbessern könnte. Im zweiten Anlauf sind sie dann bereits "rund". Ich merze die Tippfehler aus, verbessere hier und da die Grammatik, schneide ultralange Sätze in kurze. Im "Unterricht" sprechen wir außerdem über packende Überschriften, über Artikeleinleitungen und die "Chamäleontechnik". Letztere soll die Kinder dazu befähigen, die eigenen Texte kritisch und mit Abstand Korrektur zu lesen - so, als wären sie jemand anderes, der sich mit dem Thema überhaupt nicht auskennt. Und der sich fragt, ob wirklich alle Informationen im Text stehen, die von Interesse sind.

Es ist erstaunlich, wie schnell acht-, neun- oder zehnjährige Kinder in der Lage sind, richtig professionell "Zeitung zu machen", wenn man sie nur lässt und ein wenig in die richtige Richtung schubst. Und nebenbei lernen sie, sich auf dem Papier richtig auszudrücken, Dinge zu hinterfragen und moderne Medien wie den Computer oder das Internet zu benutzen.

Die Auflage wird komplett verkauft

So viel Mühe muss belohnt werden. Alle Texte werden deswegen in unserem Büro professionell in "CorelDRAW" gesetzt und mit Bildern versehen, die die Kinder nicht selten selbst mit der Digitalkamera der Eltern gemacht haben. Gestaltet werden die Seiten im A4-Format. Inzwischen sind unsere Schülerzeitungen selbst mit der Schriftgröße 10 Punkt ganze 34 Seiten dick. Wir drucken 260 Hefte auf dem Redaktions-Laserdrucker, der die Seiten beidseitig bedrucken kann. Dann müssen die fertigen Hefte nur noch in einem abendlichen Event vor dem Fernseher geklammert werden. 250 Hefte werden anschließend am Schultor komplett verkauft - zum Preis von einem Euro pro Stück. Um farbiges 100-Gramm-Papier und den teuren Eigendruck finanzieren zu können, besorgen wir inzwischen sogar Werbeanzeigen. Auch dabei helfen die Kinder mit. Zehn Hefte gehen sogar an den Bürgermeister und an weitere "wichtige Leute" aus der Stadt, die das Projekt interessiert verfolgen.

Nach drei Ausgaben der Schülerzeitung ist das computergestützte Projekt noch immer ungebremst in Fahrt. Die Kinder schreiben immer professioneller, es kommen immer neue Redakteure hinzu. Mit Merve konnte sogar ein türkisches Mädchen aus der vierten Klasse gewonnen werden, das jetzt aus ihrer Kultur berichtet. Der dumme deutsche Schüler - ein Märchen. Es wäre sicherlich schön, wenn sich weitere Journalisten dazu bereit erklären würden, die Patenschaft für ein solches Projekt an der eigenen Schule zu übernehmen. Dann fällt der nächste PISA-Test sicherlich gleich ein paar Prozentpunkte besser aus.

Carsten Scheibe, Typemania