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Scheibes Kolumne: PC-Nostalgie - Meine erste Cebit

stern.de-Kolumnist Scheibe erinnert sich: So 1994, 1995 besuchte er die Computermesse Cebit in Hannover zum ersten Mal - in seiner Funktion als Buchautor für den Rowohlt-Systhema-Verlag. Und natürlich heißt es auch hier: Damals war alles viel aufregender!

Anfang bis Mitte der Neunziger war das Internet noch verbreitet und die meisten Rechner hatten auch noch keine CD-Laufwerke. Das bedeutet, dass die gute, alte Diskette das Medium der ersten Wahl war, wenn es darum ging, neue Software auf den eigenen Rechner zu bekommen. Damals hatte ich meinen ersten wirklich leckeren Dauerjob. Für den Systhema-Verlag, der später zu Rowohlt-Systhema wurde, schrieb ich dicke 100-Seiten-Handbücher für bekannte Shareware-Programme. Handbuch und Software-Diskette kamen zusammen in einen knallgelben Pappkarton, der im Fachhandel vermarktet wurde. Die Reihe kam sehr gut an, die Produktion war preiswert - und so verfasste ich mit der Zeit weit mehr als 100 Handbücher für die verschiedensten Programme. Im Handel hatten wir eigene Drehständer, auf denen bis zu sechs neue Titel im Monat Platz fanden. Am besten liefen übrigens die Scherzprogramme.

Mein Betreuer damals war Rainer Lenzing, mit dem ich noch immer viele Projekte mache, wenn es sich ergibt. Unsere Redaktionskonferenzen damals waren legendär. Rainer flog nach Berlin oder ich nach München. Bei einem schönen Essen präsentierte ich dann tolle neue Programme, die meiner Meinung nach eine Vermarktung wert waren. Rainer sagte dann nein oder ja, manchmal diskutierten wir auch einmal kurz, aber meistens war die Quartalsplanung nach einer Viertelstunde im Sack.

Stress am Morgen: Das Auto ist weggesperrt

Der Erfolg gab uns Recht. Später waren wir mit die ersten, die Shareware-Sammlungen auf CD-ROM mit einem eigenen Menü im Handel angeboten haben. Robert Mundt hat uns das Menü seinerzeit geschrieben. Inzwischen ist er nach Thailand ausgewandert und lebt hier von den Registrierungen, die seine Shareware (WinAhnen, Crack) immer noch abwirft. Seiner Bekundung nach reichen da drüben einige Hunderter im Monat aus, um gut davon zu leben.

Nun, damals war es so, dass Rowohlt-Systhema einen fetten Stand auf der Cebit hatte. Mein Schreibkollege Marco Kratzenberg (www.ziemlichseltsam.de) und ich wurden eingeladen, den Stand mit zu betreuen. Hauptsächlich sollten wir die gelbe Shareware-Reihe vorstellen und Fragen dazu beantworten. Darauf hatten wir richtig Lust. Mal raus aus dem heimischen Kellerverlies und unter Leute kommen. Mit meinem damaligen roten VW Derby bretterten wir von Berlin nach Hannover und kamen dort in einem Privatquartier unter. Das war sehr nett. Jeder von uns hatte sein eigenes Schlafzimmer, wir bekamen Frühstück, und zur Messe war es eh nicht weit.

Ein Problem am ersten Morgen war nur, dass wir wohl auf dem falschen Parkplatz geparkt hatten. Als wir morgens zur Messe fahren wollten, hat uns jemand eine schwere Metallkette so vors Auto gespannt, dass wir nicht mehr ausparken konnten. So mussten wir mit dem Taxi fahren. Als wir am Abend zurückkehrten, lag die Kette schlaff auf dem Boden. Das sollte wohl das Signal für uns sein, uns doch bitte einen anderen Parkplatz zu suchen. Ich fuhr genau einen halben Meter rückwärts, bis beide Hinterreifen direkt auf der Kette standen. Was waren wir damals doch für böse Rebellen! Am nächsten Morgen konnten wir wieder mit dem Auto zur Messe fahren.

Profis im Hinterzimmer

Die Messe selbst fanden wir toll und aufregend. Gut, mein Kollege interessierte sich mehr für unsere Stand-Hostess, die er dann in der Folge auch besser beriet als alle anderen "Kunden" am Stand. Mir machte es aber sehr viel Spaß, den Besuchern zu erklären, wie das Shareware-Prinzip funktioniert und welche Software für ihren Anspruch die genau passende war.

Dabei kamen immer wieder Journalisten von den etablierten Medien an den Stand, um im winzigen Hinterzimmer Fragen zu stellen und Informationen austauschen. Das fand ich immer toll, denn hier saßen dann die bekannten Köpfe aus der "Chip", der "PC Praxis" und anderen Magazinen zusammen, um sich ohne Konkurrenzdruck darüber auszutauschen, was sie denn gerade erst auf der Messe entdeckt hatten.

Irgendwann merkten Marco und ich, dass die Vorräte an unseren Wandständern immer schneller zur Neige gingen: Die Besucher klauten unsere Software wie die Raben. Das war auch gar nicht so schwer, denn direkt neben dem Stand war eine Tür, die nach draußen führte. Wir beobachteten die Messebesucher. Sie liefen interessiert über den Stand, sammelten dabei Bücher und Software ein, postierten sich am Ausgang - und wenn niemand guckte, waren sie auch schon draußen. In der Folge postierten Marco oder ich uns abwechselnd draußen im Freien. Kam wieder einer mit einem Stapel Software aus der Halle geeilt, wurde er kurzerhand gestoppt und zum Umdrehen aufgefordert. Vor die Wahl gestellt, entweder zu bezahlen oder der Polizei gemeldet zu werden, zahlten die Diebe lieber. Trotzdem: Wir erwischten nicht jeden, und so schmolz uns die Ware unter den Fingern davon. Die Überlegung danach: Nie wieder einen Stand direkt am Ausgang buchen!

Das Wichtigste auf einer Cebit waren früher die Partys. Das ging bereits am Vorabend los, wenn Symantec zur beliebten Burn-In-Party in einer angesagten Bar lud. Hier kam man nur mit schriftlicher Einladung rein. Am riesigen Cocktail-Tresen trafen sich dann die Journalisten und Macher, um sich beim Smalltalk auf die Messe einzustimmen.

Ich weiß noch genau, dass auf einmal die Idee bei den Redakteuren aufkam, zum offenen Whiskey-Test aufzurufen. Dabei wurden uralte Single Malts geordert und verkostet. Ziel war es zu erraten, welcher Glen-Wasauchimmer da gerade im Glas war und ob es sich um einen jungen oder um einen alten Single Malt handelte. Ich möchte nicht wissen, was für eine Rechnung an diesem Abend zusammenkam. Fakt war, dass Symantec zwar auch noch im Folgejahr zur Burn-In-Party lud, es dann aber schon eine feste Karte gab, von der Gratis-Getränke bestellt werden mussten. Und Whiskey war nicht mehr dabei.

Summertime mit Felix Somm

Beeindruckend fand ich auch die Party der "PC Professionell", die damals noch bei Ziff-Davies erschien. Die "PC Pro" hatte den Ballsaal des Maritim Airport Hotels in Hannover gebucht. Das war ein ganz großes Event. Es gab ein internationales Buffet, das sich an drei Seiten um den großen Raum herumzog und eine richtig gute Live-Band mit schöner Sängerin, einem Cello und einem lasziv gehauchten "Summertime". Das Problem war auch hier, dass nur geladene Gäste hineinkamen.

Vor dem Eingang gab es einen Tisch und darauf lagen vorbereitete Namensschilder in Plastik zum Anstecken an die Anzugsjacke. Marco und ich fanden unsere Namen schnell. Aber wir hatten noch jemanden aus Berlin mit dabei, einen Lektor, der für einen großen Taschenbuchverlag Computer-Bücher betreute. Der hatte keine Einladung. Aber Mumm. Als Marco und ich noch unsere Namensschilder suchten, kamen gerade zwei Kollegen aus dem Saal und erzählten sich: "Felix Somm kann heute leider doch nicht kommen." Somm war damals der Chef von CompuServe und hatte richtig Ärger vor Gericht, weil CompuServe und damit er auf einmal dafür haften sollten, dass pornografische Inhalte in einer Usenet-Newsgruppe aufgetaucht waren, die CompuServe auf seinen Servern hostete. Somm wurde am Ende von den Vorwürfen freigesprochen.

Nun, unser Berliner Kollege hörte auch sehr genau, dass Felix Somm nicht die Party besuchen konnte. Und ich kann allen Lesern verraten - er war doch da. Er sah nur ein klein wenig anders aus als üblich. So verbrachten wir doch noch einen schönen Abend.

PS: Die Gedanken sind frei. Sicherlich kann ich mich nicht mehr an jedes Detail genau erinnern. Auch die Jahreszahl mag nicht genau stimmen. Das bitte ich mir nachzusehen.