Scheibes Kolumne Plötzlich war die Homepage weg!

stern.de-Mitarbeiter Scheibe hat die erste Krise des neuen Jahres bereits hinter sich gebracht: Am Montag waren plötzlich alle seine Homepages weg. Am Freitag waren sie wieder da. Was dazwischen passiert ist, erfahren Sie an dieser Stelle.

Meine berufliche Existenz liegt nach 17 Jahren des reinen Journalismus allein im Internet. Hier betreibe ich mehrere Web-Projekte, die inzwischen einen netten Pagerank haben und die viele Besucher anziehen. Seit Weihnachten aber hatten wir das Problem, dass unser Server das eine ums andere Mal plötzlich ausfiel - mal für ein paar Sekunden und mal für eine ganze Stunde. Das waren, wie wir jetzt wissen, die Vorboten des Unheils.

Montag: Auf zu einem schönen Urlaubstag!

Am Montag früh stelle ich noch ein paar letzte Texte online, starte ein Mailing und schließe dann das Büro ab. Mit der Familie geht es auf zum Tropical Islands, um hier zu baden und sogar die Nacht zu verbringen. Dazu haben die Veranstalter in der umgebauten Cargolifter-Halle extra kleine Zelte aufgebaut.

Während die Kinder plantschen und ich mal die Muße finde, ein echtes Buch zu lesen, schaue ich mich verstohlen um, ob ich nicht doch ein Internet-Terminal entdecke. Aber es ist keines da und so entspanne ich mich mit Rutschen, Futtern, Minigolf und einer netten Abendshow unter Palmen in Brandenburg.

Dienstag: Du musst jetzt ganz stark sein!

Nach einer Nacht in den simulierten Tropen geht es am nächsten Tag wieder nach Hause. Im Büro warten diverse Anrufe, ein paar Faxe und 685 Mails auf mich. 600 der Mails sind Spam und schnell gelöscht. Den Rest ackere ich in einer Stunde durch. Die letzte stammt von meinem Webmaster Denny und hat es in sich: "Du musst jetzt ganz stark sein, Carsten. Dein Server ist seit Montag früh um 6 Uhr nicht mehr zu erreichen."

Wie? Nicht zu erreichen? Ich öffne den Web-Brower, füttere ihn mit meiner Web-Adresse. Der Browser rödelt ewig rum und gibt sein Unterfangen schließlich bedauernd mit einer Fehlermeldung auf. In meinem Magen formiert sich ein Eiskloß. Kein Kunde kann mehr auf die Seiten? Das Buchungsformular ist blockiert? Oh Gott, das kostet jetzt richtig Geld.

Hektisch rufe ich meinen Webmaster an, der bereits mit dem Provider gesprochen hat. Nix genaueres weiß man nicht, man wird sich der Sache annehmen. Meine Finger zittern, und mir ist schwindelig, als hätte ich zu viel getrunken, wäre Achterbahn gefahren und hätte noch einen Schlag in den Magen bekommen. Ich zwinge mich dazu, ruhig zu bleiben, und meine normale Arbeit wieder aufzunehmen. Das fällt mir schwer, weil ich normalerweise alle paar Minuten per Mausklick checke, wie sich die Besuchszahlen auf meinen Homepages entwickeln. Ein echter Spleen, aber was soll man machen?

Nachts ist immer noch kein Server online - ich kann kaum schlafen. Sonst kriege ich immer Dresche von meiner Frau, weil ich schon schlafe, sobald mein Kopf das Kopfkissen berührt. Dieses Mal schläft sie vor mir ein.

Mittwoch: Die Festplatte ist kaputt

Am Mittwoch wissen wir es dann. Die Festplatte meines Servers ist kaputt. Wir bekommen nach unzähligen Telefonaten mit dem Support die Meldung, dass die Festplatte inzwischen ausgetauscht wurde und nun mit dem Zurückspielen der Daten begonnen wird. In ein paar Stunden müsste alles wieder online sein.

Das Problem: Ein paar Stunden später sind wir immer noch nicht wieder online. Ein Kunde ruft an und fragt vergnügt: "Na, gibt es euch schon nicht mehr?" Na, super. Wir kriegen also nicht nur ein Server-, sondern auch ein echtes Image-Problem.

Inzwischen fühle ich mich, als hätte man mir Arme und Beine amputiert. Irgendetwas fehlt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so auf meine Homepages angewiesen bin und mich so unvollständig fühle, wenn sie nicht da sind. Die Kinder backen mir einen Kuchen, um ihren Papa aufzuheitern. Wir mailen den ersten Kunden, dass ihre Aufträge mehr oder weniger ruhen müssen, bis alles wieder läuft.

Ich rufe jetzt selbst beim Support an, am Ende sicherlich 15- oder 20-mal. Jedes Mal habe ich sofort jemanden an der Leitung, jedes Mal ist es jemand anders. So komme ich mir vor wie beim Spiel "Ich packe meine Koffer". Jedes Mal erzähle ich minutiös, was genau und in welcher Reihenfolge passiert ist, und füge dann die aktuelle Entwicklung der letzten Stunden hinten an. Jedes Mal höre ich: "Ja, das sehe ich hier auch, Genaueres weiß ich aber auch nicht, ich habe keinen Zugriff auf das Rechenzentrum. Bitte warten Sie ab, das wird schon."

Donnerstag: Bitte geben Sie mir Ihren Vorgesetzten!

Hoch und heilig wurde mir versprochen, dass der Server am Donnerstag früh wieder einsatzbereit ist. Morgens stelle ich mir extra den Wecker früher, um in den Schulferien noch schneller als sonst beim Rechner zu sein. Doch die Wartezeit nach der Eingabe der Web-Adresse zeigt mir schon wieder: Alles ist beim Alten. Es ist nix da.

Wieder rufe ich beim Support an, habe wieder einen neuen Mitarbeiter dran und erzähle mein Tralala-Lied vom "Ich packe meinen Koffer". Der neue Kollege guckt, sieht "Datenrückspiegelung läuft" und sagt mir, das kann noch ein paar Stunden dauern. Immer noch? Wie lange wollen die denn noch ein paar kümmerliche Gigabyte zurückspielen? Ich beginne fast hysterisch zu werden, jammere um meine verlorene Existenz, drohe mit Anwälten, meiner Frau und bösem Karma und verlange nach dem Vorgesetzten. Den kriege ich dann überraschenderweise auch, wiederhole meine Rede der Marke "Ich packe meinen Koffer" und bettele um Hilfe. Mir wird zugesichert, dass jetzt im anscheinend viel zu weit entfernten Rechenzentrum angerufen wird.

Eine Stunde später kriege ich tatsächlich einen Rückruf. Die gute Nachricht: Mein Server müsste in kurzer Zeit wieder erreichbar sind. Die schlechte Nachricht: Alle Daten sind futsch. Die extra bezahlte RAID1-Sicherung auf eine separate Festplatte: Nur noch Datenmüll. Die normalen Backups des Rechenzentrums: Voller Datengrütze. Kein verwertbares Byte mehr dabei. Eine Entschuldigung für die völlig vergeigte Datensicherung bekomme ich nicht. Ein Mitarbeiter erklärt mir fröhlich: "Das ist so selten, dass in dieser Kombination alles schief geht, dass es wahrscheinlicher ist, einen Sechser im Lotto zu bekommen." Super.

Normalerweise ist das ja kein Problem. Wir waren aber selbst auch schusselig. Ich hatte nur einen vollständigen Server-Backup vom Mai 07, dazu mehrere Teil-Backups vom Oktober und vom Januar, die dank meiner maroden DSL-Internet-Anbindung aber nicht vollständig waren. Meine Buchhalterin Jeanine nutzte genau diesen Moment meiner inneren Ohnmacht, um mir einen vom Pferd erzählen zu wollen. Nämlich vom Voltigier-Verein ihrer Tochter. Kein guter Zeitpunkt. "Bitte - jetzt - nicht", wimmelte ich sie mit lautlos gehauchten Worten ab, um mich ganz auf die entsetzliche Leere in meinem Bauch konzentrieren zu können. Würden die Daten wirklich weg sein, dann würde es Monate kosten, sie zu restaurieren. Zumal Denny gleich meinte: "Ab Montag bin ich mit einem anderen Großprojekt beschäftigt." Au weia. Er hatte gerade erst im Dezember viel Energie in die Seiten gesteckt, um neue Ideen zu realisieren.

Ich rief erneut beim Support an, erzählte wieder meinen Koffer-Monolog, wurde zum Vorgestellten durchgestellt und bettelte. Wenn es irgendwo auf dieser Welt noch einen Backup meiner Daten geben sollte, dann MÜSSE er mir helfen, ihn zu finden und zu restaurieren. Der Mann versprach zu tun, was er könne.

Abends hatte ich dann tatsächlich die Meldung auf dem AB: "Backup gefunden, wird gerade zurückgespielt, abends müssten die Seiten wieder online sein."

Freitag: Alles wird gut!

Am Freitag sind die Homepages tatsächlich wieder da. Und auch noch auf dem neuesten Stand. Denny zieht aus der Stadt heraus mit einer schnellen DSL-Verbindung rasch ein Backup, ich stelle die neuesten Texte online und informiere die Kunden. Alles wird gut.

Am Ende bleibt die Erkenntnis meiner Frau: "Egal, wie schlimm es kommt, am Ende hast du immer Schwein." Ich persönlich muss sagen, dass ich es ein Unding finde, dass der Provider so viele Tage braucht, um eine Festplatte auszutauschen und einen Backup zurückzuspielen. Und ich muss mich selbst am Ohr ziehen, dass ich nicht viel intensiver an meine eigene Datensicherung gedacht habe. Puhh. Das Wochenende, das jetzt kommt, habe ich zur Erholung aber echt nötig.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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