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Scheibes Kolumne: Stillarbeit? Unmöglich!

stern.de-Kolumnist Scheibe kann nur bei lauter Musik arbeiten. Aber was sind eigentlich die perfekten Alben, um am PC in die Tasten hauen zu können? Fünf handverlesene Tipps helfen vielleicht auch Ihnen dabei, Ihre Arbeit schneller zu bewältigen.

Manche brauchen Stille zum Arbeiten, ich brauche Musik. Nonstop. Dabei habe ich meine Mitarbeiter schon oft in den Wahnsinn getrieben, weil ich morgens gern eine CD starte und sie dann bis zum Abend immer wieder und wieder höre. Ich brauche einfach einen Klangteppich, in dem ich jede einzelne Note kenne, sodass mich die Musik beim Schreiben unterstützt, aber nicht mehr ablenkt, weil ich ihr bewusst lausche. Und die Musik muss zur aktuellen Arbeitsstimmung passen. Grace Jones mit ihrer CD "Slave to the Rhythm" bringt Energie ins Arbeiten, The Doors mit "Riders on the Storm" schärfen die Konzentration und George Winstons Klaviermusik stimmt mich friedlich, wenn ich gerade schlechte Laune habe. Auch die vielen Whisky-Blues-Sampler von Taxim kommen gut am Arbeitsplatz - raue, ehrliche Blues-Musik mit viel Steel Gitarre, das ist so, als würde man im House of Blues sitzen und tippen, während hinter einem die Band abrockt.

Ich habe jetzt über tausend Musikalben in meiner iTunes-Bibliothek (samt und sonders ohne Raubkopien) und stelle überrascht fest, dass ich beim Arbeiten doch immer wieder an den selben Scheiben hängen bleibe.

The Best of Jon And Vangelis: Konzentration ist gefragt

Beim Arbeiten lasse ich mich leider leicht ablenken. Wenn ich mich konzentrieren und mal eine Stunde richtig bei der Sache bleiben muss, um eine Deadline zu halten, dann lege ich gern "The Best of Jon And Vangelis" ein. Vangelis ist ein begnadeter Synthesizer-Spieler aus Griechenland, der in den letzten Jahrzehnten unzählige gute Filmmusiken für Hollywood geschrieben hat. Zusammen mit Yes-Frontmann Jon Anderson hat er zwischen 1979 und 1991 vier Alben aufgenommen, auf denen auch kräftig gesungen wird. Der bekannteste Song der beiden ist "I'll Find My Way Home" - kitschig, aber ganz nett. Auf der Best-of-Sammlung ist aber auch das grandiose und 11:50 Minuten lange "The Friends Of Mr. Cairo" zu hören, eine wunderbare Gangster-Geschichte mit vielen Sprecheinlagen unterschiedlichster Personen, einem hypnotischen Klangteppich und einem Gesang voller Power und Energie. Diesen Song kann ich sechs Mal nacheinander hören, er peitscht mich richtig durch einen schwierigen Text und so schaffe ich es, in kürzester Zeit gute Resultate abzuliefern. Die anderen Lieder der CD schaffen das nur bedingt, deswegen bleibe ich meistens bei Mr. Cairo.

Bryan Ferry - As Time Goes By: Heute mal ganz entspannt

Zu viel Stress ist nicht gut. Wenn ich merke, dass ich eigentlich Zeit und Muße habe, um ein paar Stunden am Stück richtig in einen Text einzutauchen, dann kommt Bryan Ferry zum Einsatz - vor allem, wenn ich neue Drehbücher für meine Pferde-Hörspiele um Lisa und Marie schreiben möchte. Ferry ist der Leadsänger von Roxy Music und gilt als "coolster lebender Engländer". Er hat mit seiner einzigartigen und immer ein wenig leidend klingenden Stimme eine Menge durchschnittliches Zeug geschrieben. Ein echtes Kleinod ist allerdings das 1999 aufgenommene Album "As Time Goes By". Ferry nimmt sich hier altbewährte Songs aus den Zwanzigern und Dreißigern vor - ruhige Nummern zum Träumen, die er ausschließlich mit Instrumenten und der Studiotechnik aus der damaligen Zeit aufgenommen hat. Diese Platte ist so schön, dass es schon fast weh tut. Vor allem das getragene "As Time Goey By", das sinnliche "I'm In The Mood For Love" und das wunderbar erzählte "Miss Otis Regrets" treiben mir immer wieder die Gänsehaut über den ganzen Körper. Ferry gelingt es mit dieser Scheibe, einen in eine Welt zu entführen, in der es deutlich weniger hektisch zuging. Das nimmt den Druck aus dem Schreiben. Nebenbei denke ich, dass bei dieser Platte schon viele Kinder gezeugt wurden. Es bietet sich an.

Spear of Destiny 1985 - Live At The Lyccum: Hart, dreckig, ungeschliffen

Manche Texte sind reine Fleißarbeiten. Sie müssen nur einfach rausgerotzt und zu Papier gebracht werden. Wenn es bei mir genau darum geht, dann hau ich Spear of Destiny in den Player. Die treibende Gitarren-Musik der englischen Band hilft dabei, erst einmal ungeschliffene, kantige Textmasse zu produzieren. Um die wirklich nötige Überarbeitung und den Feinschliff kümmere ich mich dann, wenn wieder etwas anderes läuft. Hinter Spear of Destiny steht der Brite Kirk Brandon, der in den Achtzigern die geniale Gothik-Band Theatre of Hate gründete und dann 1983 aus den Hate-Trümmern Spear of Destiny formierte. Die Gitarrenband hört sich gerade auf den frühen Alben richtig energiegeladen an. Wunderschöne Songs mit eingängigen Melodien, echter handgemachter Rockmusik und der oft holprigen und krächzenden Stimme von Kirk Brandon sind nie gut genug für das Massenpublikum, aber ein echter Geheimtipp unter Fans. Ich liebe die Live-Aufnahme von 1985 besonders, weil der Sound hier noch rauer, ungeschliffener und authentischer ist. Die treibende Musik gibt mir echt einen virtuellen Tritt in den Arsch und sorgt dafür, dass ich bei meinen Anschlägen pro Minute noch mal 100 Tasten draufsattele. Meine Anspieltipps sind das traurige "Mickey", das ohrwurmige "Come Back" und das depressive "These Days Are Gone".

Fehlfarben - 33 Tage in Ketten: Die musikalische Domina

Man hat ja nicht immer Lust zum Arbeiten. Wenn Schmeicheln, Locken und Motivieren nicht hilft, dann muss eben die musikalische Domina her. Oft genug sind es die Jungs von Rammstein, manchmal auch die von Grauzone, die mich in diesem Fall antreiben - frei nach dem Motto: Egal, ob du Lust hast oder nicht, du schreibst jetzt gefällig. Zurzeit habe ich aber immer die deutsche Band Fehlfarben auf dem Plattenteller und zwar mit dem Album "33 Tagen in Ketten". Fehlfarben wurde 1979 in Düsseldorf gegründet und stand schon damals schnell außerhalb der eher lustigen Neuen Deutschen Welle. Fehlfarben macht laute und harte Rockmusik mit genialen Texten von Sänger Peter Hein, die auch nach dem viertausendsten Hören noch etwas zu bieten haben. Auf der Ketten-CD gibt es das sauschnelle und harte "Tanz mit dem Herzen", das über den Subwoofer gespielt das Büro zum Beben bringt, das marschige "Der Mensch" und das wild getrommelte "Hutschläger". Jeder Song ein Volltreffer - so soll es sein. Wenn diese Scheibe den ganzen Tag läuft, habe ich abends eigentlich immer mein ganzes Pensum abgearbeitet.

Neil Young - Dead Man: Wenn nix mehr geht

Wie motiviert man sich eigentlich musikalisch nach einer Katernacht mit zu wenig Schlaf, schlechtem Geschmack im Mund und NULL Lust zum Arbeiten? Bei mir gibt es da nur eins. Ich hole mir die CD von Neil Young mit dem Soundtrack zum Jim-Jarmusch-Western "Dead Man" (mit Johnny Depp in der Hauptrolle) aus dem Schrank. Man sagt, dass der kanadische Gitarrengott den gesamten Soundtrack im allerersten Take komplett aufgenommen hat, während vor ihm auf der Leinwand der Rohschnitt des Films lief. Der ganze Soundtrack besteht aus kurzen "Hörspiel"-Ausschnitten aus dem Film und zwischengelagerten Gitarrenklangteppichen mit bis zu 15 Minuten Länge, die nur aus überlagerten Rückkoppelungen, grollenden Gitarrenschwingungen und hart angezupften Riffs bestehen. Young schafft hier das Äquivalent eines aggressiven Sound-Gewitters, das immer schneller näher kommt und genau über den Kopf des Hörers explodiert und abregnet. Ich möchte nicht wissen, wie dieser Soundtrack "auf Droge" kommt. Mich macht die Scheibe wach, fokussiert und schreiblustig, aber auch aggressiv, fies und destruktiv. Am besten ist es, wenn ich mit diesem Klangteppich im Hintergrund schön süffisante Verrisse schreibe.

Welche CDs hören Sie am PC? Schreiben Sie es uns doch als Kommentar.